Linie 66 in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis: Pendler beklagen Zustände

Ausfälle und Verspätungen : Pendler beklagen Zustände auf der Linie 66

Pendler klagen über Ausfälle und Verspätungen auf der Linie 66. Auch die Informationspolitik steht in der Kritik. Ein Unternehmensberater denkt nun daran, seinen Job in Bonn zu kündigen und in eine organisiertere Stadt zu ziehen.

Stephan Klein ist ein besonnener, sehr analytisch denkender Mann. Der 37-Jährige arbeitet bei einer Unternehmensberatungsfirma in der Bonner Innenstadt, die für Dax-Konzerne, Banken und andere Großunternehmen gewaltige Datensätze analysiert. Selbst wenn er über seine Verärgerung über den Nahverkehr in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis redet, bleibt er bedacht und nachdenklich. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er in der Bundesstadt. Als er sich auf diese Stelle beworben hat, hat er alles gut und wohl überlegt. Was die Stelle betrifft, ist er "ziemlich glücklich", sagt er. Und dennoch überlegt er, sie zu kündigen. Warum? "Wegen der katastrophalen Bedingungen auf der Linie 66."

Stephan Klein lebt in Montabaur und der Westerwald ist seine Heimat. Seine Frau und er fühlen sich wohl dort. Über den ICE-Halt ist Montabaur sehr gut angebunden. "Rein rechnerisch" sei er 52 Minuten unterwegs. Der ICE braucht für die rund 70 Kilometer lange Strecke bis Siegburg etwa 18 Minuten. "Ich hatte eigentlich aufgrund des schlechten Rufs der Bahn mit größeren Problemen bei der ICE-Fahrt gerechnet", sagt er. Bis auf eine Ausnahme habe er in zweieinhalb Jahren keine Probleme mit dem Schnellzug gehabt. Aber mit der Stadtbahnlinie 66. Zu den Schwerpunktzeiten am Morgen und ab dem späten Nachmittag könne man sich als Pendler auf diese Linie überhaupt nicht verlassen. Morgens gehe es einigermaßen. Wenn da die Bahn mal ausfalle oder Verspätung habe, sei das für ihn nicht weiter schlimm. Er müsse ja nicht auf die Minute pünktlich da sein.

Katastrophal sei es indes auf der Rückreise. "Wenn ich meinen ICE in Siegburg um 16.43 Uhr kriegen möchte, plane ich mittlerweile drei Bahnen der 66 ein. Eigentlich dürfte es doch kein Problem sein, den Zug in Siegburg zu erreichen, wenn ich die Bahn um 16.01 Uhr ab Bertha-von-Suttner-Platz nehme, oder?", fragt er rhetorisch. Doch selbst bei diesem Puffer, "gelingt es nicht immer, den Anschluss zu bekommen. Dann muss ich eine Stunde auf die nächste Verbindung warten."

Stephan Klein hat sich zu einem richtigen Experten entwickelt. Über eine App kann er jede Bahn verfolgen. "Zum Beispiel an diesem Tag um 10.25 Uhr", sagt er und legt eine Grafik vor. "Normalerweise müssten sich die Wagen wie auf einer Perlenkette auf diesem Streckennetz bewegen. Tun sie aber nicht." Alle eingesetzten Wagen stehen bei dieser Momentaufnahme zwischen Bundesviertel und Stadthaus. "Sie können bei diesem Livetracking sehen, dass bei dieser Situation mindestens 25 Minuten lang kein Zug ab Siegburg abfahren kann." Die Tweets über Twitter gingen zwar regelmäßig in die Beschwerdestatistik der Stadtwerke ein, sagt er, ändern tue sich aber nichts.

Auffällig sei, dass die Bahn um 16.01 Uhr ab Bertha-von-Suttner-Platz übermäßig häufig ausfalle. Eine Nachfrage habe ergeben, dass das mit dem Fahrerwechsel zusammenhänge. "Meldet sich die Ablösung krank, fällt die Bahn halt aus - und das zur Primetime. Danach sind die Bahnen natürlich rappelvoll." Erschwerend komme hinzu, dass das auf der Linie 66 eingesetzte Material völlig veraltet sei. "Häufig schließen die Türen nicht. Dann muss der Fahrer raus, einen Kasten an der Tür öffnen und die Tür per Hand schließen. Das kostet natürlich Zeit."

Er habe schon überlegt, ob er der Verkehrslenkung der Stadtwerke ein Analyseprogramm schreiben solle, wie sie die Bahnen optimal einsetzen müssten, habe den Gedanken dann aber verworfen.

Wenn er einen wichtigen Termin im Büro hat, dann fährt Klein auch schon mal über Köln nach Bonn. "Das dauert dann eine Stunde und zehn Minuten, und das ist manchmal schneller als mit der 66 zu fahren." Seine Geduld ist am Ende. Vielleicht, meint er, kann er sich ins Frankfurter Büro versetzen lassen. "Der Nahverkehr in Frankfurt ist fantastisch. Da habe ich solche Verhältnisse wie in Bonn noch nie erlebt", meint er und fragt sich, ob eine internationale Stadt wie Bonn sich das noch lange leisten könne, den Nahverkehr so stiefmütterlich zu behandeln.

Das fragt sich auch Peter Middelhauve (45). Er ist IT-Systemtechniker bei der Universität Bonn und lebt in Oberdollendorf. Kürzlich postete er über Twitter: "Noch eine Anmerkung liebe @SWBBusundBahn: Ich würde meine Mitarbeiter gern auch mal wieder pünktlich auf der Arbeit sehen." Das sei zwar ein wenig sarkastisch gewesen, sagt Middelhauve lachend. Aber es sei einfach so, dass unter den unzuverlässigen Verbindungen häufig auch seine Arbeit leide. "Wenn Termine nicht eingehalten werden können, weil die Bahnen gar nicht oder viel zu spät kommen und meine Mitarbeiter oder Studenten nicht pünktlich sein können, dann frage ich mich, wann denn die vielgepriesene Verkehrswende kommen soll?"

Seine Frau und er haben vor anderthalb Jahren bewusst entschieden, komplett aufs Autofahren zu verzichten. Aber die Stadtwerke machten es ihnen schon schwer, ihre Entscheidung nicht zu bereuen, sagt er: "Ich persönlich kann mit der Situation noch ganz gut leben, aber Nachbarn von mir, die im Schichtbetrieb arbeiten und auf eine zuverlässige und pünktliche Bahn angewiesen sind, haben es deutlich schwerer. Und wenn ich dann lese, die SWB entschuldigen die Ausfälle mit dem hohem Krankheitsstand nach Pützchens Markt, dann fehlt mir jegliches Verständnis."

Ganz schlecht sei die Informationspolitik. "Wenn auf der Fahrgastinformation plötzlich eine Bahn verschwindet und die nächste angezeigt wird, von der ich auch nicht weiß, ob die kommt, dann kann ich nicht mal die Mobilitätsgarantie in Anspruch nehmen." Für den IT-Fachmann ist klar: "Der Ball liegt eindeutig bei der Politik. Die neuen Bahnen hätte sie schon vor zwei Jahren bestellen können und müssen", sagt er. Wie berichtet, wollen die Stadtwerke 22 neue Bahnen kaufen, um ab 2023 einen Fünf-Minuten-Takt zwischen Bonn und Siegburg einzuführen. "Solange kann ich aber nicht warten", meint Stephan Klein.

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