Erlebnisbericht: Rücksichtslose Radler gefährden Spaziergänger am Rheinufer

Erlebnisbericht : Rücksichtslose Radler gefährden Spaziergänger am Rheinufer

Am Bonner Rheinufer setzt sich der rasende Radler durch. Die Rücksichtnahme auf Fußgänger nimmt ab. Stattdessen wird er angepflaumt – ein Erlebnisbericht.

Drei Wege, zwei oben, einer unten direkt am Rheinufer. Oben schiebt sich zwischen die Wege ein schmaler Streifen Grün, über dem unteren Weg liegt eine Böschung. Die Spuren ziehen sich exakt parallel zum Rhein. Wir – Frau und Hund – betreten sie auf Höhe der Amerikanischen Siedlung und gehen Richtung Rheinauensee. Die Kulisse hat alles, was Idylle braucht: rechter Hand den gemächlichen breiten Strom, linker Hand ein Wildgehege, auf den Wiesen Gänse, im See ein Reiher, wie eine Statue stehend, weiter hinten eine Schwanenfamilie.

Ob wir dort im Ganzen ankommen, ist indes nicht sicher: Plötzlich rast sie heran, die Gefahr, auf dünnen Reifen. Rast ungebremst auf uns zu. Dann schrillt die Fahrradklingel, und während der Fahrtwind des Radlers an mir vorbeizischt, höre ich die Worte: „Aus dem Weg, dumme Kuh!“ Als mir eine Antwort einfällt, ist er weg.

Man lebt mittlerweile gefährlich als Fußgänger im Bonner Naherholungsgebiet Rheinaue. Der Mensch, der spaziert, statt zu fahren, zu joggen, zu walken oder sonst wie Fett ab- und Muskeln aufzubauen, ist zur seltenen Spezies geworden. Er ist unveränderlich derselbe, der er immer schon war: langsam, schlendernd, umherguckend. Gerne in einer Begleitung, die das Unterwegssein in der mobil verschärft aufgerüsteten Verkehrssituation von heute zusätzlich erschwert: mit Hund, der nach links läuft, wenn es da gut riecht, ohne zu gucken, ob er beim spontanen Abbiegen womöglich plattgefahren wird. Mit Kind, das ebenso nicht links und rechts guckt, bevor es losläuft. Schließlich: Hier, am Rhein, stehen keine Ampeln.

Gemächlich war gestern

Der Verkehr ist natürlich dennoch in gewisser Hinsicht ordnungsgemäß geregelt – wir befinden uns ja in Deutschland. Der untere Weg nah am Fluss wird per Schild zum Radweg definiert. „Das ist der Leinpfad“, sagt Peter Kießling, Abteilungsleiter beim Bonner Amt für Stadtgrün. „Der untersteht dem Tiefbauamt, nicht uns.“

Das Tiefbauamt hat also den Weg markiert, und wer über die Böschung hinunter zum Rhein will, der merkt schnell, dass er sich der Pedalenvariante der Autobahn nähert. „Wwwwwusch“ macht es, permanent. Wer die Rennstrecke zu Fuß überqueren will (etwa, um dem Hund in der Sommerhitze einen Schluck Rheinwasser zu gönnen), der wartet auf eine Lücke im Strom der Radfahrer, von denen immer weniger zur Sorte „Rad mit Korb“ gehören: Das sind die weichen Radler, die gemächlichen Freizeitler. Die Mehrheit dagegen trägt Kleidung à la Tour de France und bremst vermutlich vor Wänden, aber nicht vor Lebewesen.

Die zwei Parallelwege oben unterstehen dem Amt für Stadtgrün. Auch hier gibt es Zeichen: Der eine Weg trägt ein Fußgänger-Piktogramm, der andere ein Radfahrer-Piktogramm. Wer das als feste Regel versteht, versteht es falsch: „Die Piktogramme“, sagt Axel Reiß, Sachgebietsleiter im Straßenverkehrsamt, „sind Hinweise, dass auf dem einen Weg der Fußgänger, auf dem anderen der Radfahrer Vorrang hat – aber bindend sind die Piktogramme nicht.“ Heißt: Ein Radfahrer darf auf dem Fußgängerweg fahren und ein Fußgänger auf dem Radweg gehen. In der Hoffnung, dass die gegenseitige Rücksichtnahme funktioniert. Vorsichtshalber gibt es ein Schild dazu: „Radfahrer nehmt Rücksicht auf Fußgänger“.

Vorsicht ist angesagt

Im Park selbst wird die Rücksichtnahme durch kluge Planung erleichtert: Dort seien, so Kießling, „die Wege vom damaligen Landschaftsarchitekten Gottfried Hansjakob extra breit angelegt worden, um ein Miteinander von Radfahrer und Fußgänger zu ermöglichen.“ Angelegt wurden Wege von insgesamt 45 Kilometern Länge. Das war 1979, da wusste man noch nicht, wie sich E-Bike schreibt, und im Grünen begegneten einem insbesondere gemütliche Hollandräder.

Heute ist Schnellsein alles. Und der Schnellere ist in jedem Fall der Stärkere. Herr Kießling, Herr Reiß, was tun? „Wir können ja keine Geschwindigkeitskontrollen auf Promenaden machen“, sagt Kießling vom Amt für Stadtgrün. Und fügt hinzu: „Ich bin selbst Radfahrer – und ich bin schon von anderen Radfahrern angegangen worden, weil ich ihnen zu langsam fuhr. Da ist eine enorme Aggression unterwegs.“ Mit neuen Regeln, da ist Kießling sicher, sei dem nicht beizukommen: „Es gibt die Sorte Menschen, die nach immer mehr Regeln rufen, und die, die sich an immer weniger Regeln halten – beide Sorten nehmen zu.“ Rücksichtnahme dagegen, das sieht auch der Bonner Amtsleiter so, nimmt ab.

Herr Reiß, haben Sie eine Idee? „Rücksichtnahme“, sagt Reiß „ist eine Frage der Erziehung.“ Was also tun? „Aufpassen“, sagt Reiß. Er meint: sich in Sicherheit bringen. Es zuckt im Fußgänger der Wille zur Provokation, wenn er am Rhein über „sein“ Piktogramm spaziert und ihm ein Radler entgegenkommt. Einfach mal etwas breiter gehen, schließlich hat man hier laut Piktogramm Vorrang. Dann fällt einem der Satz eines ehemaligen Verwaltungsbeamten ein, der aber nicht mit Namen zitiert werden will: „Jeder fühlt sich heutzutage als die Mitte des Universums“ – und man geht wieder brav zur Seite. Und passt auf sich auf.

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