Lage bei Wohnhäusern und Gaststätten: So erleben Anwohner am Rheinufer das Bonner Hochwasser

Lage bei Wohnhäusern und Gaststätten : So erleben Anwohner am Rheinufer das Bonner Hochwasser

Das Hochwasser in Bonn hat Gaststätten und Häuser am Rheinufer erreicht. Die Betreiber und Anwohner haben sich entsprechend vorbereitet und erinnern sich an frühere Hochwasser. Eine Reportage.

Das Wasser schlägt an die weiße Wand des Bundeshäuschens. Die kleine Mauer um den Biergarten ist längst versunken. Die Fluten haben Stämme und einen Einkaufswagen angespült, nur noch Bäume und Laternen ragen aus der braunen Brühe. Wenn der Rhein über seine Ufer tritt, ist die Gaststätte in Oberkassel als eines der ersten Gebäude überflutet. „Mehr als 40 Mal haben wir das schon mitgemacht und deshalb Routine“, sagt Betreiberin Monika Opgenorth. Die gesamte Küche und das Mobiliar hat die Familie schon am Donnerstag in Sicherheit gebracht. „Da war abzusehen, dass der Pegel acht Meter erreicht.“

Das ist die magische Marke für die Opgenorths. Dann tritt das Wasser über die Türschwelle und läuft in das Lokal. Dort kann alles leicht gereinigt werden: Boden und Wände sind gefliest, der Tresen ist aus rostfreiem Edelstahl. Einmal haben sie das Restaurant mit Pumpen trocken gehalten, um sich das Großreinemachen zu ersparen. „Den Fehler machen wir nicht noch mal. Durch den Wasserdruck hat der Boden Risse bekommen.“

8,19 Meter soll der Rhein am Bonner Pegel, der unterhalb der Oper gemessen wird, bis Montagmittag erreichen. Der Einsatzstab der Bonner Feuerwehr, der alle Hochwasserschutzmaßnahmen koordiniert, geht davon aus, dass das Wasser ab dann wieder zurückgeht. Millionen Euro sind in den vergangenen Jahren investiert worden, damit die Wassermassen nicht mehr die Wohnhäuser erreichen. Die Mauer, die entlang der Beueler Promenade verläuft, hält einem Pegel von 9,50 Meter stand. Aber nur, wenn die Hochwasserschutztore geschlossen werden.

Hochwasserschutztore installiert

Das haben am Samstagvormittag die ehrenamtlichen Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) aus Beuel besorgt. Insgesamt gibt es zwölf Tore, die aus mehreren dicken Aluminiumbalken bestehen. Mit großen Schrauben werden die Halterungen am Mauerwerk befestigt, die Balken eingesetzt und mit Klammern von oben und vorne festgepresst. „Durch Gummierungen an den Auflageflächen sind die Tore fast völlig dicht und durch die Konstruktion besonders robust“, erklärt Ralf Reetmeyer vom THW. Vor allem aber sind sie schnell und leicht zu montieren.

Früher mussten stattdessen Sandsäcke befüllt und gestapelt werden. Für das 2,50 Meter lange und etwa einen Meter hohe Tor an der Ringstraße wären die Helfer stundenlang beschäftigt gewesen: Knapp 3500 Sandsäcke hätten sie gebraucht, um dem Rhein Einhalt zu gebieten. Jetzt ist ein Tor innerhalb einer Viertelstunde sicher. Erfahrungen, wie gut der Schutz funktioniert, gibt es noch nicht. „Das System hat sich zwar an anderen Stellen in Bonn bewährt. An der Ringstraße stellen wir es aber erstmals auf, seit es vor mehr als zehn Jahren angeschafft wurde“, so Reetmeyer.

Gertrude Jöbsch kontrolliert regelmäßig den Pegel

Gertrude Jöbsch ist deshalb skeptisch. Ihr Leben lang wohnt sie am Beueler Rheinufer, hat das Jahrhundertwasser von 1993 und viele andere miterlebt. „Ich befürchte, dass das aufgestaute Wasser jetzt in unsere Richtung fließt“, sagt sie. Um diese Massen abzuhalten, hat die Stadt Bonn weitere Tore aufgestellt, die nun jedoch noch offen bleiben. Stimmen die Prognosen, kommt das Wasser gerade bis zu Jöbschs Einfahrt. Sie bleibt dennoch wachsam.

Historische Bilder vom Hochwasser in Bonn und der Region

Sie sitzt mit ihrer Tochter und ihrem Partner im Wohnzimmer. Auf der Fensterbank, von der man durch die große Scheibe den Rhein im Blick hat, steht ein Laptop. Regelmäßig kontrolliert Jöbsch damit den Bonner Pegel, der alle 15 Minuten aktualisiert wird.

"Fünf Tage ist es stressig"

Noch wichtiger ist ihr aber ein kleines Notizbuch. Darin hat sie in den vergangenen Jahrzehnten jedes Hochwasser und die nötigen Schutzmaßnahmen im Haus penibel festgehalten. „Ich fange immer an, wenn die Marke von sieben Metern überschritten wird“, erklärt die 84-Jährige. Am 23. Dezember 1993 hat sie für fünf Uhr Folgendes notiert: „Der Pegel soll weiter steigen. Wir haben noch 5-10 cm. Am Sockel der untersten Terrassentreppenstufe steht das Wasser. RWE stellt Strom aus.“ Um acht Uhr der nächste Eintrag. „Papa, Oma, Hund werden per Boot evakuiert.“

Jöbsch wird kurz still. „Da hatte ich richtig Angst.“ Jetzt ist sie aber entspannt. Denn danach wurde aufgerüstet. Im Keller gibt es Schotts. Auf der Veranda steht ein Notstromaggregat. Das Haus hat verschiedene Stromkreise, damit nicht alle auf einmal ausfallen können. Für eine Evakuierung stehen sogar zwei Faltboote bereit. „Ich lebe täglich mit dem Rhein. 360 Tage im Jahr ist es ruhig und wunderschön, fünf Tage ist es stressig.“

Von Stress ist an der Promenade nichts zu spüren. Auf beiden Seiten des Rheins kommen Hochwasser-Touristen, um das Naturschauspiel zu erleben. Väter erklären ihren Söhnen, wie das Tauwetter in den Alpen die Flüsse anschwellen lässt. Hunde tapsen durch die kleinen Wellen, die über den Asphalt schwappen. „Das muss man mal gesehen haben, diese unaufhaltbare Gewalt“, sagt Florian Leister. Mit Freundin und Kind hat er einen Spaziergang an der Kennedybrücke gemacht und hält inne – für ein Selfie.

Hochwasser-Touristen

Oberfläche des Rheins ist trügerisch

Vom Balkon der Beueler Wasserschutzpolizei aus beobachtet Michael Adler mit gemischten Gefühlen die Besucher. „Die ruhige Oberfläche des Rheins ist trügerisch. Seine Kraft wird oft unterschätzt“, berichtet er. Schon in wenigen Zentimetern Tiefe gebe es starke Strömungen. „Ein Geländer schützt da nicht.“ Zudem sei viel Treibgut im Rhein unterwegs, das für Verletzungen sorgen kann. Die Wasserschutzpolizei hat deshalb für ihr Boot, das nur wenige Meter entfernt liegt, einen provisorischen Steg vom THW bekommen. Der herkömmliche steht längst unter Wasser.

„Wir fahren jetzt ohnehin nur noch im Einsatzfall raus und nicht mehr Streife auf dem Rhein“, erklärt Adler. Die Schifffahrt wurde mit Erreichen der Hochwassermarke II am Samstag schon eingestellt. „Aber wenn jemand auf und im Rhein in Not gerät, sind wir natürlich da.“

Monika Opgenorth ist froh, dass die Schiffe nicht mehr fahren: „Die Wellen, die dadurch entstehen, hauen uns den Putz von der Wand.“ Drinnen hat die Familie schon den Hochdruckreiniger bereitgestellt. Sie rechnet damit, dass nächstes Wochenende der Betrieb weitergehen kann. „Die Gastronomie ist schließlich unsere Existenzgrundlage. Ausfallzeiten können wir uns nicht erlauben.“ Wäre es da nicht besser, das Restaurant für einen sichereren Standort aufzugeben? „Niemals. Im Sommer leben wir vom Rhein, im Winter mit ihm.“

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