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Mutter der verhafteten Karolina R.: "Meine Tochter ist keine Terroristin"

Mutter der verhafteten Karolina R. : "Meine Tochter ist keine Terroristin"

Die Mutter der am Montag in Bonn verhafteten Karolina R. hat sich im Gespräch mit unserer Redaktion zu den Vorwürfen der Generalbundesanwaltschaft geäußert. Ihre Tochter sei zu keiner Zeit Mitglied in der Salafistenszene gewesen, erst recht "ist meine Tochter keine Terroristin".

Die 25-Jährige war dem Generalbundesanwalt zufolge wegen des Verdachts der finanziellen Unterstützung der syrischen Terrororganisation Isis festgenommen worden. Sie sitzt nach Informationen unserer Redaktion mit ihrem 18 Monate alten Kind im Frauengefängnis Vechta in Untersuchungshaft.

Es war um 6 Uhr in der Früh, als bewaffnete und mit Schutzwesten bekleidete Männer der GSG 9 in die Wohnung von Familie R. stürmten. "Ich war noch am Schlafen, dann hörte ich meine Tochter schreien, sie müsse sich erst etwas überziehen."

Immer noch fassungslos schildert Marta R. (Name geändert), wie sie die neunstündige Razzia am Montag erlebte, als ihre 25-jährige Tochter Karolina verhaftet wurde - "wegen des Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Organisation", wie Vertreter des Generalbundesanwalts mitteilten.

Marta R. sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, neben sich auf dem Boden liegen Spielsachen, so als würde ihr 18 Monate alter Enkel gleich wieder ins Zimmer kommen und weiterspielen. Doch Thomas (Name ebenfalls geändert), der noch gestillt wird, ist seit Montag mit seiner Mutter im Gefängnis, weil diese wie berichtet im Februar rund 4800 Euro an die syrische Terrororganisation Isis überwiesen haben soll.

"Meine Tochter soll also eine Terroristin sein? Was für ein Quatsch", sagt die Mutter, die nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll. Es sei ihr alles so peinlich, deshalb wolle sie auf keinen Fall irgendetwas über sich selbst in den Medien lesen.

Während des Gesprächs mit dem GA klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist Bernhard Falk, einst Linksterrorist, jetzt emsiger Propagandist der deutschen Islamistenszene. Er teilt der Mutter mit, in welchem Gefängnis die Tochter in Untersuchungshaft sitzt. Die Mutter selbst weiß es bis zu diesem Zeitpunkt nicht, sie wirkt hilflos, als sie erzählt, dass "jede Menge Leute für Karolina anrufen und auf einmal ganz freundlich tun".

Auch Bernhard Falk ist ihr gänzlich unbekannt. Marta R. wundert sich, dass sie von ihm und nicht von Polizei oder Staatsanwaltschaft erfährt, wo sich Tochter und Enkelkind genau befinden. "Ich darf ja nicht mit Karolina sprechen." Schon am Montagabend verbreitete Falk die Nachricht im Internet, dass "die Schwester Karolina R." verhaftet worden sei. Er wusste Details, die er eigentlich nicht wissen konnte, da sie die Ermittler bis heute nicht herausgegeben haben. Nicht nur deshalb könnte man zu dem Schluss kommen, dass Karolina R. in der radikalen Szene keine Unbekannte war.

Schwer wiegt vor allem, dass sie zu den drei von acht Festgenommenen gehört, die der Generalbundesanwalt wegen des "dringenden" Verdachts der Unterstützung von Isis festnehmen ließ. Doch Karolinas Mutter ist überzeugt: "Meine Tochter hatte mit der Salafistenszene nichts zu tun." Darauf angesprochen, dass sie vor rund vier Jahren zum Islam konvertierte und sich streng arabisch kleidet, erwidert die Mutter: "Das habe ich nicht ernst genommen." Ja, ihre Tochter habe irgendwann angefangen, mit ihren katholischen Eltern über Religionen zu diskutieren.

"Und ja, sie recherchierte viel und informierte sich, weil sie auf der Suche nach der wahren Religion war." Das Mädchen, das als kleines Kind aus Polen mit den Eltern nach Deutschland gezogen war, haderte zunehmend mit dem Katholizismus und konvertierte schließlich zum Islam. Doch radikal in ihren Ansichten sei sie nie gewesen, widerspricht Marta R. Darstellungen von Lehrern ihrer Berufsschule, wo Karolina eines Tages vollverschleiert zum Unterricht kam und 2011 das Abitur machte. "Wenn ich es wollte, hat sie ihre islamischen Kleider und ihr Kopftuch immer ausgezogen", widerspricht die Mutter solchen Darstellungen.

Das Eltern-Tochter-Verhältnis scheint ohnehin nicht das schlechteste zu sein: Als Karolina sich von ihrem Mann, einem Muslim trennte, schlief sie nachts wieder mit ihrem Kind in der elterlichen Wohnung. Eigentlich hatte die junge Frau nach dem Abitur Sozialpädagogik studieren wollen. Doch als sie schwanger wurde, entschied sie sich, bei ihrem Kind zu bleiben. Im Wohnzimmer hängt ein Foto, das Familienidylle zeigt. Karolina ist darauf westlich, sommerlich gekleidet. Die Razzia hat dieses Idyll gründlich zerstört. Marta R. kann nachts nicht mehr schlafen.

"Die Polizisten haben nicht nur unseren Computer, sie haben unser ganzes Geld mitgenommen", sagt sie kopfschüttelnd. "Außerdem haben sie hier ganz viel durcheinandergebracht", zeigt sie auf die Unordnung in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses. "Selbst das Tablett, das ich meiner Tochter letzte Woche zum Geburtstag geschenkt habe, haben sie mitgenommen."

Marta R. hofft, dass sich der Vorwurf mit den Geldzahlungen ihrer Tochter bald aufklären wird. "Wir hatten doch einen Traum: Wir wollten uns in der Türkei eine Ferienwohnung kaufen - mit Palmen drum herum." Das Geld habe Karolina zu diesem Zweck überwiesen. Glaubt sie.

Geiselerschießung und Handabhacken: Das Terrorregime von Isis

Der Al-Kaida-Ableger Isis, kurz für "Islamischer Staat im Irak und Großsyrien", nutzt die Wirren des syrischen Bürgerkriegs und das daraus entstandene Machtvakuum und kämpft mit brutalen Mitteln für die Errichtung eines Gottesstaates. Mit ihren Gräueltaten - zum Beispiel der Erschießung von Geiseln und dem Handabhacken als Strafe für Diebstahl - verbreitet Isis im Norden Syriens Angst und Schrecken; viele Menschen flüchten.

Angeführt wird die von der UN als Terrorgruppe bezeichnete Miliz von Abu Bakr al-Baghdadi, der im Streit mit Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri liegt und ihm die bedingungslose Gefolgschaft verweigert. Dementsprechend kämpft die zweite große Dschihadisten-Gruppe in Syrien, die Al-Nusra-Front, die al-Sawahiri den Eid geschworen hat, mit ihren Verbündeten gegen Isis.

Die rund 300 meist jungen Leute, die aus Deutschland in den "heiligen Krieg" nach Syrien gezogen sind, landeten in der Regel im Umfeld von Isis, denn deren Propaganda läuft in deutschsprachigen Internetforen auf Hochtouren.