Der Winter in Bonn: Warum der Rhein nicht mehr zufriert

Der Winter in Bonn : Warum der Rhein nicht mehr zufriert

Es gibt keine Eiszeit mehr auf dem Rhein. Der Grund ist die deutlich höhere Durchschnittstemperatur als vor 50 Jahren

Hans Hülter erinnert sich noch ganz genau: „Ich bin Weihnachten 1962 mit meiner Mutter an den Rhein gefahren. Dort, in Höhe des Langen Eugens, haben wir uns das Naturspektakel angesehen“, erzählt der gebürtige Kessenicher. „Es war wirklich unbeschreiblich kalt und überall türmten sich riesige Eisschollen auf. Das war ein unbeschreiblicher Anblick. Meine Mutter hatte wohl auch etwas Angst, denn sie hat mich nicht von der Hand gelassen hat“, lacht der 62-Jährige. Doch nicht nur Familie Hülter lockte das einzigartige Schauspiel an. „Überall waren Menschen mit Schlitten und auf Schlittschuhen unterwegs“, berichtet er weiter.

„Auf dem Rhein tanzen und flüstern die Schollen“, titelte der General-Anzeiger im Januar 1963. In Bonn herrschte damals ein besonders eisiger Winter. Schiffe mussten die Schutzhäfen in Godorf und Oberwinter anlaufen. Es dauerte nicht lange, da regte das Naturschauspiel die Fantasie der Bonner an. So berichtete einer, dass er einen Seehund gesehen habe. Bei näherem Betrachten handelte es sich jedoch nur um eine dreckige Eisscholle.

In diesem Winter herrschte fast vier Monate lang eine klirrende Kälte, nachts zeigte das Thermometer oft Temperaturen im zweistelligen Minusbereich an. Bis Emmerich hatte sich eine geschlossene Eisdecke gebildet.

Ein solches Naturschauspiel ist heute allerdings so gut wie unmöglich. „Wir werden wohl nicht mehr erleben, dass der Rhein zufriert“, erklärt Michael Martin Haas vom Wasser- und Schifffahrtsamt Köln. Das hat viele Gründe: Zum einen seien die Zeitspannen extremer Kälte aufgrund der Erderwärmung nicht mehr lang genug. Zudem hat sich die Wassertemperatur durch die Industrie entlang des Stroms erhöht. Heute ist das Rheinwasser im Schnitt ein Grad wärmer als noch vor 50 Jahren. „Die Wassertemperaturen sinken nicht mehr unter null Grad“, so Haas. Außerdem hat sich durch die vielen Strombegradigungen die Fließgeschwindigkeit in den vergangenen 80 Jahren verdoppelt. Dadurch können sich selbst bei starker Kälte kaum noch Eiskristalle miteinander dauerhaft verbinden. Letztmals fror der Rhein im Jahr 1929 komplett zu.

Der vereiste Rhein

„Sibirische Kälte in Deutschland“, so lautete etwa am 11. Februar 1929, auf den in diesem Jahr ausgerechnet der Rosenmontag fiel, die Schlagzeile der „Honnefer Volkszeitung“ (HVZ). Zu diesem Zeitpunkt hatten die über Wochen anhaltende Kälte und die zunehmende Eisbildung auf dem Rhein bewirkt, dass der Fluss zunächst zwischen Bingen und Sankt Goar bereits auf einer Länge von 20 Kilometern zugefroren war – ebenso wie übrigens der Laacher See. Eine ähnliche Situation herrschte an der Mosel, an deren Staustufen sich das Eis zum Teil zu vier Meter hohen Schichten getürmt hatte und den Schiffsverkehr behinderte. Begünstigt wurde das Zufrieren damals vom äußerst niedrigen Wasserstand, der infolge der Eisdecke an Mosel und Mittelrhein in Höhe des Siebengebirges noch weiter sinken sollte. Dort schloss sich die Eisdecke auf dem Strom dann Mitte Februar.

In Königswinter sank das Thermometer am Rosenmontag auf 14, in den Bergorten sogar auf 19 Grad unter Null. Andernorts setzte das Thermometer noch einen drauf: Während es zwar in Frankfurt am Main mit 21,5 Grad Frost am 12. Februar noch beinahe mild war, wurden an jenem Tag in Frankfurt an der Oder sowie in München, Wien und Zürich 31,2 Grad Kälte gemessen. In Oberschlesien sank die Quecksilbersäule gar auf die Tiefstmarke von 37,2 Grad.

In Bonn und der Region füllten derweil Beinbrüche, Erfrierungen und Unfälle, bei denen spielende Kinder ins Eis einbrachen, die Nachrichtenspalten. Das Beste aus der Situation machten die Menschen an der Mosel, die auf dem zugefrorenen Fluss unter Beteiligung Tausender Gäste sogenannte „Eisfeste“ feierten. Auch unterhalb des Drachenfelsens spielten sich wenig später zwischen Buden und Karussells volksfestartige Szenen ab.

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