Prozess gegen Rockergang-Chef: Polizeischutz am Tatort

Prozess gegen Rockergang-Chef : Polizeischutz am Tatort

Es ist ein Großaufgebot an Polizeikräften wie noch nie zuvor bei einem Ortstermin des Bonner Schwurgerichts: Die Strafkammer will sich ab neun Uhr an der Schumpeterstraße am Bonner Bogen ein Bild vom Tatort machen.

Dem Tatort, an dem in der Nacht zum 24. August der Türsteher einer Großparty im Hotel Kameha vom Präsidenten des Troisdorfer Chapters der als gewalttätig geltenden Rockergang United Tribuns mit zwei Messerstichen schwer verletzt worden war. Und so sichern mindestens sieben Polizeiwagen und 30 Polizisten Straße und Hotel. Zehn Justizwachtmeister sind im Einsatz und überprüfen jeden, der sich dem Gericht und den übrigen Prozessbeteiligten nähern will.

Es ist klirrend kalt, und ein eisiger Wind pfeift, als der 31-jährige Angeklagte aus dem Gefangenentransporter von zwei Justizwachtmeistern vor den Seiteneingang des Hotels geführt wird, wo alle auf ihn warten. Der Angeklagte kommt nur langsam voran, er trägt nicht nur Hand- sondern auch Fußfesseln.

Dann befragt Kammervorsitzender Josef Janßen ihn zu dem, was damals geschehen sein soll. Und will man dem 31-Jährigen glauben, so hat er sich nur gegen die Türsteher, die ihn und seine Frau beleidigt und attackiert hätten, verteidigt.

Denn obwohl er vom DJ der Party auf die Gästeliste gesetzt worden sei, hätten die Türsteher sie nicht hineingelassen. Da sei er sauer und laut geworden. Als ein Türsteher auf ihn losgegangen sei, sei es zu einer Prügelei gekommen. Danach seien die Türsteher zu viert oder fünft auf ihn los, und er habe einen Schlag mit einem Schlagring abbekommen. Er sei zu seinem Auto vor dem Hotel gelaufen, die Männer mit Stöcken hinter ihm her.

Er habe ein Messer aus dem Wagen geholt - und plötzlich seine Frau schreien hören. Sie habe am Boden gelegen, und er habe die Männer angebrüllt: "Ich steche euch ab." Dann habe er um sich gestochen. "Als ich sie schreien hörte, habe ich Angst bekommen, ich wollte den nicht treffen", sagt er.

Der Türsteher, den er mit zwei Stichen in Rücken und Arm verletzt, ist nun als Zeuge gefragt. Und wenig begeistert, dass der Angeklagte ihm zuhört und die Presse mitschreibt. Will man dem 43-Jährigen glauben, so hat der Angeklagte zugestochen, ohne attackiert worden zu sein.

Von Schlagstöcken oder -ringen wisse er nichts. Der nächste Zeuge verweigert die Aussage, weil gegen ihn ermittelt wird: Der Türsteher soll die Frau des Angeklagten niedergeschlagen haben.

Inzwischen sind alle so durchgefroren, dass Richter Janßen beschließt: Die weitere Vernehmung des Opfers wird im Gericht fortgesetzt. Und dort erklärt der 43-Jährige erneut, niemand habe den Angeklagten mit Schlagstöcken oder -ringen verfolgt. "Haben Sie bei Ihrer Security-Arbeit Dinge dabei, die Ihnen die Arbeit erleichtern, einen Schlagstock oder Schlagring?", fragt der Richter.

Der Zeuge verneint: Man sei stets um Deeskalation bemüht. Wie er sich denn Folgendes erkläre? Ein Polizist habe gehört, wie er im Rettungswagen einem Kollegen auftrug, "die Sachen" aus dem Gebüsch zu entfernen. Dort fand die Polizei dann einen Schlagstock und einen Schlagring mit dem Blut des 43-Jährigen. Der schüttelt den Kopf: "Keine Ahnung." Er wisse nur: "Ich hatte Glück im Unglück."

Die Wahrheit scheint schwer zu finden zu sein. Und es stellt sich erneut die Frage: Ging es wirklich nur um verwehrten Einlass oder doch um die Vorherrschaft im Türstehergeschäft, in das die Tribuns Ermittlern zufolge zunehmend drängen?

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