Marlene Lautze und Rainer Preuß: Sabbatjahr: Lessenicher helfen in der Dritten Welt

Marlene Lautze und Rainer Preuß : Sabbatjahr: Lessenicher helfen in der Dritten Welt

Segelreisen und Städtetouren, das haben Marlene Lautze und Rainer Preuß schon oft genug mitgemacht. Die Reise, von der sie jüngst wiederkehrten, war da ganz anders, und die, die sie im Januar antreten, wird es ebenfalls.

Die erste Hälfte ihres „Sabbatjahres“ ist jetzt vorbei, und noch sind die Erinnerungen an Namibia frisch.

Dort, genauer gesagt in Okakarara, arbeiteten sie in einer Einrichtung zur Betreuung und Ausbildung von Kindergarten- und Vorschulkindern mit, die von der Hamburger Organisation „Steps for Children“ unterstützt wird. Über diese kamen die beiden an das Projekt.

Kunstlehrerin Lautze wurde mit den Kindergartenkindern, überwiegend Aids-Waisen, die von Großfamilien aufgenommen wurden, künstlerisch tätig, sie bastelten Tiere aus Zeitungspapier, Portemonnaies aus Tetra Paks und vieles mehr. Und sie machte Morgengymnastik mit den Erzieherinnen dort und veranstaltete ein „Art-Café“. „Kunst hat dort gar keinen Stellenwert“, stellte sie fest. Aber Kreativität sei dennoch sehr wichtig.

Ingenieur Preuß war derweil vormittags als Hausmeister und „Mädchen für alles“ tätig und betreute nachmittags die Mathe-Nachhilfe für ältere Kinder. Er arbeitete dabei viel mit Bildern. „Das große Problem ist, dass sie in der Schule eine andere Sprache sprechen müssen als von Haus aus.“ Sie würden die englischen Matheaufgaben in ihre Muttersprache übersetzen, dabei gehe viel Zeit verloren. Außerdem zeigte er ihnen, wie eine Mathe-Lernsoftware funktioniert, die Steps for Children finanziert hat. Die Computer dazu stammten von einer deutschen Bank, die die Geräte aussortiert hatte.

Für die beiden pikant: Okakarara liegt im Herero-Gebiet, in dem deutsche Kolonialisten vor rund 100 Jahren einen Völkermord begangen haben – die Bundesregierung will sich dafür nun offiziell entschuldigen. Lautze und Preuß waren dort zwei von ganz wenigen Deutschen, ein seltsames Gefühl, das aber unbegründet war. „Wir wurden ganz freundlich begrüßt“, erzählt Preuß. Auch den Häuptling der Hereros haben die beiden kennengelernt.

Im Anschluss an das dreimonatige Projekt reisten sie noch zwei Wochen durch Namibia, sahen Städte, Natur, Wüste, waren dann vor allem in Hotelanlagen, in denen es nur weiße Gäste und schwarzafrikanische Angestellte gab. „In Namibia gibt es immer noch ein Zwei-Klassen-System“, so Preuß. „Als Tourist hat man ganz wenig Kontakt mit der Bevölkerung.“ Das wahre Namibia hätten sie in Okakarara erlebt.

Und bald erleben sie eine ganz andere Seite der Welt. Das zweite Ziel ihres Sabbatjahrs heißt Vijayawada und liegt im Südosten Indiens. Dort werden die beiden in einem Jugendzentrum von Don Bosco mit indischen Jugendlichen arbeiten, die von zu Hause weggelaufen sind und sich in Banden organisiert haben. Was genau sie erwartet, wissen Lautze und Preuß noch nicht. „Das war mir erst etwas suspekt“, sagt Preuß. Deshalb hatten sie vorab eine zweiwöchige Reise durch Indien unternommen und die Schönheit des Landes, aber auch Armut und Bettlertum gesehen. „Ich traue mir das jetzt zu.“

Zu dem Straßenkinderprojekt, für das sie auch grundlegend die Sprache gelernt haben, brechen die beiden an diesem Mittwoch auf. Wenn die drei Monate vorbei sind, haben sie sich einen echten Urlaub verdient: Bevor sie wieder nach Lessenich kommen, bereisen sie erst mal den Südwesten Indiens. Danach fahren sie mit einem gemieteten Wohnmobil quer durch Neuseeland.

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