Kommentar zum Straßenstrich: Verspätete Reaktion

Kommentar zum Straßenstrich : Verspätete Reaktion

Der Umgang mit der Prostitution ist kein einfacher. In Bonn gibt es dafür an der Immenburgstraße sogenannte Verrichtungsboxen. Hier deutet sich ein Ende an. Umso unverständlicher ist es, dass die Stadtverwaltung noch keine Alternative organisiert hat, meint Andreas Baumann.

Es hat sie zu allen Zeiten gegeben, und sie war immer auch ein Indikator für Armut und Elend in der Gesellschaft: Der Umgang mit der Prostitution, vor allem der am Straßenrand, ist deshalb schwierig für eine Stadt wie Bonn. Einerseits muss sie die Interessen der Anlieger und Passanten schützen, die nicht belästigt werden wollen und kriminelle Begleiterscheinungen des Straßenstrichs fürchten.

Andererseits lässt sich Prostitution auch mit der strengsten Sperrbezirksverordnung nicht einfach verbieten. Der illegale Strich an der Ennemoserstraße, von dem sowohl Polizei als auch Ordnungsamt wissen, ist das beste Beispiel.

Das Verrichtungsgelände an der Immenburgstraße war bislang eine gute Lösung. Abgelegen genug, und doch gut erreichbar für die Männer, die es nicht lassen können. Ein Wachdienst gewährt den Frauen, die sich – wohl nicht in jedem Fall freiwillig – feilbieten müssen, ein Mindestmaß an Schutz. Sozialarbeiter und ehrenamtliche Helfer haben eine konkrete Anlaufstelle, an der sie die betroffenen Frauen beraten können. Dass die Stadt in diese so trostlos wirkende Anlage jedes Jahr viel mehr Geld investieren muss, als sie am Sexsteuer-Automaten einnimmt, erscheint deshalb akzeptabel.

Es war schwer genug, diesen Ort zu etablieren: Natürlich will keiner den Straßenstrich vor seiner Haustür haben. Mehr als ein Dutzend Standorte hat die Stadtverwaltung vor zehn Jahren geprüft und verworfen. Ein Geschäftsinhaber an der Immenburgstraße verklagte die Stadt sogar, weil seine Kunden behelligt worden waren – bis man sich auf eine verkürzte Anbahnungszone für das Verrichtungsgelände einigte. Das zeigt, wie schwierig die Standortfrage zu klären ist.

Umso unverständlicher, dass die Stadtverwaltung trotz einer 2020 ablaufenden Frist noch keine Dauerlösung organisiert hat – zumal schon heute klar ist, dass der Straßenstrich den Bebauungsplänen für das Areal rund um den alten Schlachthof im Weg ist. Ihn näher in Richtung „Westside“ zu verlagern, wo gerade rund 550 Wohnungen gebaut werden, ist jedenfalls eine Schnapsidee.

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