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Stottern: Was steckt dahinter und inwiefern hilft eine Therapie

Interview mit Bonner Experte : Warum Menschen stottern

Die LVR-Klinik therapiert seit 30 Jahren Menschen, die stottern. Professor Christian Dohmen erklärt, warum Betroffene stottern und inwiefern eine Therapie helfen kann.

Die LVR-Klinik Bonn hat 1989 ein intensiv-stationäres Therapieangebot für Stotternde entwickelt, das schon 1500 Betroffene aus dem In- und Ausland erfolgreich durchlaufen haben. Ein Interview mit Professor Christian Dahmen.

Inwiefern kann Stottern schwerwiegende Folgen haben?

Professor Christian Dohmen: Nervös zu sein und sich dann beim Sprechen zu verhaspeln, das kennen durchaus viele Menschen. Bei Stotternden besteht aber eine deutliche Störung des Redeflusses, die so extrem sein kann, dass sich diese Menschen völlig zurückziehen und verstummen, dass sie nicht mehr die Schule besuchen oder nicht mehr ihren beruflichen und sozialen Tätigkeiten nachkommen können. Um diese Schwerbetroffenen, die meist schon ambulante Therapieangebote wahrgenommen haben und trotzdem nicht weitergekommen sind, kümmern wir uns.

Professor Christian Dohmen von der LVR-Klinik in Bonn. Foto: LVR-Klinik Bonn/Ebba Hagenberg-Miliu

Woher kommt das Stottern?

Dohmen: Es hat mehrere Ursachen. Es gibt eine gewisse genetische Komponente, entscheidend ist eine Funktionsstörung im Gehirn. Neue Studien legen nahe, dass Stottern auch auf einer Störung der Gehirnstruktur beruht, die sich abhängig von der genetischen Disposition und den Lebensbedingungen, unter denen man aufwächst, ausprägt oder nicht.

Eine schwere Kindheit kann Stottern also verstärken?

Dohmen: Da muss man vorsichtig sein. Man ist inzwischen davon abgerückt, Stottern als Folge eines psychischen Konflikts zu sehen. Das würde die Stotternden auch ungerechtfertigt als psychisch Kranke oder Angsthasen stigmatisieren. Umgekehrt sind die psychischen Folgen des Stotterns aber oft sehr schwerwiegend und behandlungsbedürftig.

Und auch die Eltern müssen nicht schuldig sein?

Dohmen: Die Eltern tragen definitiv keine Schuld am Stottern ihres Kindes. Sie können aber mit bestimmten Verhaltensverweisen, wie das übrige soziale Umfeld auch, dazu beitragen, dass das Sprechen flüssiger wird.

Stimmt es, dass Stottern bei Kindern wieder weggehen kann?

Dohmen: Ja, bei Kindern kann sich Stottern auch ohne Therapie sozusagen auswachsen. Es ist trotzdem sinnvoll, das vom Profi untersuchen und beobachten zu lassen. Wenn es sich nämlich verstetigt, sollte es möglichst frühzeitig therapiert werden.

Dann kommen wir zu den Jugendlichen und Erwachsenen: Da ist Stottern letztlich nicht heilbar, oder?

Dohmen: Sie haben recht, aber es ist sehr gut beeinflussbar und behandelbar. Die Betroffenen können also im Alltag ohne wesentliche Einschränkungen zurechtkommen. Als Beispiele können wir auf einige unserer Therapeuten verweisen. Wir haben Stotternde im Team, die trotz anfangs starken Stotterns sehr erfolgreich ihr Leben und ihre berufliche Ausbildung gemeistert haben. Teilweise bemerkt man das Stottern im Gespräch überhaupt nicht mehr. Einer von ihnen, Sprachtherapeut Holger Prüß, hat die Bonner Stottertherapie selbst gegründet.

Und das stellt eine Besonderheit Ihrer Therapie dar?

Dohmen: Ja. Ein weiterer Therapeut hat unsere Behandlung selbst durchlaufen. Wir unterscheiden uns aber auch durch die Dauer und Intensität unserer Behandlung von anderen Stotter-Therapien. Nur bei uns gibt es einen stationären Aufenthalt von mehreren Wochen für Schwerbetroffene und eine umfassende Nachsorge. Und unsere Erfolge sind wirklich beeindruckend.

Was können Sie denn erreichen?

Dohmen: Ziel ist erst einmal, dass die Betroffenen zum Stottern stehen, was sie enorm entlastet. Dann verbessern wir ihren Redefluss, indem wir ihnen bestimmte Redetechniken beibringen, mit denen sie ihre Symptome beherrschen können. Zudem lernen sie in der Gruppe, ihre Ängste abzubauen. Per Konfrontationstherapie schaffen sie es, angstfrei zu telefonieren und Mitmenschen direkt anzusprechen.

Wie viele Personen haben das Programm schon durchlaufen?

Dohmen: Insgesamt rund 1500. Es sind zahlreiche Fälle dabei, in denen völlig Verstummte wieder zu unauffällig Sprechenden geworden sind. Ich bin als Chefarzt der Neurologie vor zwei Jahren dazugekommen. Ich habe jetzt die Ehre, für dieses inzwischen 30-jährige Programm mit zu stehen.