Bonner Kopf: Andrea Gerschlauer: Mit 44 ein Neubeginn an der Bonner Uni

Bonner Kopf: Andrea Gerschlauer : Mit 44 ein Neubeginn an der Bonner Uni

Sie war Kinderkrankenschwester und musste ihren "Herzensberuf" aufgeben, weil ihr alles zuviel wurde. 2010 fasste sie den Entschluss mit 44 Jahren ein Studium an der Bonner Uni zu starten. Mit Erfolg. Heute ist sie Ernährungsberaterin.

Nichts wäre leichter, als mit Andrea Gerschlauer über Ernährung zu sprechen. Man würde viel über abwechslungsreiches und vollwertiges Essen erfahren – unter anderem auch, warum sie lieber von „Essen“, als von „Ernährung“ spricht. Dass es für Abnehmwillige besser sei, die richtigen Portionsgrößen eines gesunden Essens für sich herauszufinden, als sich für eine der vielen beworbenen Diäten zu entscheiden, die man kaum ein Leben lang durchhalten könne. Themen, mit denen sich Gerschlauer seit 2010 intensiv auseinandergesetzt hat, seitdem sie etwa vier Jahre zuvor ihren „Herzensberuf“ Kinderkrankenschwester aufgeben musste.

2006 war ein Zeitpunkt für sie gekommen, an dem ihr plötzlich alles zu viel wurde. Es war nicht nur die physisch und psychisch belastende Begleitung von leukämiekranken Kindern, die sie als eine von fünf Las-Carreras-Schwestern in deren häuslichem Umfeld betreute, sondern auch eine hinzukommende notwendige Pflege ihres erkrankten Schwiegervaters die neue Selbstständigkeit ihres Mannes Axel, der sich als Kinderarzt in der Prinz-Albert-Straße niederließ.

Hinzu kam der Wegzug aus der geliebten und bewährten Hausgemeinschaft in der Blücherstraße, hin zum eigenen Haus in Endenich. Zunächst stand sie noch ihrem Mann in seiner Praxis als Helferin zur Seite. „Aber mir war schon früh klar, dass ich das nicht für den Rest meines Lebens machen wollte“, erinnert sie sich an den Zeitpunkt, an dem sie die Studienberatung der Bonner Uni aufsuchte. Sie wollte der Idee nachgehen, wie es wäre, noch mit 44 Jahren ein Studium zur Ernährungswissenschaftlerin zu beginnen.

„Warum denn nicht?“, hörte sie dort. Sie habe schließlich ein gutes Abitur und zudem unzählige Wartesemester auf dem Konto. Sie könne sofort anfangen. Gerschlauer zögerte noch einen Moment. Befürchtete, dass sie vielleicht schon zu alt für einen Neubeginn sein könnte. Dass sie vielleicht doch besser noch in der Praxis ihres Mannes bleiben sollte. Zudem hatte sie drei Kinder und ein großes Haus zu versorgen. „In sechs Semestern werde ich das nicht schaffen“, war sie überzeugt. Doch schon wenige Wochen später saß sie als eingeschriebene Studentin im Hörsaal.

„Ich fühlte mich unter all den jungen Menschen plötzlich alt – wie Oma“, schmunzelt Gerschlauer in der Erinnerung an die ersten Tage ihres Studiums. Doch das verlor sich schnell. „Es war sofort unheimlich interessant“, sagt sie heute nach ihrem knapp sieben Jahre andauernden Studium, das sie Anfang des Jahres mit dem Bachelor abschließen konnte. „Zunächst musste ich wieder Sachen lernen, von denen ich glaubte, sie längst hinter mir gelassen zu haben.“

Mit dem Vorteil, dass sie beispielsweise in Mathematik zur hilfreichen Ansprechpartnerin ihres Sohnes Kai (22) wurde, der wie seine Mutter gerade mit dem Thema „Kurvendiskussion“ beschäftigt war. „Das war für mich und meine Kinder eine wertvolle Zeit“, resümiert Gerschlauer ihre Studienzeit. Über das Zusammensein mit Kommilitonen, die nahezu das Alter ihrer Kinder hatten, verschwammen die Altersgrenzen, auch zu den eigenen Kindern.

Da Gerschlauer sich selber als einen vor allem „visuell lernenden Menschen“ bezeichnet, hatte sie auch das ganze Wohnzimmer des Hauses mit Lerntafeln ausstaffiert. Plötzlich konnte man dort lesen, wie Kartoffeln wachsen oder Bier gebraut wird. „Das ist ja bei uns wie in der Sendung mit der Maus“, erinnert sich Gerschlauer an eine Reaktion ihrer Zwillingstöchter Pia und Jana (20).

Man begegnete sich nahezu auf Augenhöhe, als die Kinder plötzlich auch ihre Mutter am Vorabend einer Prüfung nervös erlebten und ihr dann am nächsten Morgen viel Glück bei der Klausur wünschten. „Das hat uns allen ziemlich gut getan.“ Vieles in ihrem Leben wäre nicht möglich gewesen, wenn sie und ihr Mann nicht auch die Unterstützung von Freunden erfahren hätten. Mit dieser Einstellung war es für Gerschlauer auch selbstverständlich, sich in der Flüchtlingshilfe der Endenicher Trinitatis-Gemeinde zu engagieren.

Wahrscheinlich wurden Wertschätzung und das Füreinander-Da-Sein Gerschlauer, die 1966 als Andrea Eschweiler bei schönstem Sonnenschein im Johanniter-Krankenhaus geboren wurde, in die Wiege gelegt. Während ihr Vater Martin als Berufssoldat in einem „Vier-Mädel-Haus“, wie Tochter Andrea es nannte, zurechtkommen musste, wurde Mutter Hanne als Kinderkrankenschwester nicht nur für Andrea, sondern auch für ihre beiden Schwestern zum beruflichen Vorbild. Heute hat sich die 52-Jährige seit Juni 2018, kurz nach ihrem erfolgreichen Abschluss als Ernährungswissenschaftlerin, zusammen mit ihren Studienkolleginnen Gabi Franke-Ullmann und Sonja Müller mitten in Bonn (In der Sürst) mit einer Praxis für Ernährungsberatung selbstständig gemacht.

Die drei Expertinnen arbeiten Hand in Hand mit viel Wissen, Lebenserfahrung und Begeisterung rund um das Thema Ernährung. Wobei – und auch das macht Andrea Gerschlauer aus – Genuss und Wohlbefinden nicht zu kurz kommen.