Vergnügen gegen Denkverbote: Show "Kawumm" feiert Premiere im Bonner GOP-Theater

Vergnügen gegen Denkverbote : Show "Kawumm" feiert Premiere im Bonner GOP-Theater

Das Stück „Kawumm“ des Varieté-Regisseurs Markus Pabst feiert Premiere im Bonner GOP-Theater. Zuvor wurde es bereits 430 Mal in anderen Häusern vorgestellt. Ein Vergnügen gegen Denkverbote.

Am Ende baumelt der gar nicht mehr so dicke Markus Pabst kopfüber in einem Ring und lächelt. „Fragen Sie sich manchmal, was wir hier tun“, möchte der 52-Jährige von seinem Publikum wissen und kann doch die Antwort aus den manchmal fragenden, oft belustigten, selten verwunderten Gesichtern längst ablesen.

Mit dieser Hängepartie geht ein Abend ins Finale, der im an schrägen Einfällen nicht eben armen GOP markant aus dem Rahmen fällt. Keine Produktion war in ihrer ganzen Vielfalt bislang so persönlich und ähnlich verrückt wie „Kawumm“. Der gebürtige Darmstädter Varieté-Regisseur Pabst, den Kritiker in London bereits den „Quentin Tarantino des Varietés“ nannten, hat sich die Produktion vor zwei Jahren zum 50. Geburtstag geschenkt (Co-Regie: Pierre Caesar). Nach 430 Vorstellungen in anderen GOP-Häusern ist das Vergnügen jetzt in Bonn angekommen. Wer ein bisschen Spaß versteht, der sollte hingehen.

Mit dem trockenen Buchhalter geht die Fantasie durch

Den Abend widmet Pabst seinem Vater, der als kleiner Buchhalter mit dickem Bauch tagaus tagein Zahlen verwaltete. Man sieht ihn zu Anfang im Büro hinter einem Stapel Aktenordner hocken, der sich immer weiter auftürmt. Doch irgendwann reißt ihn der Rausch der Ziffern mit ins Reich blühender Fantasie. Dort schwirren sie herum, die absurden Zahlen. 1820 zum Beispiel, das Ergebnis der 122 Beine der Raupe Nimmersatt multipliziert mit den fünf Freunden und den drei Fragezeichen. Oder die 13 Kalorien, die ein Kuss verbraucht, wenn dazu 80 Muskeln sich anspannen.

Aus diesen Spielereien assoziiert der nüchterne Buchhalter, der an den Vater in den Bildergeschichten von e.o. Plauen erinnert, immer wunderlichere Träume. Saleh Prinz Yazdani balanciert auf einem hölzernen Schaukelpferd und reckt sich nach der großen weiten Welt. Die Berliner Collins Brothers zersägen genussvoll die Illusion im 80er-Jahre Trick von der zersägten Jungfrau. Männer reiten auf rosa Flamingos und tanzen nackt hinter der Süddeutschen Zeitung.

Jongleur Donial Kalex erinnert mit seinen LED-Sticks ans Disco-Fever der 90er und lässt Luke Skywalker mit seinem Lichtschwert vor Neid erblassen. Artistik gibt es am Pole und an wallenden Strapaten. Pabst verrät seinen Wunsch nach einer Ballettkarriere im weißen Tutu. Und der Restaurantbesitzer Ye Fei, den Pabst bei einem Abendessen in China überraschend als Tenor kennenlernte, schmettert Pucchinis Nessum Dorma. Für Ye Fei geht damit ein persönlicher Traum in Erfüllung.

An Schlaf ist in diesen zwei Stunden also ebenso wenig zu denken wie an Denkverbote. Im zweiten Teil schreitet Pabst als Papst auf die Bühne und predigt mit bösen Worten, Obrigkeitshörigkeit sei wichtiger als Selbstliebe – nur um den erschrockenen Zuhörern anschließend durch simple Umkehrung ein liebevolles Miteinander nahezulegen. Allen digitalen Hetzern, faden Lügnern und fantasielosen Egomanen erteilt er – von einem Apple-Notebook abgelesen – eine poetische Absage. Die Zeiten verlangten danach, den Mund aufzumachen, sagt er dazu vor Journalisten.

Den Buchhaltern, Sekretärinnen und allen anderen im Publikum, rät Markus Pabst zum Abschied, „das Träumen niemals sein zu lassen“. Man muss dafür ja nicht gleich kopfüber in einem Ring überm Schreibtisch hängen. Manchmal reicht es auch schon, auf einem Flamingo zu reiten.

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