Bürgerforum „Zukunftsstadt Bonn 2030+“: „Schluss mit der Bundesstadt-Romantik“

Bürgerforum „Zukunftsstadt Bonn 2030+“ : „Schluss mit der Bundesstadt-Romantik“

Rund 250 repräsentativ ausgewählte Frauen und Männer haben sich am Samstag in der Bad Godesberger Stadthalle am Bürgerforum „Zukunftsstadt Bonn 2030+“ beteiligt. Sie sprachen dabei auch durchaus brisante Themen an.

Bonn verabschiedet sich von seinem Status als Bundesstadt und konzentriert sich auf den Ausbau seiner Bedeutung als Wissenschaftsstandort und Zentrum für digitale Informationstechnologie. Die Kultur wird gestärkt, am Rhein gibt es einen festen Platz für Open-Airs. Am Rheinufer blüht die Gastronomie, Wassertaxis verkehren rege zwischen den Bonner Ortsteilen. Bonn ist bundesweit bekannt für seine Radwege und Elektromobilität. Aber auch die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der politischen Partizipation, die Integration von Migranten und der Ausbau der Internationalität der früheren Bundeshauptstadt ziehen immer mehr Menschen an. So etwa stellen sich Bonner Bürger die Zukunft ihrer Stadt vor.

Bereits im vergangenen Oktober haben Bürger sechs Leitthemen gesetzt: Wirtschaft, Arbeitswelt und Soziales; Verkehr und Mobilität; Bildung, Wissenschaft und Forschung; Internationalität und Integration; Identität und Attraktivität; Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement. Am Samstag haben die Bürger dann an 42 Tischgruppen, moderiert durch „IKU – Die Dialoggestalter“, die Bürgervorschläge formuliert. „Eine Sache ist mir direkt aufgefallen“, sagte Oberbürgermeister Ashok Sridharan bei der Eröffnung des Forums: „Unter dem Leitthema “Identität und Attraktivität„ kommt Beethoven nicht vor.“ Im Übrigen aber sei er begeistert von dem „phänomenalen Engagement der Bürger“, die einen ganzen Samstag opfern, um sich Gedanken über die Zukunft Bonns zu machen.

Die Angestellte Ilona Floßdorf (54) war jedenfalls begeistert, wie „zielführend“ die Gespräche geführt wurden: „Wir hatten eine Zeitvorgabe und mussten am Ende ein Ergebnis vorlegen. Das ging alles recht konzentriert zu. Da könnten sich manche Unternehmen mit ihren Meetings ein Beispiel nehmen“, ergänzt die Friesdorferin lachend. Auch Thorsten Weber (37), im Hauptberuf Lehrer, und Beamter Benjamin Lindlar (35) waren beeindruckt. „Das war ein Querschnitt der Bonner Bevölkerung, von der 16-jährigen Schülerin über den Migranten bis zur Seniorin, mit denen man sich austauschen konnte, Leute mit denen man sonst nie zusammenkommt“, so Weber.

Sie haben sich in der Arbeitsgruppe vor allem mit der Wirtschaftsförderung befasst und empfehlen der Stadt, sie müsse sich mehr um die kleinen und mittleren Betriebe kümmern, den Erstkontakt vereinfachen und eine Art Börse für Unternehmer, Investoren und Grundeigentümern aufbauen, wo diese ihre Bedürfnisse und Angebote einfacher zusammenbringen können.

Keine Hemmungen vor brisanten Themen

Iris Saddam Lafta (31), gelernte Krankenschwester und Studentin der Sozialarbeit, hat sich in ihrer Gruppe vor allem Gedanken darüber gemacht, wie man Kinder und Jugendliche besser an die Politik heranführen könnte. Die Bürger stellen sich mehr Foren in den Stadtteilen vor, vielleicht auch so etwas wie eine ständige Begegnungsstätte in der Innenstadt, fasst Bettina Schmitz-Böhling (55) aus Lessenich zusammen.

Auch ein großes Thema: die Öffnung der Stadt an den Rhein. „Ortsfremde wissen gar nicht, wie sie an die Promenade kommen“, so Monika Bös-Meyer (61) aus Ückesdorf. Die Bürger schlagen eine blaue Pflasterung vor, die den Weg zum Rhein weist.

Interessant aber, so stellten auch die vielen Amtsleiter und Fachreferenten der Stadtverwaltung fest, dass die Bürger keine Hemmungen hatten, auch brisante Themen anzupacken. „Schluss mit der Bundesstadt-Romantik“, steht etwa auf einer Tafel. „Wir brauchen tatsächlich eine neue Leitidee“, so Bonns Wirtschaftsförderin Victoria Appelbe. Das bisherige Fünf-Säulen-Modell aus dem Jahr 1991 – Bundesstadt, Zentrum für internationale Zusammenarbeit, Wissenschaftsregion, Region zukunftsorientierter Wirtschaftsstruktur und Modell einer umweltgerechten Städtelandschaft und Kulturregion – sei längst überholt. Bonn habe sich seitdem erheblich verändert und weiterentwickelt.

„Die Stadt muss jetzt nur aufpassen, dass die Bürger nicht enttäuscht werden. Die Erwartungen sind hoch, dass ihre Vorstellungen unmittelbar umgesetzt werden“, so Professor Claus-Christian Wiegandt vom Geographischen Institut der Universität Bonn und wissenschaftlicher Partner des Projekts. „Da muss kommuniziert werden, was mit ihren Ergebnissen geschieht.“ Diese gehen in die gesellschaftliche Diskussion und dann Richtung Ratsbeschluss – „wie es in einer repräsentativen Demokratie üblich ist“, so Dirk Lahmann, Beauftragter für Bürgerbeteiligung der Stadt Bonn.

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