Anwohner kritisieren Unternehmen: Viktoriakarree in der Bonner Innenstadt verwahrlost

Anwohner kritisieren Unternehmen : Viktoriakarree in der Bonner Innenstadt verwahrlost

Tristesse im Viktoriakarree: Die Fensterfronten einiger Läden an der Rathausgasse sind wieder mit Graffiti beschmiert. Für Passanten kein schöner Anblick. Anwohner und Geschäftsleute kritisieren das Unternehmen Signa, das die Ladenlokale leerstehen lässt.

Morgens um sieben, wenn die Stadt erwacht, liegt das Viktoriakarree noch im Tiefschlaf. Nur in der Rathausgasse geht es schon geschäftig zu. Ein Lieferfahrzeug parkt vor dem Kiosk von Seluk Yardirgi, und der Fahrer trägt Pakete hinein. Eilig rennt er hin und her – so als ob er am liebsten schnell wieder weg führe. Im Morgenlicht wirken die Fassaden der Gebäude rechts und links neben dem Kiosk noch schäbiger als sonst. Über und über sind sie mit Graffiti beschmiert. Kein schöner Ort. Wie die meisten, die in dem Karree einen Laden betreiben, fragt sich auch Yardirgi, warum die Ladenlokale in den Erdgeschossen nebenan nicht längst wieder vermietet sind.

„Der Eigentümer könnte doch Geld mit einen Häusern verdienen. Warum vermietet der die denn nicht?“, fragt Yardirgi. Doch eine Antwort bekommt zurzeit niemand. Anrufe beim Eigentümer gehen seit Wochen ins Leere. Auch E-Mails bleiben unbeantwortet. Die Häuser mit den leerstehenden Ladenlokalen gehören Signa, ein Unternehmen des österreichischen Karstadt- und jetzt auch Kaufhofbesitzers René Benko.

Signa wollte im Karree ein Einkaufszentrum bauen, daraus wurde jedoch nichts. Seither verwahrlost die Rathausgasse zusehends. Wenigstens die oberen Etagen der Gebäude stehen nicht leer. Der Stadt Bonn zufolge hat Signa sie Flüchtlingsfamilien zur Verfügung gestellt. Elf Familien haben dort ein Zuhause auf Zeit gefunden.

Zustand könne so nicht bleiben

Besonders schäbig wirkt das Gebäude, in dem im Erdgeschoss einst das Café Kurzlebig untergebracht war. Anschließend nutzte die Stadt es für die Bürgerwerkstatt, die ein neues Konzept für das Viktoriakarree entwickeln sollte. In den oberen Etagen hatten Mitglieder vom sogenannten Libertären Zentrum die Räume monatelang besetzt, bis die Polizei nach einigem Hickhack das Haus räumte. Signa schickte anschließend eine Putzfirma durchs Gebäude. Auch die mit Graffiti beschmierten Fassaden und Fensterscheiben wurden gereinigt. Das war indes für die Katz': Nur wenige Wochen später war alles wieder beschmiert.

Jannika Dauben hat den hässlichen Anblick beinahe jeden Tag vor Augen. Die junge Frau ist eine Ästhetin, wie man an den hübschen Arrangements in dem Geschäft „Die Blüte“ von Sabine Scheidtweiler sehen kann, in dem Dauben arbeitet. Seit elf Jahren verkauft sie vis à vis vom Viktoriakarree Blumen und Dekoration. Eigentlich mag sie das Viertel. „Die Leute sind entspannt, hier herrscht eigentlich immer ein besonderes Flair und eine schöne Stimmung.“ Deshalb war sie auch strikt gegen das Einkaufszentrum.

Aber der Zustand jetzt, der könne so doch nicht bleiben. „Das ist eine richtige Schmuddelecke geworden, das ist wirklich nicht schön, wenn ich hier morgens ankomme und meinen Laden aufschließe.“ Manchmal hat die Floristin auch länger in ihrem Geschäft zu tun. Wenn sie sich dann auf den Heimweg macht, fühlt sie sich unwohl. „Abends treffen sich in der Rathausgasse leider inzwischen auch mehr und mehr dunkle Gestalten“, hat sie beobachtet.

Hinterhof-Atmosphäre

Antje Moecke führt seit mehr als 30 Jahren das Reisebüro Haase-Reisen in der Stockenstraße. Seitdem die Arbeiten für die Sanierung der Marktgarage abgeschlossen sind, sei die Straße wieder attraktiver geworden. „Ich kann also nicht meckern, die Stockenstraße ist durch die kleinen Läden belebt, hier ist eigentlich alles wieder in Ordnung.“ Vor allem die Start-Ups im ehemaligen Schuhdorf, in dem jetzt auch das Café „Brews Lee“ aufgemacht hat, gefallen der Reisekauffrau sehr. „Das wirkt jung und dynamisch.“

Moecke freut sich besonders darüber, dass die jungen Geschäftskollegen auch dafür Sorge tragen, dass der Bürgersteig sauber bleibt. „Da bleibt kein Müll mehr liegen.“ In der Rathausgasse dagegen sei eine regelrechte Hinterhof-Atmosphäre entstanden. „Das ist ein Jammer, es kommen so viele Touristen zum Rathaus. Da muss die Stadt sich doch schämen.“ Wie Yardirgi schüttelt auch Moecke nur noch den Kopf darüber, dass Signa den Leerstand der Ladenlokale an der Rathausgasse in Kauf nimmt. „Signa hat doch auch die Läden in der Stockenstraße wieder vermietet. Deshalb sieht das hier auch wieder besser aus.“

Auf der Außenterrasse vom Café Blau, das im einstigen Foyer des seit 2010 geschlossenen Viktoriabads beherbergt ist, sitzen einige Studenten und trinken Milchkaffee. Die Herbstsonne wärmt noch ein wenig, die Stühle und Bänke draußen füllen sich schnell. Auch nebenan in den kleinen Restaurants mit so wunderbaren Namen wie „Iss Dich glücklich“ haben die Mitarbeiter jetzt alle Hände voll zu tun. „Wir sind froh, dass hier keine Einkaufsmall hinkommt“, sagt Frieda (21). „Der ganze Charme des Viertels wäre zerstört worden.“ Die Germanistikstudentin ist Stammgast im Café Blau. „Das Unordentliche hier im Karree, der bunte Mix aus den Läden und den Cafés und Kneipen finde ich richtig cool“.

Günstig für Bonner Verhältnisse

Ihr Kommilitone Christoph (22) nickt. „Es gibt doch in der Innenstadt schon genug Ketten, die brauchen wir hier vor der Universität nicht auch noch.“ Darauf angesprochen, dass mit dem Aus der Pläne für die Einkaufsmall auch die Pläne für die neue Philologische Bibliothek der Universität gestorben sind, zucken die Studenten mit den Schultern. „Da wird sich wohl was anderes finden lassen“, ist Frieda überzeugt. Gut findet sie, dass die leerstehenden Wohnungen in den Signa-Gebäuden an Flüchtlingsfamilien vermietet sind. „Alles andere wäre auch asozial gewesen“, sagt die Studentin. „Signa musste vermieten, Wohnungen dürfen ja anders als Ladenlokale nicht so lange leerstehen“, weiß Christoph.

Lautes Hupen unterbricht das Gespräch. Es kommt vom Parkplatz inmitten des Karrees. Dort ist kein Platz mehr frei, teilweise stehen die Autos hintereinander. Die Fläche gehörte zum ehemaligen Schwimmbad, die Badegäste parkten dort. Immer noch hängt ein Schild an der Einfahrt: „Parkplatz Viktoriabad“. Die Stadt hat den Platz verpachtet, teilweise nutzen Mitarbeiter des Rathauses die Stellplätze, auch Kunden der Innenstadt parken dort. Zwei Stunden kosten zwei Euro, jede weitere einen Euro. Das ist günstig für Bonner Verhältnisse. Kein Wunder, dass der Platz tagsüber stets voll ist.

Ein Mann, dessen Fahrzeug offenbar zugeparkt wurde, beschwert sich nach seinem erfolglosen Hupkonzert beim Parkwächter. Eine Frau eilt heran, sie habe nur was abholen wollen, entschuldigt sie sich und fährt davon. Von einem der Balkone der Wohnungen über der Einfahrt an der Rathausgasse schaut eine Frau dem Treiben zu. Man sieht sie kaum, so viele Blumen und Grünpflanzen hat sie in den Balkonkästen gepflanzt. Wenigstens von hinten wirken die Fassaden ansehnlich.

Sitzung des Gewerbevereins

Johannes Roth betreibt seit elf Jahren seinen Radladen „Klingeling“ an der Ecke Franziskanerstraße/Belderberg. Der Vorsitzende des Gewerbevereins Viktoriaviertel gehört mit Axel Bergfeld, der einen Bioladen in der Stockenstraße hat, zu den Initiatoren des Bürgerbegehrens gegen die Signa-Pläne. „Wir warten immer noch darauf, was mit den Ergebnissen der Bürgerwerkstatt passieren wird. Bis jetzt haben wir aber nichts gehört.

Der ungewisse Zustand ist wie ein Damoklesschwert, das über uns allen hier hängt.“ Roth vermutet, Signa wolle die Stadt unter Druck setzen, „deshalb tun die nichts mehr an den Häusern“. Dem Unternehmen sei offensichtlich nicht klar, dass es sich damit selbst schlechte Noten ausstelle. „Für das Firmenimage kann so ein Verhalten nicht gut sein.“ Trotzdem müsse unbedingt etwas gegen die Verwahrlosung unternommen werden. „Das können wir, die Stadtverwaltung, alle Bonner eigentlich nicht länger hinnehmen“, findet Roth. Deshalb will er in Kürze eine Sitzung des Gewerbevereins einberufen, bei der über das weitere Vorgehen beraten werden soll.