Familiennachzug: Syrer in Bonn wieder mit Familie vereint

Familiennachzug : Syrer in Bonn wieder mit Familie vereint

Ghassan al-Takriti aus Syrien lebt und arbeitet in Bonn. Seine Familie musste er vor Jahren in der Türkei zurücklassen. Jetzt durfte er sie im Zuge des Familiennachzugs nach Bonn holen.

Es sind Momente stillen Glücks, die ein Freund der Familie mit der Handy-Kamera festgehalten hat. Lange Umarmungen, zärtliche Gesten, sprachlose Sekunden, als Ghassan al-Takriti am Gründonnerstag um kurz vor Mitternacht nach dreieinhalb Jahren Trennung in der Ankunftshalle des Köln/Bonner Flughafens seine Frau Alina und die beiden Kinder endlich wieder in die Arme schließen kann. Augenblicke der Erleichterung, in denen alle Anspannung der letzten sieben Jahre weicht.

Alina, Khalid (16) und Kholud (13) gehören zu jenen syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen, die seit August letzten Jahres im Zuge des Familiennachzugs ihren engsten Angehörigen nach Deutschland folgen dürfen. Vater Ghassan (57) hat im Januar nach drei Jahren Bangen mit seiner Beschwerde vor dem Kölner Landgericht schlussendlich Recht bekommen. Ihm wurde Asyl gewährt. Danach war theoretisch der Weg frei für die Ausreise der restlichen Flüchtlingsfamilie aus der Türkei.

Eine gute Woche nach der Ankunft sitzen alle vier Takritis in einem Reihenhaus in Poppelsdorf um eine reich gedeckte Frühstückstafel. Die gute Aufnahme, und wahrscheinlich auch, dass sie es überhaupt bis hierher geschafft haben, verdanken sie den Gastgebern Sabine und Wolfgang Schwachula. Schon zwei Jahre zuvor hatte das Ehepaar seine Einliegerwohnung nicht mehr Wochenend-Pendlern der Telekom vermietet, sondern für halbes Geld dem syrischen Flüchtling gegeben. „Wir wollten unseren Beitrag leisten“, sagt Sabine Schwachula. Der GA hatte damals über den Fall berichtet, weil der Rhein-Sieg-Kreis Takritis Ausweis nicht herausgeben und die Stadt Bonn als neuer Leistungsträger das Ersatzdokument nicht anerkennen wollte.

Es gibt einige Worte, die Ausländer normalerweise als erstes in Deutschland lernen. „Wunderbar“ gehört dazu oder „Bayern München“. Ghassan al-Takriti lernte „Bürokratie“ und „interessant“. Nach vier Jahren in Deutschland kann er heute seine Geschichte fast fließend erzählen, auch wenn ihm erst die Sprachprüfung im Niveau A1 und A2 gelungen ist.

Als Tourist über die Grenze der Türkei geflohen

1961 in Damaskus geboren, war er nach dem Abitur zunächst als Fuhrpark-Manager für einen kanadischen Ölkonzern tätig. Als die Bedingungen für internationale Unternehmen in Syrien schwieriger wurden, machte er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und war in zwei Kliniken in Damaskus beschäftigt. 2011 begann seine Odyssee: Mit Frau und den zwei Kindern floh er als Tourist über die Grenze in die Türkei. „Die Türken versprachen, uns zu helfen“, sagt er. Helfen hieß: Die Kinder mussten in Alanya auf eine türkische Schule, obgleich sie kein Türkisch sprachen. Takriti musste arbeiten – schwarz und zu prekären Bedingungen, denn eine Arbeitserlaubnis gab es nicht.

Als immer mehr Flüchtlinge kamen, erlebte der Familienvater, wie viele Landsleute ihre Kinder mit Schleppern übers Meer schickten und etliche dabei ertranken. Mit Freunden fuhr er an die bulgarische Grenze. Aus Protest blockierten sie zwei Wochen lang den Grenzübergang mit einem Friedens-Camp.

Danach war klar: Der Flüchtling musste das Land verlassen. Zwei Tage versteckte er sich mit Freunden ohne Lebensmittel auf der winzigen Naturschutz-Insel Bayrak Adasi. Dann schwamm er die fünf Kilometer zum griechischen Samos, erzählt er – Ausweis und 400 Euro mit Plastikfolie und Isolierband mehrfach am Körper verklebt. Über Athen, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich kam er am 10. Oktober 2015 nach München. Nach Stationen in verschiedenen Auffanglagern schickte man ihn in ein Flüchtlingsheim in Alfter. Von dort holten Schwachulas ihn nach Bonn.

Der GA-Bericht hat damals einiges in Bewegung gebracht. Jens Wonneberger bot Takriti ein sechsmonatiges Praktikum in seiner physiotherapeutischen Praxis am Hochkreuz an, anschließend eine halbe und seit 1. April eine ganze Stelle. Dort arbeitet Takriti offiziell als Masseur, denn die physiotherapeutische Abschlussprüfung muss er in Deutschland noch wiederholen. Trotzdem verdient er nun genug Geld, um seine Familie selbst zu versorgen.

Die Familie sucht neue Unterkunft

Als nächstes sucht die Familie dringend eine neue Bleibe. Die 40 Quadratmeter in Poppelsdorf sind nicht genehmigungsfähig. Aber ein Flüchtlingsheim mit Etagenbad, das die Behörde anbieten könnte, möchte Takriti Frau und Kindern nicht zumuten. Als erstes stand jetzt die Anmeldung im Stadthaus an. Weitere Behördengänge werden folgen. „Das wird interessant“, sagt Ghassan und meint die Bürokratie.

Doch vor allem gibt es wieder Perspektiven. Vieles scheint möglich. Die Blumenrabatten um das Beethoven-Denkmal auf dem Münsterplatz haben sie bewundert und davor einen Haufen Familienfotos geschossen. Alina erzählt mit leuchtenden Augen vom ersten Einkauf bei Aldi. Khalid hat in einem Sportgeschäft in der Sternstraße ein paar neue Sneakers bekommen. Der heute 16-Jährige hat die Zeit in der Türkei genutzt, um etwas Englisch zu lernen, zu einem 1,90-Meter-Schlacks aufzuschießen und beim Verein Belediye Alanya Basketball zu spielen. Zum Schluss wollte der Trainer ihm sogar einen Drei-Jahres-Vertrag geben. Sein Traum in Deutschland: Vielleicht irgendwann den Telekom Baskets in die Playoffs zu helfen.

Rückkehr nach Syrien ist für die Familie keine Option

Deutschkurse und dann möglichst das Abitur schweben den Kindern vor. Auch wenn Kholud mit 13 schon aussieht wie eine junge Frau, möchte sie in Deutschland kein Kopftuch tragen. „Wir wollen hier zu Hause sein und uns nicht ausgrenzen“, übersetzt ihr Vater für sie. Er selbst freut sich schon darauf, die drei zum Feuerwerk mit in die Rheinaue zu nehmen. Und dann erst Karneval im nächsten Jahr – „das wird interessant“.

Eine Rückkehr nach Syrien ist für die Familie keine Option. Kholud wacht noch heute oft schweißgebadet aus Albträumen auf, Folge der Bombennächte in Damaskus, in denen das Mädchen sich völlig verschreckt im Schrank versteckte. Alina hat in der Türkei einen Magenkrebs entwickelt, aber mit Hilfe aus Deutschland zum Stillstand gebracht. Auch Khalid hat es getroffen. Als die türkische Polizei nach vier Monaten Hin und Her zum Schluss die Ausreise nach Deutschland nicht gestatten wollten, brach der Junge im Videochat via Smartphone in Tränen aus.

Ein bisschen Wehmut wird schon aufkommen, wenn die syrische Familie möglichst bald die kleine Einliegerwohnung in der Trierer Straße verlässt. Aber eine Freundschaft zweier Familien wird auf jeden Fall bleiben. Und Sabine Schwachula hat schon die nächste Aufgabe: Sie hat die Vormundschaft für einen 16-jährigen unbegleiteten Syrer übernommen und ihm zu einem Platz in einer Integrationsklasse des Bad Godesberger Friedrich-List-Berufskollegs verholfen.

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