Bonner Kultur: Lesungen in den Wohngemeinschaften der Stadt

Bonner Kultur : Lesungen in den Wohngemeinschaften der Stadt

Das Literaturhaus besucht mit dem neuen Format „zwischen/miete“ Studenten zu Hause. Die angehenden Akademiker finden's "mega-cool".

„Wir haben keinen Platz mehr!“ Das sind die ersten Worte, die – begleitet von einem Lachen – aus der Wohnung im dritten Stock eines Hauses in der Nordstadt dringen. Die Wohngemeinschaft (WG) bietet für die Bonner Premiere des Formats „zwischen/miete“ die Bühne. Überfüllt, egal – irgendwo findet man schon noch ein Eckchen. Studenten sind da in der Regel überaus kreativ.

Und der Andrang spricht für das neue Format des Literaturhauses Bonn, das einer Idee aus Freiburg folgt, in Köln längst etabliert ist und nun auch in der Bundesstadt junge Autorinnen und Autoren mitten ins studentische Leben bringen will. Also in die WGs. Es ist ein spannendes Konzept, wenn auch eines für ein eher überschaubares Publikum. Nicht nur deshalb ist die Adresse geheim, wird nur auf Anfrage verraten.

Dennoch: 45 Menschen drängeln sich in der Wohnung, alle in einem Zimmer und im Flur davor. Moderator Tilmann Strasser, der kurz zuvor noch die Maximalauslastung an die Organisatoren des Literaturhauses weitergegeben hat, wirbt noch für vereinzelte freie Plätze, ebenso wie Nadine, eine der WG-Bewohnerinnen. Die Besucher sitzen zweireihig auf dem Sofa, auf dem Boden, überall, wo Platz ist, machen es sich mit Getränken in der Hand gemütlich, werden leise und hören gespannt zu.

Für die Auftaktveranstaltung hat das Literaturhaus Yannic Han Biao Federer eingeladen, der seinen Debütroman „Und alles wie aus Pappmaché“ vorstellt und der derzeit auf der Erfolgswelle schwimmt. Erst vor einer Woche wurde der aufstrebende Autor für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert, eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Und jetzt sitzt er hier, in dieser WG, an einem winzigen Tisch in einem Türrahmen.

Jeder Satz beginnt mit einem "und"

Federer, 1986 als Sohn eines Deutschen und einer Indonesierin in Breisach am Rhein geboren und in Südbaden aufgewachsen, studiert Germanistik und Romanistik in Bonn, Florenz und Oxford. Derzeit promoviert er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Langsam führt er im Gespräch mit Strasser in seinen von Rückblenden und Zeitsprüngen geprägten Text ein. Federer erzählt die Geschichte von Jian und seinen Freunden Sarah, Anne und Frank, die sich über die Jahre auseinandergelebt haben und doch nicht völlig voneinander loskommen. Stetig ergießt sich ein Gedankenstrom über die Zuhörer, der nahezu ohne Punkte auszukommen scheint, da ohnehin fast jeder Satz mit einem „und“ beginnt. Gerne verliert sich der Protagonist in Details, andererseits sind gewisse Bilder den zuhörenden Studenten nicht fremd. Gebannt folgen sie Jian auf seinen Streifzügen durch Freiburg und Köln, etwa eine Stunde lang, bevor Strasser den offiziellen Teil der „zwischen/miete“ für beendet erklärt.

Das Format an sich ist an diesem Abend angekommen. „Ich fand es mega-gut“, sagt Judith, die dank Mund-zu-Mund-Propaganda von der Veranstaltung erfahren hat. „Die Atmosphäre war toll, und vor allem das Zusammenspiel zwischen Moderator und Autor hat mir wirklich sehr gefallen.“ Auch Nadine, die mit ihrer Mitbewohnerin Joelle die Räume zur Verfügung gestellt hat, ist zufrieden: „Wir haben unabhängig voneinander davon erfahren, dass das Literaturhaus Bonn so ein Format plant und WGs sucht. Wir fanden die Idee gut und haben uns sofort gemeldet. Wir würden das am liebsten sofort wiederholen.“

Doch beim nächsten Mal wird eine andere WG zur Lesebühne werden. „Derzeit planen wir noch einen Termin im Oktober und einen im Dezember“, erklärt Stina Nissen vom Literaturhaus. „Nach diesem starken Auftakt sind wir zuversichtlich, dass auch die nächsten Lesungen in Bonn erfolgreich sein werden.“

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