Messerangriffe in Bonn: Polizei erfasst 90 Einsätze mit Stichwaffen

Bonner Bilanz zu Messerangriffen : Polizei erfasst bis Juni 90 Einsätze wegen Stichwaffen

Von Januar bis Juni erfasste die Bonner Polizei 90 Einsätze, in denen Stichwaffen zum Einsatz kamen. Der Eindruck der Einsatzkräfte ist, dass die Zahl der Messerangriffe gestiegen ist.

Ein Unbekannter attackiert Anfang August einen 30-Jährigen am Konrad-Adenauer-Platz in Bonn-Beuel aus dem Nichts heraus mit einem spitzen Gegenstand. Er verletzt den Mann, der im Außenbereich eines Schnellrestaurants auf seine Bestellung wartet, im Gesicht. Wenige Tage später wird ein 27-Jähriger, der mit seiner Freundin auf einer Bank am Beueler Rheinufer sitzt, mit einem messerartigen Gegenstand angegriffen. Er wird an Schulter und Hals verletzt. Später nimmt die Polizei einen 21-Jährigen fest, der für beide Taten verantwortlich sein soll. Der Mann bestreitet die Angriffe. Motiv: unklar.

Die beiden Attacken in Beuel waren aufsehenerregend - und reihen sich ein in eine Liste von Taten, in denen Messer eine Rolle spielen. Egal ob in der Öffentlichkeit oder zu Hause, ob geplant oder aus dem Affekt, ob die Stichwaffe in der Tasche bleibt oder tatsächlich genutzt wird: Es scheint so, als ob Messer und andere Stichwaffen mittlerweile schneller und häufiger zum Einsatz kommen als noch vor einigen Jahren. Diesen Eindruck vieler Polizisten teilt die NRW-Landesregierung. Und erfasst deshalb seit dem Jahreswechsel Messerangriffe gesondert - was vorher in der Kriminalstatistik nicht der Fall gewesen ist.

Polizei Bonn: 90 Angriffe mit Stichwaffen

Die Statistik: Insgesamt 90 Fälle erfasste die Bonner Polizei, die für das Bonner Stadtgebiet, Bad Honnef, Königswinter und den linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis zuständig ist, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. 26 Mal waren dabei Stichwaffen im Einsatz, die unter das Waffenschutzgesetz fallen, so Polizeisprecher Simon Rott. Das ist dann gegeben, wenn sie zum Beispiel eine beidseitig geschliffene oder eine feststehende Klinge haben. In 60 Fällen wird das Tatmittel als "sonstiges Messer" geführt, viermal wurde es als "sonstige Stichwaffe" erfasst. Das können laut Rott Schraubenzieher oder Stoßdegen sein.

Zum Vergleich: In NRW hat das Innenministerium nach einer Auswertung vom 1. Januar bis zum 30. Juni bereits 2883 Straftaten mit Messern als Tatwaffe gezählt und dabei 3555 Opfer und Bedrohte registriert.

Das sagt das Innenministerium: Ob Bonn stärker betroffen ist als andere Städte, könne man noch nicht sagen, so Wolfgang Beus. "Einschätzungen kann man frühestens im Verlauf des nächsten Jahres geben", sagt der Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Man habe gerade erst mit der Erhebung begonnen, für eine Einschätzung aber brauche man einen Vergleichszeitraum. Allerdings, so räumt er ein, habe man die Erfassung gestartet, "weil wir das Gefühl haben, dass es mehr geworden ist. Nicht nur, wenn Messer eingesetzt, sondern auch, wenn sie mitgeführt werden."

GdP: Entwicklung in Bonn ist besorgniserregend

Einschätzung der Gewerkschaft: Udo Schott, Vorsitzender der Bonner Gewerkschaft der Polizei (GdP), teilt die Einschätzung von Beus. Die Entwicklung sei besorgniserregend. Denn: "Es ist ein Schritt, bewusst ein Messer einzustecken, wenn man losgeht. Aber es geht noch weiter, wenn es eingesetzt wird", so Schott. Generell könne man feststellen, dass die Bereitschaft zunehme, "eine Stichwaffe einzusetzen, egal ob derjenige angreift oder sich verteidigt".

Für die Polizisten seien derartige Einsätze schwierig - und gefährlich. Zum Beispiel dann, wenn sich das Geschehen in Räumen abspiele, wo die Reaktionsmöglichkeiten aus Platzgründen geringer seien. Soll heißen, dass sich Beamter und Täter nahe kommen. Mit unabsehbaren Folgen. Das Problem: "Wir haben eine Lücke in der Ausstattung", stellt Schott fest. Mit dem sogenannten Einsatzmehrzweckstock müsse man nahe an die Personen heran - was man nicht wolle, wenn diese ein Messer in der Hand hielten. Pfefferspray wirke nicht immer, "besonders dann nicht, wenn Drogen und Alkohol im Spiel sind". Und die Schusswaffe sei lediglich das allerletzte Mittel.

Taser: Die Lösung, die Möglichkeit, die Lücke zu schließen, sieht die GdP im Taser, einer Distanz-Elektroimpulswaffe, die bereits seit Jahren in Spezialeinheiten eingesetzt wird. Schott wünscht sie sich auch für die anderen Einsatzkräfte. "Es ist kein Elektroschocker", betont Schott. Die Waffe wirke mit zwei Pfeilen, "die eine elektrische Frequenz in den Körper abgeben. Diese wirkt auf die Nervenbahnen und führt zu Muskelstarre." Im Polizeigesetz sei seit knapp einem Jahr geregelt, dass der Taser eingesetzt werden dürfe. "Wir warten aber immer noch auf die Beschaffung", stellt Schott fest.

Messer-Szenarien werden bei Polizei Bonn intensiver geübt

Warum, weiß Beus. Man habe über das Landesamt Szenarien entwickeln lassen, die mit Einsatztrainern geübt werden müssten. "Einfach so an den Gürtel hängen kann man sich den Taser nicht", so Beus. Der Beamte müsse immer eine zweite Option haben, auf die er zurückgreifen könne. Zum Beispiel dann, wenn der Taser nicht funktioniere oder das Gegenüber nicht reagiere. Das habe es schon gegeben. Weil die Fortbildungen noch ausstünden, "kann man noch nicht sagen, wann der Taser kommt".

Dass die Messer mittlerweile lockerer sitzen als noch vor einigen Jahren, dafür spricht auch der interne Umgang der Bonner Polizei mit dem Thema. Entsprechende Szenarien, die laut Schott für die Einsatzkräfte immer eine Stresssituation bedeuten, werden intensiver geübt. Nach Auskunft von Polizeisprecher Rott ist das Training ein "verstärkter Bestandteil der internen Fortbildung". Selbst bei vermeintlich einfachen Einsätzen oder Kontrollen könne inzwischen unvermittelt ein Messer ins Spiel kommen. Die Folge sind Schulungen - und die Ausrüstung mit Stichschutzwesten.

Die Bonner Mordkommission, die auch für die Kreise Euskirchen und Rhein-Sieg zuständig ist, zählte im vergangenen Jahr acht Fälle, bei denen Messer eingesetzt wurden und ein Tötungsdelikt im Raum stand. Bürgern gibt die Polizei den Rat, zu "deeskalieren", die Flucht zu ergreifen und um Hilfe zu rufen.

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