"Die blockierte Stadt - Folge 3": Seit Jahren wird um Beethoven-Konzertsaal gerungen

"Die blockierte Stadt - Folge 3" : Seit Jahren wird um Beethoven-Konzertsaal gerungen

Bewegt sich in dieser Stadt zu wenig? Warum ist das so? Diesen Fragen geht der General-Anzeiger in einer neuen Serie nach: heute am Beispiel des umstrittenen Beethoven-Festspielhauses.

Was bisher geschah:

Noch vor sechs Jahren scheint das Projekt, vorangetrieben von der 2009 verstorbenen Bonner Kultur-Ikone Karin Hempel-Soos, gesichert zu sein. Der Stadtrat stimmt dafür; der Bundestag spendiert 39 Millionen Euro für die Festspielhaus-Betriebsstiftung, weil die Beethovenpflege als nationale Aufgabe gesehen wird; die drei Bonner Dax-Konzerne Post, Telekom und Postbank sagen die Baufinanzierung zu.

Es gibt einen Architektenwettbewerb, Potenzialanalysen, Nutzungskonzepte und Businesspläne. Doch als sich abzeichnet, dass für das Festspielhaus die Beethovenhalle abgerissen werden soll, regt sich Widerstand bei vielen Bonnern. Als der frisch gewählte Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch im Herbst 2009 eine Bürgerbefragung ankündigt, gerät das Projekt ins Stocken.

Im April 2010 legt Nimptsch das Festspielhaus bei einem Treffen mit den drei Konzernvorständen auf Eis, unter anderem mit Verweis auf die desolate Bonner Haushaltssituation. Die Postbank steigt danach komplett aus, die Telekom will nur noch den Konzertbetrieb unterstützen.

Im September 2012 spricht sich eine Ratsmehrheit von CDU, SPD, FDP und Bürger Bund Bonn erneut für ein Festspielhaus aus - unter der Bedingung, dass der Bau rein privat finanziert wird und der Betrieb den Stadtetat nicht zusätzlich belastet. Neuer Standort: Der Blindengarten an der Petra-Kelly-Allee, der an eine andere Stelle der Rheinaue verlagert werden soll.

Das Ziel:

ein hochwertiger Konzertsaal, in dem der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens im Jahr 2020 gebührend gefeiert werden kann. Auch danach erhoffen sich die Projektbefürworter einen regen Festivalbetrieb mit positiven Effekten auf den Tourismus- und Wirtschaftsstandort Bonn.

Wo es hakt:

Kernfrage ist, ob die Baukosten für das Festspielhaus privat gestemmt werden können. Trotz jahrelanger Debatten stellt der Post-Konzern mit bemerkenswerter Geduld noch immer 30 Millionen Euro in Aussicht - für einen Konzertsaal, der architektonisch und akustisch auf Spitzenniveau sein muss, wie die Post betont. Die privaten Festspielhaus-Initiativen kommen derzeit auf rund fünf Millionen Euro.

Offiziell sprechen Stadt und Projektbefürworter von rund 80 Millionen Euro Baukosten. Der Baukonzern Züblin hat im April versichert, sein altes Angebot von 75 Millionen gelte noch - zuzüglich Inflationszuschlag. Eingeweihte gehen allerdings davon aus, dass die reinen Baukosten (ohne Umsatzsteuer) um die 100 Millionen Euro betragen dürften. Das Mehrkostenrisiko läge allerdings vollständig bei einer noch zu gründenden privaten Bauherrengesellschaft.

Aus der Stadtkasse müssten dagegen zehn bis zwölf Millionen Euro für die Erschließung und Umgestaltung des Grundstücks bezahlt werden, das die Kommune zur Verfügung stellt. Eine jährliche Belastung für den Stadtetat wäre der millionenschwere Betriebskostenzuschuss.

Zwar hat der Bund (noch) die 39 Millionen Euro für die Betriebsstiftung reserviert, in die auch die Sparkasse KölnBonn (fünf Millionen) und der Rhein-Sieg-Kreis (drei Millionen) einsteigen wollen. Aber der Stiftungsertrag wird nicht reichen, um das Festspielhausdefizit auszugleichen.

Wie viel die Stadt zuschießen müsste - diese Zahl bleibt die Stadtverwaltung sei Jahren schuldig. Auch eine Stiftungssatzung existiert immer noch nicht, ebensowenig wie ein detailliertes Nutzungskonzept für das Festspielhaus, das in ein gesamtstädtisches Hallenkonzept eingebettet sein müsste. Aber auch letzteres wird in Bonn seit vielen Jahren ohne Ergebnis diskutiert (siehe Serien-Folge 2).

Ein weiteres Problem sind die unklaren formalen Zuständigkeiten im Festspielhaus-Projekt. Es gibt viele engagierte private Akteure, aber bisher keinen Bauherren. Und die Stadtverwaltung? Zeigt trotz markiger Worte des Oberbürgermeisters wenig Initiative. Außerdem fehlt der politische Rückenwind: Die CDU als stärkste Ratsfraktion treibt das Projekt nicht wirklich voran, gebremst vom grünen Koalitionspartner, der das Festspielhaus ebenso klar ablehnt wie die Linkspartei.

Die jahrelange Hängepartie hat massive Auswirkungen: Solange nicht klar ist, ob Bonn ein Festspielhaus bekommt, bleibt die Zukunft der Beethovenhalle ungewiss. Theoretisch könnte sie bis zum Beethoven-Jubiläum 2020 als Festspielhaus-Alternative zum hochwertigen Konzertsaal umgebaut werden. Jetzt hat der Rat aber erst einmal nur eine Sanierung als Mehrzweckhalle ins Auge gefasst und dafür Planungsgelder in Höhe von drei Millionen Euro bewilligt.

Wenn es denn bei dieser Variante bleibt, verschlingt die Sanierung laut Stadtverwaltung 30 Millionen Euro - die die Kommune selbst aufbringen muss. Auch ihr World Conference Center Bonn (WCCB) wird teurer, weil die Festspielhausfrage ungelöst ist. Für mehr als zwei Millionen Euro soll die Kongresshalle als Ausweichmöglichkeit für Musikveranstaltungen konzerttauglich gemacht werden.

Wie es weitergeht:

Ohne das Engagement privater Festspielhaus-Anhänger wäre die Idee längst begraben. Monika Wulf-Mathies mit ihren Fest.Spiel.Haus.Freunden und Stephan Eisel mit seinen Bürgern für Beethoven versuchen seit Jahren, in der Stadt Begeisterung zu entfachen.

Wolfgang Grießl, Präsident der Industrie- und Handelskammer, sammelt seit 2011 mit seinem Förderverein Spendenzusagen und steht nach eigenen Angaben mittlerweile bei 5,6 Millionen Euro. Ziel: 25 Millionen Euro. Dieselbe Summe strebt die neue Beethoventaler-Genossenschaft an, die von einer Gruppe von Unternehmern um den Godesberger Hotelier Fritz Dreesen und der Dehoga ins Leben gerufen worden ist.

Sie hat 29 Mitglieder, die jährlich 100.000 Euro garantieren. Tendenz: wachsend. 1,5 Millionen braucht die Genossenschaft pro Jahr, um einen Baukredit von 25 Millionen Euro zu finanzieren. Die Genossenschaft und der Grießl-Verein wollen nun den planerischen Stillstand beenden: Sie bereiten für August die Gründung einer Projektgesellschaft vor, die ein vorhabenbezogenes Bebauungsplanverfahren beantragen und betreiben soll - damit würde Baurecht für ein Festspielhaus in der Rheinaue geschaffen.

Die Projektgesellschaft beauftragt zudem die Architektenbüros, ihre beiden Gebäudeentwürfe an den neuen Standort anzupassen. Die Kosten dafür und für das Bebauungsplanverfahren trägt die Projektgesellschaft. Das wird eine hohe fünfstellige Summe, die wahrscheinlich sogar über 100.000 Euro liegt. Das B-Planverfahren dürfte etwa zwei Jahre dauern. Dann muss klar sein, ob der Neubau finanzierbar ist und wer die Bauherrenfunktion übernimmt.

Es wäre etwa denkbar, dass die Post und eventuelle weitere Großsponsoren zu diesem Zweck der Projektgesellschaft beitreten. Bis der Bauantrag genehmigt ist, vergehen weitere sechs Monate. Bei rund drei Jahren Bauzeit ist klar: Es wird knapp bis zum Jubiläumsjahr. Die Festspielhaus-Initiativen wollen aber auch weitermachen, falls das Projekt erst nach 2020 vollendet sein sollte.

GA-Prognose:

Die Festspielhaus-Idee hat neuen Schub bekommen. Wenn das Bebauungsplanverfahren läuft, ist das ein deutliches Signal, das potenzielle finanzstarke Unterstützer überzeugen könnte.

Denn ohne mindestens einen weiteren Großsponsor wird es schwer, die Finanzierungslücke bei den Baukosten zu schließen - selbst wenn der Grießl-Verein und die Genossenschaft ihre ehrgeizigen 25-Millionen-Euro-Ziele erreichen.

Zweiter Knackpunkt: Bonn wird sich den unvermeidbaren Betriebskostenzuschuss für ein Festspielhaus nur leisten können, wenn dafür anderswo gespart wird - gerecht wäre, dies im vergleichsweise üppigen Kulturetat zu tun. Das ist eine Frage des politischen Willens: Und so wird auch der Ausgang der Kommunalwahl im Mai 2014 über das Schicksal des Festspielhauses entscheiden.

Info: Braucht Bonn ein Festspielhaus? Diskutieren Sie mit auf unserer Internetseite. Dort finden Sie auch die bisherigen Serienfolgen: www.ga-bonn.de/bonn. Oder schreiben Sie an: General-Anzeiger, 53100 Bonn, Stichwort Leserbriefe

Nächste Folge am 7. August: Bonn und seine Verkehrsprobleme

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