Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn": Saloua Mohammed: Engagement für den Frieden

Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn" : Saloua Mohammed: Engagement für den Frieden

"Kopftuch-Schlampe" und "Salafi-Tusse" höhnen die einen, "weichgespülte Muslima" und "Verräterin" schimpfen die anderen. Verachtung schlägt Saloua Mohammed von ganz rechts, nicht selten auch aus der Mitte der Gesellschaft und ohnehin von radikalen Muslimen entgegen: "Das ist die mit 'Islam ist Frieden', die den Ungläubigen in den Hintern kriecht", hetzen sie im Internet. Wenn die 31 Jahre alte Friedensaktivistin und Streetworkerin aus Tannenbusch erzählt, wie sie angefeindet wird, fragt man sich: Warum engagiert sie sich seit so vielen Jahren für Frieden und Verständigung?

Warum versucht sie, junge Muslime aus den Fängen islamistischer Hassprediger zu holen? Warum geht sie auf junge Neo-Nazis zu, die sie beschimpfen, bespucken, schlagen, bloß weil sie ein Kopftuch trägt? Warum ruft sie für den 11. Mai wieder zum "Bonner Friedensmarsch gegen soziale Ungleichheit, Rassismus und Gewalt" auf dem Münsterplatz auf? Weil "ich glaube, dass man die Menschen für das, was sie sind, lieben sollte", sagt sie. Und weil sie der Meinung ist, "dass Gewalt Ausdruck von Schwäche ist".

Saloua Mohammed, die für das Bonner Institut für Migrationsforschung als sozialpädagogische Familienhelferin arbeitet, erzählt wie selbstverständlich von ihrem rastlosen Engagement für Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen oder die Schüler der Freiherr-vom-Stein-Realschule. Auf ihrer Facebook-Seite, auf der unter Interessen Menschenwürde, Nächstenliebe und Zivilcourage stehen, beklagt sie aktuell den Fabrikeinsturz von Bangladesch und mahnt, "dass wir dringend unser Konsumverhalten überdenken müssen".

Bei alldem ist vom erhobenen Zeigefinger nichts zu spüren, vielmehr strahlt sie Freude und Herzlichkeit aus, berichten die, die sie erleben. Etiketten wie Sozialromantikerin und Gutmensch verfangen bei ihr nicht, denn Mohammed zeigt gerne auch Kante. Mit dem organisierten Islam hat sie wenig am Hut: Dezent, aber unmissverständlich gibt sie zu verstehen, dass sie als Frau vom männerdominierten Rat der Muslime in Bonn und den hiesigen Moscheen keine allzu hohe Meinung mehr hat. Richtig schwer machen ihr radikale Muslime das Leben: "Man glaubt gar nicht, was da im Internet abgeht", erzählt sie von ihren Vorbereitungen für den Friedensmarsch. "Glaubensbrüder" machen Stimmung gegen die Demo, bei der Muslime, Christen, Juden und Atheisten marschieren.

Aber aufgeben? "Sturheit ist mein zweiter Vorname", sagt die älteste von vier Geschwistern grinsend. Sie will Flagge zeigen: "Leute, ihr geht mir mit euren Diskriminierungen - und zwar auf allen Seiten - auf die Nerven. Gandhis Salzmarsch war meine Inspiration. Ich gehe, auch wenn ich allein gehe. Bis die Leute sich fragen, was die Verrückte da macht."

Verrückt ist in der Tat eine Eigenschaft, die einem bei Saloua Mohammed in den Sinn kommen könnte. Zumal wenn sie, nach Vorbildern gefragt, keine geringeren aufzählt als den Propheten Mohammed, Jesus und eben Gandhi. Auch Frauen gehören dazu. Zum Beispiel Mutter Teresa, "eine tolle Frau", sagt die 31-Jährige.

"Tolle Frau" findet auch SPD-Sozialpolitiker Bernhard von Grünberg: "Sie macht viele gute Sachen, engagiert sich für Migrantinnen", sagt er und meint mit "tolle Frau" eben nicht Mutter Teresa. "Frau Mohammed ist eine unerschrockene und mutige Kämpferin für die Menschenrechte", urteilt Coletta Manemann, Integrationsbeauftragte der Stadt. "Sie bezieht klare Positionen und hat gleichzeitig viel Humor."

Mohammeds greifbarste Vorbilder sind ihre Eltern, "meine Goldstücke". Die "Gastarbeiter" aus Marokko legten auch in ihrer neuen Heimat viel Wert darauf zu helfen. Unabhängig von Religion oder Nationalität. "Der Mensch zählt", sagt Mohammed. Der Grundsatz der Eltern, "die uns mit viel Liebe erzogen haben", wurde auch ihrer. Mit 13 fing sie an, Nachbarn zu helfen. "Wasserkästen schleppen. Rasen mähen." Geld wollte sie nicht dafür.

Heute widmet die Studentin der Sozialen Arbeit ihre freie Zeit in erster Linie benachteiligten Jugendlichen: In Tannenbusch, wo sie wohnt, aber auch in ganz Deutschland. Mit Hilfe von Fachkräften hat sie schon einige junge Muslime aus der radikalen Sackgasse geholt. Stolz ist sie auf einen jungen Neo-Nazi, den sie im tiefen Hessen aus dem braunen Sumpf gezogen hat. Ihre Art "große Schwester" kommt ihr dabei zupass.

Sie selbst hat noch keine Kinder: "Ich kümmere mich erst mal um die Kinder der Anderen", sagt sie und lacht erneut. Ihr Mann, ein Historiker und wie sie gläubiger Muslim, habe viel Verständnis für ihr Engagement. Doch auch Saloua Mohammed gönnt sich hin und wieder eine Auszeit. Wie zuletzt einen Urlaub in Spanien. Natürlich nicht am Strand: "Ich war mit meinem Mann eine Woche in Andalusien, auf den Spuren der Mauren. Es war ein Bildungsurlaub."

Die Serie (Folge 9)
Eine Stadt ist so vielfältig wie die Gesichter der Menschen, die hier wohnen und arbeiten, lernen und kreativ sind. Es gibt Erfolgsgeschichten, Liebesgeschichten, Lebensgeschichten oder Alltagsgeschichten. In unserer Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn" porträtieren wir jeweils einen Bonner Kopf.

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