Selbsthilfegruppe in Bonn: Von den eigenen Kindern verlassen

Selbsthilfegruppe in Bonn : Von den eigenen Kindern verlassen

"Die aggressivste Form von Bestrafung" nennt ein Bonner Vater den Umstand, dass seine Tochter ihn nicht mehr sehen will. Für Betroffene gibt es in Bonn eine Selbsthilfegruppe mit dem Namen "Verlassene Eltern".

Vergangene Woche war wieder so ein Tag, an dem Martin Krause in ein richtig schönes Konzert gegangen ist. "Das gehört zu meiner Strategie, am Geburtstag meiner Tochter damit fertig zu werden, dass sie mich nicht mehr sehen will", sagt Krause, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Seit fünf Jahren hat der Mittfünfziger sie und ihre Familie nicht mehr getroffen. "Das ist die aggressivste Form von Bestrafung. Man schläft mit diesem Schmerz ein und wacht mit ihm wieder auf", sagt Krause ganz leise. Das Enkelkind hat er nach der Geburt noch besucht. Dann habe die Tochter sich immer weniger zurückgemeldet - ein schleichender Prozess. Zum endgültigen Bruch sei es gekommen, als sie ihm erklärte, sie müsse ihre Ehe schützen und den Kontakt abbrechen. Ihr Mann habe ansonsten mit der Trennung gedroht.

"Ich weiß bis heute nicht warum. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht oder Falsches gesagt habe", sagt Krause und schluckt. An den Geburtstagen seiner Tochter und des Enkelkindes sitze er dann eben in einem schönen Konzert. "Denn bei wunderbarer Musik kann ich alles für eine Weile vergessen." Krause schweigt erst einmal.

Krause ist Teilnehmer der Bonner Selbsthilfegruppe "Verlassene Eltern"

Der Mann hat alle Stufen der Depression hinter sich. Eine Therapie half ihm wieder auf die Beine. Das Rätsel, warum er von der Familie seiner Tochter isoliert ist, ohne dass jemand ihn über die Gründe aufklärte, blieb. Inzwischen ist Krause Teilnehmer in einer der Bonner Selbsthilfegruppen "Verlassene Eltern", koordiniert vom Paritätischen Verband NRW. Es sind Menschen quer durch die Gesellschaft und die Generationen dabei. "Derzeit nehmen in unserer Gruppe sieben Personen teil. Wir nehmen aber noch gerne zwei, drei weitere Betroffene auf", sagt Gruppenleiterin Birgit Willenberg-Ossege.

Sie sammelt derzeit auch in Unkel in einer ähnlichen Gruppe Leitungserfahrung. "Eine Selbsthilfegruppe bietet keine Therapie, kann also Therapie nur ergänzen", erläutert Willenberg-Ossege. In der Gemeinschaft könnten Betroffene jedoch "mit Gleichen" reden, Erfahrungen austauschen, Belastendes berichten, ohne dass jemand es werte oder mit Vorurteilen behafte. "Bekannte und Freunde können ja meist mit einer unfassbaren Situation wie der, dass ein Kind den Kontakt zu seinen eigenen Eltern abbricht, nicht umgehen", weiß Willenberg-Ossege.

Meist ist nicht klar, was genau schlecht gelaufen ist

Jeder Betroffene frage sich natürlich, was er falsch gemacht, welche Schuld er auf sich geladen hat. Alle wüssten, dass jeder in der Erziehung seiner Kinder und dann, wenn sie herangewachsen seien, Fehler mache. Aber bei den verlassenen Eltern sei eben meist nicht klar, was genau schlecht gelaufen ist. "Das sind diffuse Gefühle, die die Gruppe teilt", sagt die Leiterin und erinnert an das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Bibel.

Zu Beginn der Gruppensitzung schildere jeder, der wolle, kurz, was gerade für ihn ansteht. Genauso wie die Endrunde, in der jeder das sage, was er aus dem Treffen mitnimmt, blieben die Beiträge unkommentiert im Raum. "Dazwischen haben wir regen Austausch. Und jeder erfährt eine Wertschätzung", berichtet Willenberg-Ossege.

Martin Krause jedenfalls tun die Gruppentreffen ungemein gut. Er sei inzwischen soweit, dass er sich, wenn die Tochter wieder Kontakt aufnehmen würde, einfach nur wahnsinnig darüber freuen werde. "Ich werde sicher nicht darauf drängen, dass belastende Dinge wieder aufgerollt werden." Er würde einfach nur unendlich dankbar sein, sein Kind und dessen Familie wiedersehen zu können.

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