Kommentar zur Fahrradhauptstadt Bonn: Taten müssen folgen

Kommentar zur Fahrradhauptstadt Bonn : Taten müssen folgen

Verkehrsdezernent Helmut Wiesner hat mit seiner Kritik am Bonner Radverkehr vielen Menschen aus der Seele gesprochen. Die Stadt sollte häufiger solche klare Kante zeigen, kommentiert GA-Redakteur Philipp Königs.

Tacheles reden ist eine feine Sache. Bonns Verkehrsdezernent Helmut Wiesner hat das getan, als er die Ziele der Stadt, bis 2020 Fahrradhauptstadt werden zu können, mehr oder minder als lachhaft bezeichnete. Er mag vielen aus der Seele gesprochen haben. Denn das letzte Jahrzehnt ist vergangen, ohne dass es große Verbesserungen der Infrastruktur gegeben hätte. Radhauptstadt wird man nicht, indem man sich darauf beschränkt, Straßen mit einem Schild zur Fahrradstraße umzuwidmen, Wege am Straßenrand als Radweg zu markieren oder Radler zwischen den Autos hindurch über den Bertha-von-Suttner-Platz zu jagen.

Loben muss man dagegen das offenbar erfolgreich an den Start gegangene Radleihsystem. Die Äußerungen Wiesners zeugen von einer Haltung, über die Wortwahl kann man streiten. Es wäre dringend notwendig, dass er und der Oberbürgermeister beim Verkehr häufiger solch klare Kante zeigten. Das bedeutet zugleich, in der Planungsabteilung richtige Schwerpunkte zu setzen; derzeit konzentrieren sich nur zweieinhalb Stellen auf die Radplanung. Vor allem aber kommt es auf politische Mehrheiten an. Die politische Zusammensetzung der Koalition aus CDU, FDP und Grünen tut sich schwer, Kompromisse zu finden.

Die Freiheit, im Stau zu stehen, will die Mehrheit nicht beschneiden und dem Autoverkehr folglich keinen Raum nehmen. So wird es aber nicht funktionieren. Wiesner und Sridharan mögen aufgrund ihrer kurzen Amtszeit keine Verantwortung für jahrzehntelange Versäumnisse tragen. Aber was ist beispielsweise aus den jüngsten ADFC-Vorschlägen für Verbesserungen auf zehn Radrouten aus dem Umland nach Bonn geworden (Kostenpunkt: 1,3 Millionen Euro)? Die Politik hat den Club prompt mit der Prüfung einer zusätzlichen Strecke in die Warteschleife geschickt. Vermutlich weiß kein Mensch, wie viele Meter hoch der Papierstapel sämtlicher Verkehrsmasterpläne misst. Aus diesen Erkenntnissen muss aber auch – bei allem Verständnis für die schwierige Suche nach Kompromissen – etwas entstehen.

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