Verwaiste Eltern: Trauerstätte für Sternenkinder

Verwaiste Eltern : Trauerstätte für Sternenkinder

Sascha Bliersbach und Hans Möhle planen ein Gräberfeld mit Gedenkstele auf dem Nordfriedhof. Dort sollen Kinder beerdigt werden, die als Frühchen oder bei einer Fehlgeburt starben.

Als Sascha Bliersbach seine Chayenne erstmals in den Armen hielt, blickte sie ihn mit großen, dunklen Augen an. „Sicher, sie kam zwei Wochen zu früh zur Welt. Aber das ist ja kein Grund zur Sorge“, berichtet der 33-jährige Bonner. Allerdings wog die Kleine nur 1890 Gramm und war gerade einmal 45 Zentimeter groß.

Bereits kurz nach der Geburt stellten sich erste Komplikationen ein. Chayenne bekam hohes Fieber und wurde auf eine Intensivstation für Neugeborene verlegt. „Dort ging es ihr eigentlich wieder ganz gut“, erinnert sich Bliersbach an den 21. September 2011. Doch eine Viertelstunde später brach für den jungen Vater eine Welt zusammen. Seine Tochter starb vollkommen überraschend, alle Versuche sie zu reanimieren blieben erfolglos. „Das ist als würde einem das Herz aus dem Leib gerissen“, beschreibt er seine Gefühle. „Noch heute vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke.“ Da Chayenne zwei Tage lang lebte, hat er sowohl eine Geburts- als auch eine Sterbeurkunde für sein Kind. Damit konnte er seine Tochter auf dem Nordfriedhof bestatten lassen.

Das war allerdings nicht der erste Schicksalsschlag, mit dem Bliersbach fertig werden musste. Bereits ein paar Jahre zuvor hatte seine Frau ein Baby in der Schwangerschaft verloren. „Wir konnten damals nicht Abschied nehmen oder das Kind beerdigen lassen. Mir fehlt einfach ein Ort für meine Trauer.“

Damit steht er nicht alleine da. Damit verwaiste Eltern bei Früh-, Fehl- oder Totgeburten eine würdevolle Gedenk- und Beerdigungsstätte haben, setzt er sich gemeinsam mit Hans Möhle, der eine Friedhofsgärtnerei und einen Steinmetzbetrieb am Nordfriedhof betreibt, dafür ein, dass ein neues Gräberfeld für diese „Sternenkinder“ angelegt wird. „Es gibt derzeit schon ein Areal, das ist aber dunkel und sehr trostlos“, berichtet Möhle. „Wir möchten den Eltern einen hellen, sonnigen Platz für ihre Trauer und ihr Gedenken bieten.“ Unterstützt wird die Initiative von der Friedhofsgärtner-Genossenschaft Bonn sowie der Innung der Steinmetze Bonn/ Rhein-Sieg. „Wir wollen erreichen, dass kein Kind, kein Stern mehr vergessen wird“, so Bliersbach. Gemeinsam mit verwaisten Eltern hat er die Aktion Sternenstaub gegründet, die das Projekt vorantreiben will. Allerdings werden noch Sponsoren gesucht.

Von der Stadt wurde ein entsprechendes Areal in Aussicht gestellt. Rund 250 Quadratmeter groß ist die neue Fläche auf dem Nordfriedhof. Mit Hilfe betroffener Eltern hat Hans Möhle bereits den Entwurf für eine zentrale Gedenkstele skizziert. Er plant eine graue Kalksteinsäule mit einer blauen Kugel. Um den Stein schmiegt sich ein Edelstahlband, auf der Säule sollen überall silberne und goldene Sterne als Erinnerung angebracht werden. Das Gräberfeld soll von einer Hecke eingezäunt werden, damit Eltern Ruhe für ihr Gedenken haben. Zusätzlich sollen zwei Bänke aufgestellt werden. „Man hat einfach das Bedürfnis immer wieder zum Grab seines Kindes zu gehen“, erzählt Bliersbach. „Die Wunden heilen einfach nie.“ In einem Teil des neuen Sternenplatzes sollen die kleinen Frühgeborenen bestattet werden, in einem anderen Teil werden größere Säuglinge ruhen.

Mittlerweile haben sich die gesetzlichen Regelungen verändert. Wurden vor ein paar Jahren nur Säuglinge mit einem Geburtsgewicht von über 500 Gramm beerdigt, so können heute Eltern auch fehl- und frühgeborene Kinder bestatten lassen. Auch Kinder, die weniger als ein halbes Jahr gelebt haben, sind sogenannte Sternenkinder. „Deshalb würde meine Chayenne heute auch auf einem Sternenfeld beerdigt. Aber damals gab es diesen Ort nicht.“ Neu ist auch, dass Sternenkinder jetzt – unabhängig von ihrer Größe oder ihrem Gewicht – standesamtlich eingetragen werden können. Davon machten seit Mai 2013 in Bonn 49 Eltern gebrauch. Zwar wird für sie keine Geburt beurkundet, auf Wunsch wird jedoch eine Bescheinigung für das Stammbuch der Familie ausgestellt. „Da frühe Fehlgeburten durch das Standesamt nicht wie eine Geburt beurkundet werden, genügt für die Bestattung eines solchen Kindes eine Bescheinigung des behandelnden Arztes oder des Krankenhauses über die Entbindung. Die Beisetzung von „Sternenkindern“ wird in der Regel über einen Bestatter durchgeführt.“, erklärt Stefanie Zießnitz vom Presseamt.

Bliersbach und Möhle hoffen nun, dass das Projekt in den nächsten Wochen umgesetzt wird. Wenn das Gräberfeld fertig angelegt ist, dann wünschen sie sich, dass der neue Sternenplatz über Konfessionen hinweg angenommen wird. „Wenn man als Eltern so etwas durchlebt hat, fragt man nicht, ob du Christ oder Moslem bist. In diesem unermesslich großen Schmerz sind wir alle gleich. Ich wünsche mir, dass wir einen Ort haben, um uns gegenseitig zu stützen“, so der 33-Jährige. „Und“, so ergänzt er, „am schlimmsten sind Sternengeburtstage. Denn so bezeichnen wir den Todestag unserer Kinder. Der Tag, an dem sie zu einem Stern für alle Ewigkeit wurden.“

Weitere Informationen über die Aktion Sternenstaub und das Projekt auf dem Nordfriedhof gibt es auf www.aktionsternenstaub.de.