Interview zum geschlechtergetrennten Schwimmen: Schwimmverein Al Hilal setzt auf Zusagen der Stadt Bonn

Interview zum geschlechtergetrennten Schwimmen : Schwimmverein Al Hilal setzt auf Zusagen der Stadt Bonn

Eine lebhafte Debatte hat die Frage ausgelöst, ob im neuen Schwimmbad Wasserland Möglichkeiten für das geschlechtergetrennte Schwimmen geschaffen werden sollen, wie es bislang vom Internationalen Sportverein Al Hilal im Frankenbad angeboten wird.

Frau Niazy, Herr Kamil, bitte beschreiben Sie die Struktur Ihres Vereins.

Younis Kamil: Der Verein wurde 1991 von meinen Eltern gegründet, zunächst als reiner Frauenschwimmverein. Recht kurz danach bildete sich eine Männersparte. Der Verein hat inzwischen gut 1100 Mitglieder, bei einem leicht höheren Frauenanteil. Die Schwimmabteilung macht dabei mehr als 90 Prozent der Mitglieder aus. Daneben bieten wir noch Fußball für Erwachsene und Kinder an, wobei wir Sport und Soziales eng miteinander verknüpfen. Außerdem gibt es noch eine Volleyballgruppe.

Was heißt eigentlich Al Hilal?

Sind ausschließlich Migranten Mitglieder?

Kamil: Das kommt darauf an, wie Sie Migrant definieren. Die große Mehrheit unserer Mitglieder hat einen deutschen Pass und ist hier geboren. In der Eltern- und Großelterngeneration liegen die Wurzeln oft im Ausland. Ebenso haben viele einen deutschen und einen ausländischen Elternteil. Insgesamt haben wir 26 Nationalitäten in unseren Reihen.

Welche sind besonders stark vertreten?

Kamil: Stark repräsentiert sind zum Beispiel Afghanen, Marokkaner und Somalier. Viele türkische Frauen hingegen nutzen offenbar ein ähnliches Badeangebot in Köln und sind bei uns eher selten.

Haben Sie Erkenntnisse darüber, wo Ihre Mitglieder wohnen?

Nawael Niazy: Die überwiegende Mehrheit sind Bonner, vereinzelt kommen welche aus Köln und dem Umland. Innerhalb Bonns sind Bad Godesberg, Beuel und Tannenbusch stark vertreten.

Wie entstand damals die Initiative für das Frauenschwimmen, die zur Vereinsgründung führte?

Kamil: Das war seinerzeit eine Initiative von knapp 30 Frauen, die in öffentlichen Bädern keine Möglichkeit zum Schwimmen sahen und dann getrenntgeschlechtliches Schwimmen initiiert haben.

Wie viele Personen nutzen das Angebot heute?

Niazy: Bei den Frauen sind es im Laufe der gesamten Schwimmzeit um die 300, die Männer kommen auf etwa 250, also an jedem Samstag zwischen 500 und 600 Personen.

Das bedeutet rechnerisch, dass mehr als die Hälfte Ihrer Vereinsmitglieder an dem Schwimmen teilnimmt. Können auch Nichtmitglieder teilnehmen?

Niazy: Ja, es gibt eine Warteliste, aber da der Mitgliederanteil schon so hoch ist, kann nur selten jemand nachrücken. Wir haben allein 250 Frauen auf der Warteliste für die Mitgliedschaft. Aber mit zu vielen Teilnehmern nimmt die Badequalität ab. Mitglieder haben allerdings die Möglichkeit, Externe als Gäste einzuladen und unsere Schwimmkurse sind auch – je nach Kapazität – für Nichtmitglieder offen.

Wie muss man sich die Geschlechtertrennung vorstellen: Räumlich oder zeitlich voneinander separiert?

Kamil: Wir können das Frankenbad samstags von 15 bis 21 Uhr nutzen. Bis 18 Uhr dauert das Frauenschwimmen, danach sind die Männer an der Reihe. Bis zur Schließung des Kurfürstenbades hatten wir dort außerdem sonntags ein Angebot.

Damit sind wir mitten im Thema: Was genau war seinerzeit der Impetus für den Gründungsimpuls. Welcher Hintergrund war maßgeblich. Wie erklären Sie das einem Außenstehenden?

Kamil: Ganz explizit auf mich bezogen: Bei meinen Familienmitgliedern, die den Verein damals gründeten, spielte ausdrücklich die religiöse Komponente eine Rolle. Wir haben aber viele Mitglieder, die das Schwimmen aus ihren Heimatländern gar nicht anders kennen als getrennt nach Geschlechtern. Das würde ich dann eher als traditionellen denn als religiösen Hintergrund bezeichnen. Aber ganz klar: Bei der Gründung spielte der religiöse Aspekt insofern eine Rolle, als sich viele Frauen muslimischen Glaubens nicht vor anderen Männern entblößen möchten. Diese Nachfrage hat zu dem Angebot geführt.

Niazy: Dies war ursprünglich der Anlass. Schnell kristallisierte sich aber auch heraus, dass sich das Angebot an jeden richtet, der Interesse daran hat.

Das heißt, es wird dann geschwommen und trainiert, ohne dass die Religion über die Trennung von Mann und Frau hinaus eine Rolle spielt?

Kamil: Genau. Insofern tue ich mich auch etwas schwer, wenn ich auf das „islamische Schwimmen“ angesprochen werde. Bei uns gibt es den normalen Badebetrieb, eine Bahneneinteilung nach Leistungsfähigkeit, Schwimmkurse und Rettungsschwimmerkurse - vergleichbar der DLRG. Natürlich wird auch viel geplanscht und Spaß gehabt. In vielen Familien unserer Mitglieder ist der Samstag als Schwimmtag im Frankenbad institutionalisiert.

Das Frankenbad wird nach Lage der Dinge schließen. Bleibt es dabei, dass Sie eine Fortführung Ihres Angebots im neuen Schwimmbad als Ideallösung ansehen?

Kamil: Ob es in dem Zusammenhang eine Ideallösung gibt, weiß ich nicht. Wir haben frühzeitig Gespräche mit dem städtischen Sport- und Bäderamt, der Politik und dem Stadtsportbund geführt und gefragt: Werdet Ihr unser Angebot bei den Veränderungen berücksichtigen? Da wurde uns immer zugesichert: Ja, wir haben Euch im Blick, bei einer Schließung des Frankenbades werdet Ihr eine Alternative haben. Von unserer Seite gab es stets Gesprächsbereitschaft.

Zahlt der Verein für die Nutzung des Bades Geld an die Stadt?

Kamil: Früher gab es eine Pauschale, seit einigen Jahren zahlen Sportvereine nichts mehr für die Bädernutzung. Die Mitgliedsbeiträge fließen in die Finanzierung der Verwaltung, Aufsichten und Trainer.

Es gibt den Vorschlag, dass Sie eines der bestehenden Bäder weiter nutzen. Wäre das denkbar?

Kamil: Ein Eigenbetrieb kommt für uns angesichts des Investitionsvolumens nicht infrage. Wenn das Frankenbad offen bliebe, wäre es natürlich kein Problem, dass wir es auch weiter nutzen.

Niazy: Im Moment sieht es aber ja nicht danach aus. Natürlich würden wir uns wie alle Schwimmer über die Möglichkeit freuen, das neue moderne Bad für unser Vereinsschwimmen zu nutzen. Aber wie und für welche Bäder die Schwimmzeiten an die Vereine vergeben werden, ist aus unserer Perspektive noch Zukunftsmusik.

Im Zusammenhang mit dem neuen Schwimmbad ist zuletzt die Debatte um einen möglichen Vorhang hochgekocht, der Ihr Angebot dort gewährleisten könnte. Die Integrationsbeauftragte der Stadt hat inzwischen deutlich gemacht, dass sie das Schwimmen im Burkini als Lösung präferiert. Was sagen Sie dazu?

Niazy: Da in öffentlichen Bädern der Burkini erlaubt ist, sieht die Stadt natürlich keine weitere Erfordernis für den öffentlichen Badebetrieb. Ich habe das Gefühl, dass in Teilen der Öffentlichkeit das Missverständnis entstanden ist, es handele sich bei unserem Angebot um ein städtisch organisiertes Frauenschwimmen.

Kamil: In unseren Reihen gibt es viele ambitionierte Schwimmerinnen, die den Burkini als hinderlich empfinden und sich deshalb den Fortbestand des getrennten Schwimmens in unserem Verein wünschen. Insofern halte ich beide Möglichkeiten für wünschenswert. Uns als Verein geht es einzig darum, dieses Schwimmangebot aufrechtzuerhalten.

Was allerdings aus Ihrer Sicht nur möglich ist, wenn es einen Sichtschutz gibt? Oder werden sich Ihre Mitglieder auf den Burkini umstellen?

Kamil: Wenn zum Sichtschutz im neuen Bad keine Alternative angeboten wird, ist unser Angebot tot und das bedeutet für viele sportlich aktive Frauen, dass sie nicht mehr Schwimmen gehen werden.

Damit sind wir zumindest in Teilen wieder beim Thema religiöse Überzeugung. Wie stark ist ihre Rolle in dem Zusammenhang?

Niazy: Sicher spielt die Religion bei einigen eine Rolle, wie sie sich vor anderen zeigen oder kleiden möchten. Es ist aber beispielsweise nicht so, dass die Mehrheit der Teilnehmerinnen Kopftuch trägt.

Kamil: Wir würden lügen, würden wir behaupten, die Religion spiele keine Rolle. Es hat etwas mit religiöser, aber auch kultureller Überzeugung zu tun. Sie finden bei uns Teilnehmer, denen Religion sehr wichtig ist. Anderen ist sie egal. Bei uns treffen sich in erster Linie Menschen zum Vereinsschwimmen, um Bekannte zu treffen. Der Begriff „streng religiös“ ist immer gleich negativ belegt.

Weil er in Bezug auf den Islam mit Extremismus in Verbindung gebracht wird. Nicht zuletzt steht ja die Integration auf Ihren Fahnen. An der Integrationswirkung des geschlechtergetrennten Schwimmens scheiden sich aber die Geister...

Kamil: Richtig. In unserer Satzung sind die Förderung der Jugend, des Sports und der Integration als Ziele festgeschrieben, und dafür tun wir sehr viel. Gerade weil das geschlechtergetrennte Schwimmen auf den ersten Blick nicht integrativ wirkt, laden wir jeden ausdrücklich ein, uns zu besuchen und es sich anzusehen. Wir sehen in dem Schwimmen durchaus Integratives: Wir bilden Trainer/innen und Rettungsschwimmer/innen aus. Kinder aus Familien, in denen das Schwimmen nicht so einen hohen Stellenwert genießt, lernen es bei uns und dürfen dann auf Klassenfahrt mitfahren. Bei uns wird ausschließlich Deutsch gesprochen und ein ordentlicher Umgangston gepflegt, und wir haben ein durchdachtes und innovatives Ausbildungskonzept. Bildung ist immer der erste Schritt zur Integration, und es gibt auch eine sportliche und motorische Bildung.

Niazy: Wenn es unser Angebot nicht gäbe, bliebe ein Teil der Einwohner außen vor. Integration bedeutet, dass alle Gruppen die Möglichkeit haben, an gesellschaftlichen Angeboten teilzuhaben.

Hingegen entgegnen Kritiker: Indem Sie das Angebot schaffen, bestärken Sie ein integrationshemmendes Milieu. Was sagen Sie dazu?

Kamil: Dann wird verkannt, dass Frauen sich aus freien Stücken für diese Variante entschieden haben. Das Recht haben sie, solange sie nicht die Rechte anderer beschneiden. Es gibt auch Menschen, die sich aus freien Stücken dazu entschließen, völlig nackt zu baden. Auch für sie gibt es in manchen Schwimmbädern feste Zeiten und abgetrennte Bereiche.

Niazy: Es ist einfach nicht so, dass es im Hintergrund immer einen Mann gibt, der da die Fäden zieht und Verbote ausspricht. Wir erleben die Frauen als sehr selbstbestimmt und selbstbewusst, sie bilden in jeglicher Hinsicht den Querschnitt der Gesellschaft ab.

Wie soll die Angelegenheit aus Ihrer Sicht weitergehen?

Kamil: Zunächst einmal haben wir großes Vertrauen in die Stadt und das Wort, das uns Entscheidungsträger zur Berücksichtigung unseres Angebotes gegeben haben. Entsprechend warten wir nun erst einmal ab.

Letzte Frage: Wie nehmen Sie die Debatte wahr? Können Sie das Befremden über Vorhänge im Schwimmbad nachvollziehen?

Kamil: Ich kann die Argumente der Gegenseite nachvollziehen, und ich kann es verstehen, wenn Menschen Ängste haben. Nicht nachvollziehen kann ich es, wenn man gar nicht mit uns ins Gespräch kommen will oder verletzend wird. Unsere Dialogbereitschaft ist immer da.