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Interview mit Stadtdezernent Wiesner: Stadt Bonn rechnet nicht mit Pförtnerampel

Interview mit Stadtdezernent Wiesner : Stadt Bonn rechnet nicht mit Pförtnerampel

Als Planungsdezernent ist Helmut Wiesner verantwortlich für die Umsetzung der verkehrspolitischen Beschlüsse des Stadtrates. Über die jüngsten Entwicklungen in der Innenstadt und auf der Reuterstraße sprach mit ihm Rüdiger Franz.

Herr Wiesner, was haben Sie am vorvergangenen Donnerstag gegen 21.30 Uhr im Stadtrat gedacht? Da waren die Würfel für die Kappung des Cityrings gerade gefallen...

Helmut Wiesner: Zunächst einmal habe ich nach der heterogenen Debatte versucht, die vielen Einzelpunkte zusammenzubringen. Beim Sortieren am nächsten Morgen konnte ich dann feststellen, dass der Grundwille der Ratsmehrheit umsetzbar ist und keine großen Widersprüche feststellbar sind.

Das klingt nach kleinen Widersprüchen...

Wiesner: Die gab es bei den zeitlichen Abläufen zur Regelung in der Stockenstraße und der Franziskanerstraße. Die Fahrtrichtung in den beiden Straßen lässt sich nur gemeinsam ändern. Die Stockenstraße soll im Juni wieder in Richtung Bischofsplatz geöffnet werden.

Während der Rat vollendete Tatsachen geschaffen hat, läuft die Testphase bis Ende März weiter. Was wird die Verwaltung mit den Erkenntnissen tun?

Wiesner: Wir führen die Versuche wie beschlossen zu Ende. Die erste Phase ist Ende Dezember zum Abschluss gekommen, die Zähldaten haben wir veröffentlicht. So wird es auch mit dem aktuellen Testlauf bis 31. März passieren, sodass wir die unterschiedlichen Bedingungen beider Testphasen bewerten und Entlastungswirkungen erkennen können. Ziel der Verwaltung war es von Anfang an, die Bedingungen für den Radverkehr zu verbessern, besonders auf der Kaiserstraße, vor dem Hauptbahnhof und in der Rathausgasse. Auf der Kaiserstraße wird die deutliche Verbesserung durch eine Verdoppelung des Raumes für Radfahrer inzwischen von niemandem mehr bestritten, wie auch die gute Resonanz zeigt. Vor dem Hauptbahnhof wollten wir den Individualverkehr so weit drosseln, dass der öffentliche Nahverkehr dort so wenig wie möglich gebremst wird.

Stadtbaurat Helmut Wiesner. Foto: Benjamin Westhoff

In den letzten Tagen gab es Verwirrung: Darf man am Bahnhof mit Auto, Motorrad und Fahrrad weiter durch die Süd- und die Nordunterführung fahren?

Wiesner: Ja, das kann man auch in Zukunft durch die Südunterführung. Die zentrale Zufahrt mit dem PKW wird aber von Norden über den Linksabbieger am Belderberg, den Kreisverkehr am Alten Friedhof und über die Rabinstraße zum neuen Parkhaus am Hauptbahnhof führen. Über die Thomas-Mann-Straße und von dort in die Münsterstraße, kann man bald wieder in die Tiefgarage gelangen. Wichtig war von Anfang an der Linksabbieger am Belderberg, weil wir die Autos somit auf den Hauptverkehrsachsen halten. Eine weitere Möglichkeit, den Bahnhof zu erreichen, bietet die Quantiusstraße. Die Behauptung, der Hauptbahnhof sei mit dem Auto nicht mehr zu erreichen, ist falsch.

Noch ist die Rabinstraße vom Kreisverkehr in Richtung Bahnhof gesperrt. Wann wird die Fahrt freigegeben.

Wiesner: Nach Angaben des Investors wird das Parkhaus im Mai fertig.

Ergänzt um die neue Fußgängerüberführung zu Gleis 1?

Wiesner: Richtig. In Höhe der Nordunterführung soll möglichst zeitnah die neue Brücke entstehen, mit der Sie dann barrierefrei vom Parkhaus zu Gleis 1 gelangen und damit auch an die Aufzugsanlage zu den anderen Bahnsteigen.

Stichwort Quantiusstraße: Gibt es hier Überlegungen für eine Neusortierung von Fahrbahnen, Fuß- und Radwegen und Haltebuchten?

Wiesner: Aktuell nicht. Möglicherweise wird dort einmal die Westbahn verlaufen. Derzeit lösen wir mit einer entsprechenden Markierung hoffentlich das Problem, dass der Radweg häufig zugeparkt wird und die Radfahrenden in die Fahrspur der Busse ausweichen müssen.

Noch einmal zurück zum Linksabbieger vom Belderberg auf den Suttner-Platz: Was sagen Sie zu Befürchtungen, das Koblenzer Tor könnte als Nadelöhr überfordert sein, wenn es auf der Achse zu einer Störung kommt?

Wiesner: Unsere Einschätzungen gehen nicht in Richtung Chaostheorie. Ohnehin: Ich habe im Verlauf der ganzen Diskussion um den Cityring und die Probephasen so oft das Chaos heraufbeschworen gesehen, dass es nun wirklich gut wäre, hier mal ein wenig die Luft herauszulassen. Wir haben vieles ausprobiert, und nichts davon hat zum Chaos geführt. Selbst bei der umstrittenen und heftig kritisierten Schleifenführung durch die Nassestraße ist kein Chaos entstanden. So war dort die Fahrradstraße nie in Gefahr, wie die Zählungen von 850 Autos und 1800 Rädern im Tagesschnitt gezeigt haben, obwohl auch das vehement behauptet wurde.

Seit sechs Wochen gilt Tempo 30 auf der Reuterstraße. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Wiesner: Ich habe bislang nichts von Problemen gehört, die Reaktionen sind insgesamt ruhig.

Zumal der Verkehrsfluss nicht maßgeblich behindert scheint...

Wiesner: Eher im Gegenteil. Bei Tempo 30 haben Sie tendenziell einen besseren Verkehrsfluss, weil weniger Fahrdynamik herrscht. Die Ampelschaltung scheint ebenfalls gut darauf eingestellt zu sein, bei Bedarf können wir hier noch nachsteuern.

Wie steht es um das Gutachten zur Pförtnerampel an den Autobahnabfahrten zur Reuterstraße?

Wiesner:Das wird beim Land erarbeitet, bislang haben wir keinen neuen Stand.

Die Pförtnerampel ist nur eine Option für den Fall, dass sich die Stickstoffdioxidwerte nicht bessern. Ende Februar soll ein Zwischenergebnis vorliegen. Was erwarten Sie?

Wiesner: Im Moment ist es unwahrscheinlich, dass wir auf die Ampeln zurückgreifen müssen. Die Werte haben sich 2019 weitgehend unter dem Grenzwert bewegt. Eine abschließende Bestätigung der letzten Messwerte durch das Landesumweltamt steht noch aus. Hinzu kommt der Effekt, dass mit der Zeit immer mehr ältere Diesel stillgelegt werden.

Definitiv beschlossen ist die veränderte Beschilderung von den Autobahnen 565 und 555 in Richtung Bad Godesberg und Bundesviertel, wohin der Verkehr statt über die Reuterstraße über die rechtsrheinische Autobahn geleitet werden soll. Sind nun auf der Beueler Seite neue Probleme zu befürchten?

Wiesner: Die Autobahnen rund um Bonn sind zu bestimmten Zeiten alle voll und stauanfällig. Deshalb stehen uns ja auch Baustellen bevor, mit denen die Kapazitäten der Autobahnen erhöht werden sollen. Für die Phase der Baustellen wird die Störempfindlichkeit des Verkehrs steigen. Ich denke auch, dass längst nicht jeder der Empfehlung folgen wird, hoffe aber zumindest auf eine gewisse Entlastung für die Reuterstraße.

Viele sehen am Horizont neues Unheil für den Stadtverkehr heraufziehen, wenn die Rahmenplanung für das Bundesviertel mit zusätzlichen Arbeitsplätzen oder gar Hochhäusern bauliche Gestalt annimmt. Was sagen Sie denen?

Wiesner: Klar ist: In den Hauptverkehrszeiten sind die Straßen in Bonn jetzt schon am Limit. Wir brauchen deshalb Bedingungen, unter denen immer weniger Menschen das Auto brauchen, damit unvermeidbare Fahrten stattfinden können. Dieses Ziel besteht mit oder ohne Rahmenplan. Aber er ist nicht mit einem Bebauungsplan zu verwechseln, sondern er zeichnet eine städtebauliche Perspektive und Strategie für die kommenden Jahrzehnte, auf deren Basis künftige Entscheidungen fallen. Und zu dieser Basis gehört auch die Antwort auf die Frage, wie dort eine weitere Entwicklung stattfinden kann, ohne dass sie massiv mehr Verkehr mit sich bringt.

Wie denn?

Wiesner: Wenn wir zum Beispiel den Wohnanteil erhöhen, wird es zumindest möglich, dass die Menschen in Nähe der entstehenden Arbeitsplätze wohnen. Hier ist in den nächsten Jahren die Politik gefragt, wenn es darum geht, sich bei konkreten Bauvorhaben auf die Vorgaben des Rahmenplans zu besinnen. Ebenso wird es darauf ankommen, dass man bei einer Verkehrsstrategie interkommunal zusammenarbeitet. Ein Stichwort sind die so genannten Mobilitäts-Hubs, also Knotenpunkte, an denen man jenseits der Stadtgrenze vom Auto oder Rad auf die Schiene umsteigen und daneben noch kleinere Einkäufe oder Besorgungen machen oder beispielsweise auf dem Heimweg ein Fitnessstudio nutzen kann. Im Zusammenhang mit den neuen S-Bahn-Linien muss das mit bedacht werden.

Was macht die Seilbahn?

Wiesner: Die hängt leider in einer Prüfschleife. Wir verfügen über den Entwurf einer Kosten-Nutzen-Analyse. In noch andauernden konstruktiven Gesprächen wird das Gutachten derzeit geprüft und mit uns erörtert. Verwendet wird das gleiche Bewertungsverfahren wie zum Beispiel für U-Bahn-Bauten, deshalb müssen einige Parameter einvernehmlich mit dem Land angepasst werden. Dieser Prozess läuft jetzt. Zugutekommen könnte uns der Umstand, dass das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz derzeit novelliert wird, mit dem die Kommunen bis 2030 erheblich mehr Geld bekommen können. NRW-Verkehrsminister Wüst hat uns Kommunalvertreter bereits aufgerufen, Planungen einzureichen, für die die Bundesmittel abgerufen werden können. Mit der Seilbahn haben wir eine solche Planung, mit der Straßenbahnverlängerung nach Buschdorf und der reaktivierten Westbahn werden wir nachziehen.

Beim Radschnellweg über den neuen Tausendfüßler hat die Zusammenarbeit mit dem Verkehrsminister bekanntlich nicht so gut geklappt. Wer hält da am Ende den schwarzen Peter in der Hand?

Wiesner: Das Schwarze-Peter-Spiel haben wir beendet. Der Oberbürgermeister und ich hatten ein offenes Gespräch mit Minister Wüst. Wir haben deutlich gemacht und bleiben dabei, dass die Stadt die Idee frühest möglich vorgetragen hat. Nach langen Diskussionen mit dem Landesbetrieb formulierte dieser Bedenken, dass das zusätzliche Projekt die Zeitschiene für die Sanierung der Autobahn und schlimmstenfalls das Gesamtprojekt gefährde, zumal die Betriebserlaubnis für den Tausendfüßler endet. Wenn das Land als zuständiger Baulastträger darauf verweist, dass es keine andere Möglichkeit verantworten kann, müssen wir das akzeptieren. Das heißt aber nicht, dass die Stadt sich von einem regionalen Radschnellweg mit geänderter Trassierung verabschiedet hat. Im nächsten gemeinsamen Verkehrsausschuss mit dem Kreis wird er wieder auf der Tagesordnung stehen.