1. Bonn
  2. Stadt Bonn

"Postkoloniale" Perspektive: Uni Bonn bietet alternative Stadtführungen an

"Postkoloniale" Perspektive : Uni Bonn bietet alternative Stadtführungen an

Eine Projektgruppe der Universität bietet neue Stadtrundgänge mit besonderen historischen Bezügen an. Wer weiß zum Beispiel schon, dass es früher auf dem Platz am Frankenbad sogenannte Völkerschauen gab?

Bonn aus „postkolonialer“ Perspektive zeigt ein neuer Stadtrundgang, den eine Projektgruppe aus der Universität Bonn ausgearbeitet hat. Der Begriff Postkolonialismus meint nicht nur die Zeit nach, sondern umfasst auch Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus. Dass es bis heute Spuren des deutschen Kolonialismus in Bonn gibt, zeigten Jil Holtbernd, Anna Grimminger und Friederike Tuitjer. Mit weiteren Teilnehmern der Projektgruppe „Bonn postkolonial“ hatten sie sich dem Thema in einem Seminar gewidmet. Daraus hervorgegangen sind die Stadtführungen. Sechs Stationen hat die Gruppe bislang zusammengetragen, weitere könnten folgen.

Gleich der Start der Tour vor der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) an der Adenauerallee bietet den Anlass, daran zu erinnern, dass Konrad Adenauer 1927 öffentlich für den „Erwerb von Kolonien“ für Deutschland eintrat. Zwischen 1931 und 1933 war er Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft. Und von 1870 bis 1940 gab es in Deutschland etwa 400 sogenannte Völkerschauen. „Darunter verstehen wir die Zurschaustellung von People of Colour zu kommerziellen Zwecken“, erklärte Tuitjer im Stadtgarten, aber eigentlich liegt der Bonner Bezug zu den „Völkerschauen“ beim Frankenbad. Bis in die 1930er Jahre wurde der Platz vor dem Bad nämlich für diese Zwecke genutzt. „,Völkerschauen' funktionierten dabei klar im Rahmen von Rassismus und Kolonialismus“, sagte Tuitjer. Viele „Völkerschauen“ hätten aber häufig stereotypische Bilder geprägt, zum Beispiel von „Indianern“, und diese sind bis heute nachhaltig in den Köpfen geblieben.

Ehemaliger Kolonialwarenladen

Was die Bonngasse bis heute prägt, ist zwar das Beethovenhaus, aber offenbar auch eine schwarze, kaum bekleidete Figur am Haus gleich daneben. Diese weitere Station des Rundgangs lenkt den Fokus auf einen ehemaligen Kolonialwarenladen. Er befand sich bis zum Jahr 1820 in der Bonngasse 18. Und die Figur? „Wir halten sie für eine diskriminierende Darstellung eines schwarzen Menschen“, sagte Jil Holtbernd.

Die Stadtführerinnen treten beim postkolonialen Rundgang bei jeder Station mit den Teilnehmern in Dialog, lassen jede Meinung zu, obwohl sie selbst eine klare Meinung vertreten. Sie regen zum Hinterfragen an. Ein Umdenken oder vielmehr Nachhaken gab es bei der Vorstellung von Lothar von Trotha auf dem Alten Friedhof, obwohl von Trotha eigentlich auf dem Poppelsdorfer Friedhof liegt.

Trotha (1848–1920) war Oberbefehlshaber im kolonisierten Namibia (bis 1915: Deutsch-Südwestafrika) und gab in dieser Position den Vernichtungsbefehl für die Völker der Ovaherero und Nama. Diese Tat gilt heute als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Trotha verbrachte seine letzten Lebensjahre in Bonn, in Poppelsdorf wurde er an zentraler Stelle, zwischen Ehrengräbern, beigesetzt. Kritische Anmerkungen von Historikern führten nach medialem Echo schließlich zu Streichung des Namens von der Friedhofsliste – obwohl das Grabmal weiter besteht. „Wir würden uns wünschen, wenn eine Infotafel den Kontext erläuterte“, so Grimminger.

Weitere Infos gibt es hier.