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GA-Serie: Tom Schmidt: Vom Kopf der "Schmuddelkinder" zum Wortführer der Grünen

GA-Serie: Tom Schmidt : Vom Kopf der "Schmuddelkinder" zum Wortführer der Grünen

Am 1. Juli feiert Tom Schmidt sein 30. Dienstjubiläum als Geschäftsführer der Grünen-Ratsfraktion. Dass der 58-Jährige zum Vollblutpolitiker wurde, hat er seinem Vater zu verdanken. Obwohl – oder vielleicht sogar weil – der Vater CDU-Mitglied war.

Kommunalpolitik hat Tom Schmidt von Kindesbeinen an gelernt. Sein Vater, der Lehrer und Buchautor Norbert Schmidt, war jahrzehntelang Ratsmitglied und Bürgermeister der Stadt Bad Driburg. Eine Kleinstadt im Kreis Höxter, wo Thomas Schmidt – so sein Taufname – als viertes von sechs Kindern groß wurde.

Studiert hat er in Bonn. Katholische Theologie und Philosophie. „Mit Abschluss“, betont er. Warum er das hervorhebt? „Ich werde das halt oft gefragt“, sagt Schmidt. Vielleicht liegt es am Äußeren: Sein stets leicht zerzaustes Haar, der Bart und das Faible für T-Shirts mögen das Klischee des ewigen Studenten wachrufen. Zur Fraktion kam er aus pragmatischen Gründen: „Ich brauchte Geld, ich musste ja von irgendetwas leben.“ Damals, er war noch Student und stand kurz vor seinem Examen, engagierte er sich in der Friedensbewegung.

Der Paderborner Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann, ein Freund der Familie und Tom Schmidts Religionslehrer, schrieb in einem Vorwort zu einem Buch von Norbert Schmidt, der Autor verfüge über „einen unersättlichen Hunger nach neuer Erkenntnis verbunden mit dem Wunsch, das neu Erkannte an andere weiterzugeben, plus ein hohes Maß menschlicher, das heißt pädagogischer und politischer Verantwortung“. Worte, die man durchaus auch dem Sohn ins Buch schreiben könnte.

Als er Anfang 2015 zum Oberbürgermeister-Kandidaten gekürt wurde, ahnten viele: Dieses Mal hatten die Grünen keinen Zählkandidaten aufgestellt. Tom Schmidt war bekannt wie ein bunter Hund. Obwohl ohne Ratsmandat, galt er als Wortführer der Grünen. Maßgeblich hatte er in der Ratsperiode von 2009 bis 2014 dazu beigetragen, dass die Koalition mit der CDU beinahe reibungslos funktionierte. „Ich weiß eben, wie Christdemokraten ticken. Ich hatte ja selbst einen zu Hause“, sagt er und lacht. Die OB-Wahl bezeichnet der 58-Jährige als „positivste Erfahrung, die ich in der Kommunalpolitik gemacht habe“. Mit nur anderthalb Prozent Rückstand hinter dem zweitplatzierten SPD-Bewerber errang Schmidt mehr als einen Achtungserfolg. Als kluger Kopf und pointierter Redner hatte er viele Wähler überzeugt.

Tom Schmidt muss noch heute lachen, wenn er an die Anfänge der Grünen in Bonn denkt: „Wir waren damals die Schmuddelkinder.“ Das änderte sich, als der Bundestag 1991 den Umzug von Parlament und Teilen der Regierung nach Berlin beschloss. Selbst die Konservativsten in der CDU mussten eingestehen, dass die Grünen in den Arbeitsrunden zur Zukunft Bonns konstruktiv mitarbeiteten. Schmidt vergisst nie, wie der damalige Stadtdirektor und CDU-Mann Klaus Rauen ihn einmal ausdrücklich lobte und meinte, mit dem Schmidt könne man in der Frage Bonn-Berlin sehr gut zusammenarbeiten.

Zu den negativsten Erfahrungen zählt Schmidt den WCCB-Bauskandal. „Politik und Verwaltung haben dadurch viel an Vertrauen bei den Bürgern eingebüßt. Das ist bis heute nicht aufgearbeitet.“ Deshalb ist es ihm so wichtig, dass die dafür Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden. Dass es nun zu einer Schadensersatzklage gegen Ex-OB Bärbel Dieckmann und ehemalige städtische Mitarbeiter kommt, ist auch auf seine Hartnäckigkeit zurückzuführen.

In seiner eigenen Fraktion erfährt Tom Schmidt inzwischen häufiger Gegenwind. Der einst so mächtige Fraktionsgeschäftsführer hat unter den neuen Fraktionsspitzen Federn lassen müssen. Leicht fällt es ihm nicht, ins zweite Glied zurückzutreten. Streitbar ist er weiterhin. Wenn es um die Sache geht.

Tom Schmidt gönnt sich inzwischen mehr Auszeiten. Das war in der Vergangenheit, vor allem in der Hochphase des WCCB-Skandals, anders. Urlaube verschob er, Überstunden konnte er kaum noch zählen. Mit Ehefrau Petra, mit der er seit 1992 zusammen ist und in Friesdorf lebt, verreist er im Sommer wie im Winter mit dem Wohnwagen. „Viele denken, Wohnwagen ist doch nur was für Spießer. Aber dann bin ich gerne ein Spießer“, sagt er und grinst. Ein anderes Hobby hat der Vater von vier erwachsenen Kindern erst vor drei Jahren entdeckt: Als der jüngste Sohn Joschka als Entwicklungshelfer nach Afrika ging, übernahm er dessen Klavierstunden.