Sitzgelegenheiten in der Stadt: So sitzen die Menschen in Bonn

Sitzgelegenheiten in der Stadt : So sitzen die Menschen in Bonn

Weit mehr als 3000 Bänke sind auf das Stadtgebiet verteilt. Die Möglichkeiten und Vorlieben bei einem Päuschen sind nahezu unbegrenzt.

Sich einfach mal hinsetzen. Durchatmen. Nachdenken. Lesen. Schauen. Die Zahl der Orte, an denen sich Bonner und Fremde bevorzugt für eine Pause niederlassen, scheint unermesslich. Wie viele offizielle Sitzgelegenheiten es im Stadtgebiet gibt, müsste sich aber doch eigentlich leicht in Erfahrung bringen lassen – oder?

Ein Anruf bei der Stadtverwaltung lässt ahnen, dass es so einfach nun doch nicht ist. Immerhin drei verschiedene Fachämter sind mit dem Thema betraut, wie Markus Schmitz vom Presseamt erklärt. Eine kleine Inventur auf Anfrage des General-Anzeigers ergibt: Weit mehr als 3000 Bänke sind über die ganze Stadt verteilt – die in Freibädern oder auf Sportplätzen und jene an den Bahn- und Bushaltestellen gar nicht mitgerechnet. Das Amt für Stadtgrün beispielsweise betreut die Bänke in den städtischen Grünanlagen, auf Friedhöfen und Spielplätzen. Insgesamt hat es 2665 Bänke unter seinen Fittichen, fast die Hälfte davon, nämlich 1199, stehen in Bonn.

So sitzt Bonn

Abgesehen etwa vom Hofgarten und an der Poppelsdorfer Allee, wo alle Bänke weiß sind, dominiert im größten Stadtbezirk vor allem ein Modell: Die hölzerne Sitzfläche auf grünen, gusseisernen Füßen. Das Tiefbauamt unterhält etwa 500 Bänke auf öffentlichen Plätzen und in Fußgängerzonen. Dort unterscheiden sich zuweilen auch die Designs. Markus Schmitz: „Beispiele findet man am Friedensplatz, Budapester Straße, Heussallee – Steinquader mit Holzauflage. Oder auch ganz anders gestaltete Sitzelemente wie etwa in Liegeform, Beispiel Neu-Vilich. Sie sind das Ergebnis entsprechender Wettbewerbsverfahren, die zur Gestaltung des öffentlichen Raums stattgefunden haben.“ So viel zu den fachlichen Belangen. Doch wie zufrieden sind eigentlich die Nutzer der vielen Sitzgelegenheiten.

Der „letzte Schrei“ in der Stadt ist natürlich die brandneue, 30 Meter lange Lesebank vor dem Haus der Bildung am Bottlerplatz. Sie ist der jüngste Spross in dem einladenden Potpourri. Und worin unterscheiden sich die Vorlieben ihrer Nutzer? Der General-Anzeiger hat sich umgehört und (nicht ganz ernst und ohne Anspruch auf Vollständigkeit) verschiedene Sitztypen in der Stadt entdeckt.

Der Anspruchslose

Der Anspruchslose sitzt auf kleinen Mäuerchen, auf Blumenkästen oder auf der Außenfensterbank des Zara in der Innenstadt. Christian hat heute zwar eine Bank direkt am Rhein gefunden, wäre aber ansonsten auch mit einer provisorischeren Sitzgelegenheit zufrieden gewesen. „Im Zweifel setze ich mich überall hin“, sagt er.

Der Klassiker

Der Klassiker sitzt natürlich auf klassischen Sitzgelegenheiten, auch wenn diese eigentlich gar nicht so gedacht waren. Der Sockel des Beethovendenkmals vor der Hauptpost ist so ein Kandidat und hat als Treffpunkt für Verabredungen sicher schon viele Bonner Hosenböden gespürt. Auch Reiner Harting sitzt hier oft: „Es ist sehr bequem hier und man sieht viel“, sagt er. „Eine Bank hat mir hier deshalb noch nie gefehlt.“

Das Arbeitstier

Schnell in der Mittagspause noch die E-Mails bearbeiten, Verkaufsgespräche führen oder für die nächste Klausur lernen? Auch so etwas gibt's inmitten der scheinbaren Ruhezonen. Besonders oft zu beobachten ist das am Rhein rund um das frühere Regierungsviertel. Aber dort hat ja auch schon Helmut Kohl Michail Gorbatschow die Deutsche Einheit schmackhaft gemacht – auf einer Bank.

Der Cafébesucher

Caféstühle sind sicher die gemütlichsten Sitzgelegenheiten in der Innenstadt. Doch Menschen, die im Café sitzen, sind damit manchmal gar nicht so zufrieden wie es aussieht. „Ich setze mich zumeist in ein Café um gemütlich zu sitzen, aber eigentlich mag ich nicht gern Kaffee“, bringt Sieglinde Buschick die Sache auf den Punkt. „Es ist in den meisten Fällen einfach sonst keine Möglichkeit da.

Der Entspannte

Der gelassene Suchende ist in der Innenstadt Bonn oder am Rhein genau richtig. Denn er ist ungestresst und weiß die Bank zu schätzen, wenn er sie denn findet. „Es sind zwar nicht so viele Bänke hier, aber das macht eine Bank dann auch so besonders“, erzählt Rudi Munisch, der am liebsten mit Freunden und einem Kaltgetränk am Rhein sitzt.

Der Romantiker

Ein Blick vom Alten Zoll und dann zweisam in Abendsonne oder Mondschein am Rhein entlanggeschlendert. Bänke für gehaltvolle Pausen und gemeinsames Schweigen gibt es hier genug. So beginnen Bonner Liebesgeschichten. Und zuweilen, so scheint mancher ernste Gesichtsausdruck zu verraten, enden sie auch so. Klar ist: Die Rheinpromenade ist die geeignete Kulisse für die „großen Sätze“.

Der Pragmatiker

Der Pragmatiker ist mit seiner Situation selten unzufrieden. Da für ihn die Zweckmäßigkeit seiner Sitzgelegenheit das Wichtigste ist, sitzt er oft an Orten, die an Schönheit durchaus zu überbieten sind. Beispielsweise auf einer Mauer auf dem Friedensplatz. „Wir haben gar nicht gesucht“ sagen Anja Gensheimer und Alexander Bajura, die am erhöhten Rand des abschüssigen Platzes ein Bier genießen.

Der Naturnahe

„Es ist gemütlich und nicht so weit vom Hinlegen entfernt“, beurteilt Studentin Anina ihre Lieblingssitzgelegenheit: das Gras. „Außerdem kann man sich mit mehreren Leuten besser unterhalten.“ Der Naturnahe ist im Idealfall mit anderen Naturnahen befreundet. Da das Sitzen im Gras auf die Dauer etwas Flexibilität fordert, gehören zumeist eher jüngere Generationen diesem Typ an.

Der Traditionalist

Es gibt sie, die Stammgäste, die „ihre“ Bänke in Bonn genau kennen und regelmäßig dort verweilen. „Leider gibt es nicht genug Bänke in der Innenstadt“, klagt Otto Molzahn, der gern auf das Treiben auf dem Münsterplatz beobachtet. „Gerade im Sommer wäre es für ältere Menschen gut, sich zwischendurch mal hinsetzen zu können.“Unterm Strich: Auch wenn sich manch einer noch mehr Möglichkeiten wünscht – die Sitzgelegenheiten in Bonn sind so zahlreich vielseitig wie ihre Benutzer und deren Lebenslagen. Eine Stadt zum Sitzenbleiben.