Uniklinik in Bonn: Blick hinter die Kulissen

Auf dem Venusberg : Ein Blick hinter die Kulissen der Bonner Uniklinik

Jeden Tag geht es in der Bonner Uniklinik um Leben und Tod. Dort behandeln die Ärzte aber nicht nur Schwerverletzte nach Unfällen, sondern sorgen auch dafür, dass sich Menschen mit neuen Gelenken wieder ohne Schmerzen bewegen können. Ein Blick hinter die Kulissen.

Chirurgen sind die Ärzte fürs Grobe. Während der Patient hilflos im Operationssaal liegt, fuhrwerken sie mit Skalpell, Säge und Hammer in ihm herum. Empathie? Die braucht man nicht, wenn der Patient unter Narkose ist. Für sie ist es manchmal auch ganz gut, nicht mitzubekommen, was während einer Operation passiert.

Im OP der Orthopädie und Unfallchirurgie der Bonner Uniklinik läuft gerade Wolfgang Petry. „Jeder kann sich hier Musik wünschen, das sorgt für eine entspannte Stimmung, die sich auf die Konzentration auswirkt“, sagt Chefarzt Dieter Christian Wirtz. Meist seien es Popsongs, aber auch gerne mal Klassik. „Eher Ruhiges.“  Ihn würde wahrscheinlich auch die härteste Rockmusik nicht aus der Ruhe bringen. Zumindest wenn es darum geht, ein neues Kniegelenk einzusetzen. Das ist sein Spezialgebiet, auf dem er schon mehr als Tausend Operationen hinter sich hat.

Wo ein neues Gelenk rein muss, muss ein altes raus. Mit roher Gewalt. Wirtz sägt. Er haut mit einem Meißel Knorpelstücke ab. Blut spritzt nicht, weil die Gefäße des rechten Beins vorher verschlossen wurden. Dafür aber andere Flüssigkeiten – und Gewebe. Für einen Außenstehenden eine eklige Angelegenheit. „Brille!“, ruft er den Kollegen entgegen. Eine Schwester wischt sie sauber.

Die Stimmung im gefliesten OP liegt irgendwo zwischen Uhrmacherwerkstatt, Akkordarbeit, Bundeswehr-Grundausbildung und Improvisationstheater. Eine Schwester sitzt vor Monitoren und überwacht den Zustand des Patienten. Ein junger Medizinstudent im praktischen Jahr hat nur die Aufgabe, mit zwei Haken die Wunde im Knie offen zu halten. Ein Kraftakt. Lässt seine Spannung nach, ermahnt ihn Wirtz – mal ernst, mal mit einem lockeren Spruch. Die Konzentration geht aber nie verloren. Schließlich wird nicht einfach ein Autoersatzteil eingesetzt: Die Mediziner müssen die Anatomie des Knochens genau beachten und auch die Bänder wieder so herstellen, dass das Knie gut geführt wird.

Teure Einwegware

Ein Assistenzarzt unterstützt Wirtz mit einem Sauger. Ein weiterer Assistent ist ausschließlich dafür da, um die richtigen medizinischen Instrumente zu reichen. Die, die als nächstes gebraucht werden, liegen am Fußende. Sortiert, massiv, sündhaft teuer, teilweise Maßanfertigungen und aus Edelstahl, damit man sie reinigen und wieder benutzen kann.

Das teuerste ist allerdings die Einwegware: Gelenke in allen Ausführungen. Sie lagern eine Tür weiter, in einem langen Gang, der mehrere OP-Säle miteinander verbindet. In vollgepackten Schränken, die bis unter die Decke reichen. OP-Schwester Jessica DeClaire hat hier den Überblick. „Den Wert kann ich trotzdem nicht genau beziffern, das sind Zigtausende Euro“, sagt sie. Hinter Kittel, Kopfhaube und Mundschutz schauen nur ihre dunklen Augen hervor, so wie bei allen, die im OP arbeiten. Die Chirurgen tragen allerdings zwei Paar Handschuhe übereinander und zusätzlich eine Schürze, die auch den Oberkörper bedeckt.

DeClaire holt das passende Kniegelenk aus dem Schrank. Vorher haben die Ärzte eine Art Dummy mit unterschiedlich dickem Kunst-Knorpel eingesetzt, um zu sehen, was passt. Alleine auf die Größenangaben verlässt man sich hier nicht. „Ich will natürlich, dass der Patient nachher keine Beschwerden hat“, sagt Wirtz. Ob das so ist, davon überzeugt er sich regelmäßig selbst. Über den Tag verteilt macht er mehrere Visiten.

Bei der täglichen Visite: Chefarzt Dieter C. Wirtz besucht regelmäßig die Patienten in der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie. Foto: Benjamin Westhoff

„Das kriegen wir wieder hin“

Solange er über den Gang geht, ist er gehetzt. Jede Minute zählt in seinem Terminplan, der seinen Tag von früh morgens bis spät abends durchtaktet. Es ist schwer, seinen Schritten zu folgen, wenn man nicht anfangen möchte zu laufen. So schnell wie Wirtz Schritte sind auch seine Gedankensprünge. Sobald die Tür zum Patientenzimmer aufgeht, beendet er den Smalltalk über den eigenwilligen Krankenhausgeruch und widmet sich den beiden Männern, die sich am mit Zeitungen bedeckten Tisch gegenübersitzen. Beide haben Knieoperationen hinter sich, beide wirken zufrieden.

„Mir geht es den Umständen entsprechend gut, aber ich möchte nach Hause“, sagt einer von ihnen, der im Rollstuhl sitzt. Die Frau im nächsten Zimmer ist schlechter dran. Wegen eines Infekts hat man ihr den gesamten Oberschenkelknochen entfernen müssen. Was bleibt ist eine knochenlose Hülle. Mit schwacher Stimme erzählt sie Wirtz von ihrem Leiden. Er hört zu, nickt verständnisvoll. „Das kriegen wir wieder hin.“ Seine Stimme ist sanft, wenn er das sagt.

 „Es geht auch darum, den Menschen die Angst zu nehmen“, sagt Wirtz, nachdem er den Raum verlassen hat. Fehlende Empathie? Das könne sich ein Chirurg nicht erlauben. Ein Fünkchen Wahrheit ist an dem Vorurteil dennoch dran. Er und seine Kollegen verbringen viel Zeit im OP. Den Kontakt zu den Patienten müssen sie trotzdem halten, so straff der Zeitplan auch sei. „Das gehört zu einer guten Behandlung dazu.“  Rund um die Uhr, selbst bei schwersten Fällen. In der Unfallchirurgie werden auch diejenigen versorgt, die nach Verkehrsunfällen in Lebensgefahr schweben.

Auszeichnung für Bonner Uniklinik

Dafür ist die Bonner Uniklinik vor Kurzem sogar ausgezeichnet worden. Beim sogenannten Case-Mix-Index oder auch Fallschwere-Index, der die durchschnittliche Schwere der Patientenfälle am Ressourcenaufwand misst, ist das Krankenhaus deutschlandweit führend. Besonders gut seien laut der Auswertung des Verbandes für Universitätsklinika die Bereiche Wirbelsäulen- und Tumororthopädie, Schwerstverletzungen und dem Einsetzen von künstlichen Hüft- und Kniegelenken.

Dazu trägt laut Wirtz auch der neue Hubschrauberlandeplatz bei, der seit Juni auf dem Dach seiner Klinik im Betrieb ist. Notfallpatienten werden direkt nach der Landung innerhalb von 30 Sekunden durch eigene Fahrstühle in den Notfallbereich gebracht. Im Schockraum warten dann bereits die Ärzte auf die Patienten. Ziel ist die schnellstmögliche Diagnostik und Therapie der lebensbedrohlichsten Verletzungen oder Erkrankungen. Mancher Anwohner kritisiert, dass es nun lauter auf dem Venusberg geworden sei, weil mehr Hubschrauber ankommen würden. Aus medizinischer Sicht rettet jede Sekunde, die ein Verletzter schneller im Schockraum ist, Menschenleben.

Jessica DeClaire zeigt die Schränke, in denen für mehrere Zehntausend Euro neue Gelenke lagern. Foto: Benjamin Westhoff

Die Bedeutung des Pflegepersonals

Wirtz ist stolz auf seine Klinik. Vor allem auf sein Team, das er in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Seit 2006 leitet er die Station für Orthopädie und Unfallchirurgie, mit damals 39 Jahren war er deutschlandweit einer der jüngsten Chefärzte. „Wir wollen das Ganze in Breite und Tiefe abdecken“, erzählt er. Um komplexe Fälle, auch im Bezug auf eine alternde Gesellschaft, behandeln zu können, brauche es spezialisierte Mediziner, die sich mit den Krankheitsbildern beschäftigten. Aber auch Pflegepersonal.

Wie wichtig das ist, lässt sich gut an Schwester Ute Wieland erklären. Mit ihren 54 Jahren ist sie routiniert, aber nie verallgemeinernd. „Wir geben hier menschlichen Halt. Wir müssen den Patienten erklären, was los ist. Und sind so nah an ihnen dran, wie kein anderer“, sagt sie. Wem der Job nicht Spaß mache, der sei fehl am Platz. Auch, weil es ständig Veränderungen gebe. „Die sind mal gut, mal schlecht.“

Die spürt man auch eine Etage tiefer, im OP-Trakt. Wo früher alles mit Tafeln organisiert wurde, ist heute alles digitalisiert. Ein Koordinator kümmert sich darum, dass sich bei den Operationen niemand in die Quere kommt. Der normale Betrieb startet um 7.30 Uhr, aber auch nachts müssen Verletzte in Notfällen versorgt werden – insgesamt gibt es 34 Säle auf dem Venusberg.

Zeit ist Geld

Der Tausch eines Kniegelenks ist ein Routinevorgang, den die Klinik so effizient wie möglich gestaltet. Man kann es auf die einfache Rechnung Zeit ist Geld herunterbrechen – durch Erlöse aus allgemeinen Krankenhausleistungen wurden 2018 rund 360 Millionen Euro eingenommen. Zugleich will niemand länger als nötig im Krankenhaus verbringen. Nach dem Eingriff bleibt der Patient rund zwei Stunden im Aufwachraum. Noch am selben Tag beginnt die Physiotherapie. „Es ist wichtig, nicht nur den Motor zu erneuern, sondern auch die Muskeln und Skelett wieder aktiv zu bekommen“, erklärt Wirtz. Fünf bis sieben Tag bleibt der Patient auf der Station, dann kann er in die Reha. In der Uniklinik gibt es dafür eine eigene Abteilung, inklusive Trainingsraum. Im Schnitt dauert es bis zu sechs Wochen, ehe man ohne Gehhilfe schmerzfrei gehen kann. „Das ist unser Ziel. Das Wiedererlangen von Lebensqualität.“