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Ausgesetztes Baby: Uniklinik: Kein vorschnelles Urteil über Pauls Mutter

Ausgesetztes Baby : Uniklinik: Kein vorschnelles Urteil über Pauls Mutter

Die Hebamme Margarete Murowski weist auf eine mögliche Notsituation hin. Das Projekt "Frühe Hilfen" kann verhindern, dass Babys ausgesetzt werden.

Paul ist wohlauf. In der Kinderklinik der Uni Bonn wird das vor einer Woche ausgesetzte Baby mittlerweile wie andere Neugeborene betreut. Das Bonner Jugendamt hat die Vormundschaft übernommen: Um das Kind zu schützen, werden Fotos und weitere Informationen vorerst nicht veröffentlicht.

Hebamme Margarete Murowski macht sich derweil Sorgen um die Mutter, die Paul in einem Rucksack aussetzte und nicht bekannt ist. "Als Frühwöchnerin braucht sie dringend medizinische Hilfe", sagt sie. In welcher Ausnahmesituation sich die Mutter befunden haben muss, kann auch sie nur mutmaßen.

Aus ihrer fast 30-jährigen Erfahrung weiß sie, dass niemand sein Baby "einfach so" seinem Schicksal überlasse. Die Frau könnte Opfer eine Vergewaltigung gewesen oder dazu gezwungen worden sein, ihr Kind auszusetzen. Vielleicht konnte sie sich aufgrund fehlender Sprachkenntnisse auch nicht an eine Stelle wenden, die ihr hätte helfen können.

"Es ist falsch, jemanden vorzuverurteilen", sagt Murowski. Kommentare auf der Facebook-Seite der Universität, in denen eine "gerechte Strafe" für die Unbekannte gefordert wird, hält sie deshalb für bedenklich.

Damit solche Fälle wie der von Paul gar nicht erst passieren, ist Margarete Murowski seit April für das Kooperationsprojekt "frühe Hilfen" an der Klinik zuständig. Ziel ist, Eltern schon früh, idealerweise während der Schwangerschaft, zu erreichen und individuell zu unterstützen.

Murowski berät unter der Telefonnummer 0151/44048422 Patienten, welche Anlaufstelle es im Frühe-Hilfen-Netzwerk gibt. 40 Einrichtungen des Gesundheitswesens, der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Sozialsysteme arbeiten mit. "Alles ist anonym und vertraulich, um die Hemmschwelle der Hilfesuchenden gering zu halten", sagt sie.

Seit Mai gibt es ein Gesetz zur "vertraulichen Geburt". Es regelt, wie Frauen ohne Preisgabe ihrer Identität ihr Kind in einer Klinik zur Welt bringen können. "Was anderen Menschen so einfach vorkommt", beispielsweise zu einer Beratungsstelle gehen, "wissen betroffene Frauen theoretisch, können es aber nicht umsetzen", sagt Anke Rohde, Leiterin der Gynäkologischen Psychosomatik. Sollte sich die Mutter von Paul melden, werde auch ihr in Abstimmung mit den Behörden geholfen.