Interview mit MVA-Chef: Warum Entsorgung von Klärschlamm in Bonn sinnvoll ist

Interview mit MVA-Chef : Warum Entsorgung von Klärschlamm in Bonn sinnvoll ist

Die Stadt Bonn muss bis 2029 eine Anlage für die Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm vorweisen. Manfred Becker, Chef der Müllverbrennungsanlage, hält die Aufbereitung am Dickobskreuz für wirtschaftlich sinnvoll – in der Bürgerschaft regt sich Widerstand.

Herr Becker, warum braucht Bonn überhaupt eine Klärschlammverbrennungsanlage?

Manfred Becker: Einfach gesprochen, um den Klärschlamm zu entsorgen. Bonn hat eine solche Anlage am Standort Salierweg, die allerdings sehr alt ist und ertüchtigt werden müsste, um den neuen Anforderungen des Gesetzgebers zu genügen. Die Frage für die Stadt Bonn lautet derzeit: Was machen wir in Zukunft? Wird die bestehende Anlage modernisiert, neu gebaut oder beteiligt man sich woanders?

Warum halten Sie die Lösung an der MVA für sinnvoll?

Becker: Aus mehreren Gründen: Es ist die einzige, bei der ein Energiegewinn entstehen wird. Die Symbiose von Klärschlammverbrennung, Müllverwertung und Heizkraftwerk und dem Fernwärmeanschluss am Heizkraftwerk Nord auf der anderen Straßenseite ist ideal. Das Zweite ist: Durch die Müllverwertungsanlage können wir Synergien und Vereinfachungen erzielen, die wir nutzen können, weil Infrastruktur bereits vorhanden ist. Diese Synergien wird es am Salierweg nicht geben, die Anlage würde unwirtschaftlich bleiben. Und das würde der Gebührenzahler am Ende auch zu spüren bekommen. Bei unserem Konzept profitiert er doppelt: Durch niedrige Kosten für die Klärschlammentsorgung und durch Kosteneinsparungen bei der Abfallverwertung.

Unter den Anwohnern gibt es Sorgen, dass der Anlieferverkehr zunehmen wird und weitere Nachteile entstehen könnten.

Becker: Die Fakten, die wir in einer Reihe von Gutachten mittlerweile untersucht haben, haben ergeben, dass die zusätzlichen Emissionen und letztlich die Immissionen, die die Bürger befürchten, äußerst gering sein werden. Der Gesetzgeber sagt, sie liegen unter der Irrelevanzgrenze. Das klingt nicht gerade bürgerfreundlich. Es bedeutet aber, dass die Zusatzbelastung ausgesprochen niedrig ist und dass ein solches Verfahren aus Sicht des Gesetzgebers genehmigungsfähig wäre.

Was ist mit dem Verkehr?

Becker: Wir haben ein Konzept erarbeitet, das auf dem Einsatz von Elektro-Lastwagen in eigener Regie beruht. So könnten wir den Transport sehr gut disponieren. Diese Fahrzeuge haben den Vorteil, dass sie leise sind und in der Nacht fahren dürfen. Es soll also keine zusätzliche Belastung in den Verkehrsspitzen stattfinden.

Mit diesen Fahrzeugen würde der Klärschlamm abgeholt?

Becker: So ist es. Mit der Abfallanlieferung hätte das nichts zu tun. Das zusätzliche Verkehrsaufkommen läge bei etwa 30 Lastwagen am Tag – also 60 Fahrten von und zur MVA. Mit einer Flotte von 13 bis 15 Lkw wäre das nach unseren Berechnungen zu bewerkstelligen.

Das heißt, Sie müssten investieren.

Becker: Die Elektro-Lkw werden teurer sein als Dieselfahrzeuge. Die Mehrkosten würden natürlich eingepreist in das Angebot für die kommunalen Partner, mit denen wir zusammenarbeiten wollen. Wir würden also nicht nur die reine Entsorgung des Klärschlamms anbieten, sondern auch die dahinterstehende Logistik. Da wir das auf die Kommunen verteilen würden, ist das aus meiner Sicht nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch das beste Konzept.

Sie sprachen von 60 Fahrten pro Tag. Wie viele sind es derzeit?

Becker: Wir liegen derzeit bei 117 Fahrten, da sind allerdings alle Fahrten mit drin, also nicht nur die Abfallfahrten, sondern beispielsweise auch der Abtransport von Schlacke. Damit liegen wir weit unter der Grenze des Erlaubten, die bei 228 Lastwagen am Tag liegt.

Warum haben SWB und Stadt beim Klärschlamm solch einen Zeitdruck aufgebaut?

Becker: Da will ich widersprechen. Druck haben wir als MVA nicht, die Stadt hat aus meiner Sicht ebenfalls keinen direkten Druck. Der Druck kommt von anderer Seite, und er ist mir auch in gewisser Weise verständlich. Auf dem Tisch liegen ja mehrere Varianten. Neben der MVA-Lösung ist ein Neubau am Salierweg möglich. Und dann wäre da noch die Variante, eine große Verbrennungsanlage an einem Standort wie Düren mit den städtischen Entwässerungsbetrieben Köln, dem Eifel-Ruhr-Verband und dem Rhein-Erft-Verband zu bauen. Nun sagt der Gesetzgeber, bis 2029 müssen große Kommunen das Thema Klärschlammentsorgung gelöst haben. Wenn eine solche Kooperationsgemeinschaft an einem komplett neuen Standort eine solche Anlage errichten will, braucht sie in Deutschland in der Regel zehn Jahre. Das wird also eng. Bei einem bestehenden Standort wie der MVA rechne ich mit sechs, höchstens sieben Jahren.

Aber Sie haben sich dem Druck doch gebeugt. Schließlich haben Stadt und SWB auf eine Entscheidung vor der Sommerpause gedrängt.

Becker: Das sehe ich so nicht. Das Tiefbauamt hat das Thema in den Ausschüssen seit mehr als zwei Jahren besetzt. Die MVA ist vor einem Dreivierteljahr hinzugekommen. Das Thema ist also nicht neu. Aber wenn Sie den Termindruck aus Köln betrachten und Sie von Beugen sprechen, ist da etwas Wahres dran, was meines Erachtens ebenfalls für eine eigene Anlage spricht. In einem Viererverbund wäre Bonn ein vergleichsweiser schwacher Partner.

Wie optimistisch sind Sie, dass Sie die Politik überzeugen können?

Becker: Vor der Sommerpause und vor dem Bürgerentscheid gegen ein neues Bad war ich noch etwas optimistischer. Wir müssen letztlich mit Argumenten überzeugen. Aus diesem Grund laden wir auch am Samstag, 22. September, zu einem Tag der offenen Tür in die MVA ein.

Die MVA ging 1992 an den Start. Kritisch betrachteten viele die Größe, die für weit mehr als den Bonner Müll ausreichte. Wie ist heute die Auslastung?

Becker: Die Anlage ist voll ausgelastet. Die MVA ist in ihrer Historie eng verknüpft mit der damaligen Bundeshauptstadt. Sie verfügt über drei autarke Verbrennungslinien, die dritte Linie war als Reservelinie gedacht. Ausgelegt war die MVA ursprünglich für 180 000 Tonnen Siedlungsabfall, die die Stadt vorbildlicherweise nie geliefert hat. Mit der Zeit hat sie beschlossen, dem Bedarf nach Abfallentsorgung in der Region Rechnung zu tragen und die dritte Linie dafür zu nutzen. Die Folge war die Gründung des Zweckverbands. Umgekehrt erbringt der Rhein-Sieg-Kreis beispielsweise für die Stadt Leistungen in der Sickerwasseraufbereitung, der Biokompostierung und beim Sperrmüll. Es gibt also eine wechselseitige Auslastung der jeweiligen Anlagen, eine ganz hervorragende Idee. In der Abfallwirtschaft setzen wir auf die intensive Zusammenarbeit mit der Region und garantieren so transparente Entsorgungssicherheit bei niedrigen Kosten. Diese Philosophie möchten wir auch auf die Klärschlammentsorgung ausdehnen.

Wie viel Müll verbrennt die MVA?

Becker: Im Jahr verbrennen wir etwa 250.000 Tonnen. 165.000 kommen als reiner Siedlungsabfall aus der Region, knapp 70.000 davon kommen direkt aus Bonn, 10.000 Tonnen Sperrmüllsortierreste kommen sowohl aus Bonn als auch aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Der Rest ist Gewerbeabfall.

Welche Investitionen kommen auf die MVA selbst zu, nach nun 26 Jahren im Betrieb?

Becker: Wir machen uns schon Gedanken über die Modernisierung, intensiv werden wir uns diese Gedanken machen müssen, wenn geklärt ist, ob die Klärschlammverbrennungsanlage kommen wird oder nicht. Da hier eine relativ kleine Mannschaft den Betrieb aufrecht erhält, werden wir uns dafür auch Sachverstand von außen holen müssen, der Geld kostet. Dieses Fass machen wir also erst auf, wenn das Thema Klärschlammverbrennung geklärt ist.

Wie viel trägt die MVA zum Gewinn des SWB-Konzerns bei?

Becker: Nicht so viel, aber das ist auch so gewollt. Der Siedlungsabfall finanziert sich letztlich über den Verbrennungspreis und damit über den Gebührenzahler. Da liegen wir im Ergebnis in einer Größenordnung zwischen 500 000 und maximal einer Million Euro pro Jahr. Der wesentliche Wert der MVA liegt meines Erachtens in der soliden Lieferung von Energie für das Heizkraftwerk auf der anderen Straßenseite.

Immer wieder melden uns GA-Leser, dass sie schwarzen Rauch aus dem Schornstein aufsteigen sehen. Wie sauber ist der Wasserdampf?

Becker: Was den 98 Meter hohen Schornstein verlässt, ist zu mehr als 99 Prozent Wasserdampf. Im Sommer sieht man ihn nicht, im Herbst dagegen stärker. Die Wolken erscheinen dunkler, abhängig von Sonneneinstrahlung und Verschattung. Das Gesetz schreibt Grenzen für den Schadstoffausstoß vor, bei Stickoxiden beispielsweise unterschreiten wir den erlaubten Anteil im Jahresmittel bei weitem. Die Werte werden im Zwei-Minuten-Takt an die Bezirksregierung Köln als Aufsichtsbehörde gemeldet. Diesen hohen Standard würden wir auch als Maß auf die Klärschlammverbrennungsanlage anlegen.

Die Investoren eines Pop-Tempels, der auf dem Schlachthof-Gelände entstehen soll, sagen, sie kommen nicht weiter, weil ein Gutachten der MVA fehlen würde. Wo hakt es?

Becker: Ich habe bislang nicht gesehen, dass diese Investoren in die Gänge gekommen wäre. Die Gründung einer angekündigten GmbH gibt es bis heute nicht. Es gibt zwei Gutachten. In dem ersten werden Maßnahmen zum Schutz der MVA empfohlen, die wir auf Anraten der Stadt ein zweites Mal haben juristisch überprüfen lassen.

Um Ihre Rechte zu wahren?

Becker: So ist es. Und nicht nur die Rechte der MVA, sondern auch die des Heizkraftwerks. Das neue Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass sich das noch optimieren ließe. Es liegt nun bei der Stadt, die den Umgang mit diesen Empfehlungen prüft. Sie muss schließlich letztlich eine Entscheidung treffen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Einschätzung das Aus des Pop-Tempels bedeutet.

Zum Tag der offenen Tür lädt die MVA für Samstag, 22. September, von 12 bis 16 Uhr ein. Experten erläutern die Anlage.

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