Ungeliebt und unverzichtbar: So veränderten sich die Bonner Großsiedlungen

Ungeliebt und unverzichtbar : So veränderten sich die Bonner Großsiedlungen

Ab den 1960er Jahren waren Großsiedlungen die Antwort auf die damals um sich greifende Wohnungsnot. Inzwischen herrscht Ernüchterung, denn viele Siedlungen machen Sorgen.

Sie waren Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft und der entscheidende Schlüssel gegen die Wohnungsnot. Heute versteht das niemand mehr, denn aus den Großsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre sind oft Problemviertel geworden: Armut, Kriminalität, ein hoher Ausländeranteil, Drogen und Gewalt prägen ihr Image. Oft zu Unrecht.

Bei der Stadt Bonn weiß man um die Schwierigkeiten, hält Neu-Tannenbusch oder Medinghoven aber für unverzichtbar für den lokalen Wohnungsmarkt. Wer nach Bonn kommt und mit wenig anfangen muss, bekommt oft hier seine erste Chance. Große und preiswerte Mietwohnungen gibt es fast nur noch hier. In Zeiten von Flüchtlingen und erzwungener Mobilität sind die Großsiedlungen wieder wichtig. Ohne Unterstützung aber droht ein Abgleiten in soziale Pro᠆bleme.

Die Idee hinter der Großsiedlung ist eigentlich bestechend. Sie sollte alle Probleme lösen, die in den gewachsenen Städten entstanden waren: In den neuen Städten sollte nur noch gewohnt und nicht mehr gearbeitet werden. Licht, Luft und Sonne sollten das Umfeld prägen. Urbanität, Nähe und Leben, so die Hoffnung, würde durch eine hohe Verdichtung entstehen. Viele Wohnungen in wenigen, großen und hohen Häusern galten als ideal. Die Gebäude verstand man als Wohnmaschinen. Sie boten alle Funktionen, die Menschen im Alltag benötigten. Dazu ein wenig Komfort: fließend warmes Wasser, Zentralheizung und Parkplätze für alle.

Die Architekten stellten die Siedlungen ins Grüne, so als stünden sie in einer Parklandschaft. „Abstandsgrün“ nannten sie das. Ein paar Läden für die Nahversorgung, Spielplätze, Schulen und Kitas, Schrebergärten nebenan und ein Wald in der Nähe. Außerdem die Stadtbahn zur Fahrt in die City.

Vieles davon blieb Theorie, denn die Idealprogramme blieben oft unvollendet. Die Idee der Großsiedlung verband sich mit den Möglichkeiten des industriellen Bauens, eine am Ende schmerzvolle Liaison, wie in Berlin-Marzahn, Halle-Neustadt oder in Hamburg- Steilshoop bis heute sichtbar ist. Groß war modern, aber die Formel „Je größer, desto besser“ ging nicht auf. Am Anfang war es schick, in den Hochhäusern zu wohnen, und selbst wohlhabende Menschen zogen gerne dort ein. Das änderte sich dann rasch, als sich die Nachteile dieser Wohnform am Rande der Städte erwiesen.

Neu-Tannenbusch oder Medinghoven nehmen sich neben den wirklich großen Projekten eher bescheiden und geradezu vernünftig aus. Köln-Chorweiler zum Beispiel entstand von 1969 bis 1977 für 24.000 Menschen, München-Neuperlach bot 22.700 Wohnungen für 42.000 Menschen. Neu-Tannenbusch kam dagegen nur auf 4556 Wohnungen und insgesamt 10.000 Menschen, Medinghoven auf 1707 Wohnungen und 4500 Menschen.

Brüser Berg nahm einen anderen Weg

Der Brüser Berg als drittes Bonner Großsiedlungsprojekt nahm einen ganz anderen Weg, weil die Planung quasi abgebrochen wurde. Die Zeit der Großsiedlungen war bereits vorüber. Man baute wieder kleinteilig.„Die Wohnungen sind gar nicht schlecht“, sagt Gabi Mayer, die seit 15 Jahren in einem Einfamilienhaus am Rande von Medinghoven wohnt und für die SPD in der Kommunalpolitik tätig ist. Auf Immobilienportalen lässt sich ein Blick hinter die Haustüren werfen: Die Raumaufteilung ist durchdacht, die Ausstattung ist einfach, aber zweckmäßig, viele Wohnungen haben Balkone, die zum ruhigen Hinterhof oder zum Wald hinaus liegen.

Sehr große Wohngebäude mit mehreren Hundert Wohnungen gibt es hier nicht. Dafür können Eltern ihre Kinder immer im Blick behalten, denn zu den Häusern gehört immer ein kleiner Spielplatz. Leerstände sind selten. Die LEG als Großvermieter bietet auf der Homepage derzeit keine freien Wohnungen an. „Ich lebe gerne hier“, unterstreicht Gabi Mayer. Auch wenn die Nachbarschaft nicht immer einfach ist. Bezirksbürgermeisterin Petra Thorand erlebt Medinghoven als unauffällig. Kriminalität oder Drogen spielten keine größere Rolle als in anderen Stadtteilen. Allerdings reiche manchmal ein einzelner Fall, um das Image in Verruf zu bringen.

Das ist das vorläufige Ende einer längeren Entwicklung, die Experten Entmischung nennen: Die Wohlhabenden ziehen weg. Es bleiben nur noch die, die bleiben müssen, weil sie sich nichts anderes leisten können. Medinghoven hat sie in aller Härte erlebt. Gebaut wurde die Siedlung vor allem für die Mitarbeiter der Ministerien auf dem Hardtberg. Man setzte auf eine Mischung aus Mehrfamilienhäusern, Einzelhäusern und Reihenhäusern in der Nähe der Arbeitsplätze. Einige Häuser entstanden mit Eigentumswohnungen. Der Plan fügte sich ein in eine Musterstadt Hardtberg für rund 30.000 Menschen. 4500 davon sollten in Medinghoven eine neue Heimat finden.

1970 begannen die Bauarbeiten. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten begann 1972 der Bezug. Liebevoll und etwas spöttisch sprach man von der „Legosiedlung“, weil die Häuser am Hang aus der Ferne wie Bauklötzchen aussahen. Schon 1973 gab es Stimmen, die von einer Fehlplanung redeten. Dennoch wurde das Projekt abgeschlossen. Der Schluss war mühsam, denn die Baustellen nahmen kein Ende. Erst als eine kleine Ladenzeile mit Post, Friseur, Ärzten und einem Lebensmittelmarkt entstand, kehrte Mitte der 70er Jahre Ruhe ein. Übrig sind davon heute nur noch ein Schreibwarenladen mit Kiosk und eine Apotheke.

Sozialstrukturwandelte sich

Am Anfang stimmte die Sozialstruktur: Hier wohnten überwiegend Menschen mit einem festen Arbeitsplatz in den Ministerien, überwiegend Deutsche, es gab viele Kinder und ein funktionierendes Miteinander. Die sozialen Unterschiede waren gering, das Einkommen der Familien gesichert. Dann zog die Bundesregierung fort, Medinghoven verlor Einwohner. Der Bund verkaufte Häuser, Wohnungsbaugesellschaften wurden privatisiert. Medinghoven war kaum noch gefragt. Die Vermieter nahmen an Mietern auf, was sich ihnen bot oder was die Stadt ihnen schickte, denn viele Wohnungen unterlagen der Sozialbindung. Die Bewohnerzahl fiel auf unter 3800. Dann kamen Aussiedler aus Russland. Anfangs hatten viele Bewohner keine Arbeit. Das änderte sich, viele Russlanddeutsche bauten sich ein Haus oder zogen in andere Stadtteile. Wer es geschafft hat, zieht hier meistens wieder weg.

Es folgten Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Hoch ist heute der Anteil von Syrern und Irakern; Russen und Türken werden seltener. Der Anteil von Hartz IV-Beziehern ist hoch. Die Folgen für das Zusammenleben sind gravierend, denn viele Bewohner können nicht gut Deutsch. Die Grundschule hat Kinder aus vielen Nationen. Und wer nicht gut Deutsch kann, braucht für viele Dinge im Alltag Hilfe. „Das fängt manchmal schon beim kaputten Licht im Hausflur an“, sagt Gabi Mayer. Früher gab es Hausmeisterbüros. Heute gibt es eine Hotline. Wer nicht gut Deutsch spricht, kommt da nicht mehr weiter.

Sie erlebe das Miteinander dennoch als gut. Geld sei immer knapp, aber bei Festen zum Beispiel tue jede Familie, was sie könne. Das schlechte Image sei nicht berechtigt, so Gabi Mayer. Sie und andere Politiker bemühen sich um praktische und politische Unterstützung. Die Mühe lohnt sich.

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