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Lebenshilfe in Bonn streicht zahlreiche Angebote für Kinder

Fehlende Freizeit- und Bildungsangebote : Bonner Lebenshilfe streicht zahlreiche Angebote für Kinder

Die Bonner Lebenshilfe hat einen Teil ihrer Leistungen gestrichen. Seit 1. Juni fehlen Freizeit- und Bildungsangebote für behinderte Kinder und Jugendliche. Betroffene Familien sind enttäuscht.

Der Vorwurf trifft die Bonner Lebenshilfe (LH) hart: Mit der Einstellung ihrer Freizeit- und Bildungsangebote (FuB) und dem Familienunterstützenden Dienst (FuD) zum 1. Juni habe der Verein seine Gründungsidee und sein „Kerngeschäft“ aufgegeben: „Die Lebenshilfe war ja mal ein Selbsthilfeverein und ist nun immer größer und kommerzieller geworden“, ärgert sich Hildegard Theißen.

Als Mutter ihres inzwischen 20 Jahre alten geistig behinderten Sohnes ist sie nur bedingt betroffen. Doch als Förderschullehrerin steht sie in engem Austausch mit Eltern von jüngeren behinderten Kindern und Jugendlichen und weiß, wie „wahnsinnig wichtig dieses Entlastungsangebot für sie ist.“

LH Rhein-Sieg und LH Köln führen Leistungen fort

Im Unterschied zur Bonner Lebenshilfe führen sowohl die LH Rhein-Sieg als auch die LH Köln ihr Freizeit- und Bildungsangebot fort. Was in Bonn damit wegfällt, ist bei der LH Rhein-Sieg nachzulesen: „Kinder und Jugendliche – ob mit oder ohne Behinderung – haben das Bedürfnis, ihre freie Zeit nach Lust und Laune zu gestalten: Sie wollen Freunde finden, Spaß haben, neue Erfahrungen machen, kreativ sein und sich wohlfühlen. Bei uns können junge Menschen mit und ohne Behinderung viel erleben. Denn wir eröffnen ihnen vielfältige Möglichkeiten, ihre Freizeit selbstbestimmt zu verbringen.“

Für die Bonner Lebenshilfe bestätigt auch ihr Geschäftsführer Andreas Heß in seiner Schließungsankündigung für die Kunden, Betreuer und Freizeitteilnehmer der LH, dass „der Bereich Familienunterstützender Dienst/Freizeit und Bildung vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigung verlässliche und freudvolle Freizeitmomente ermöglicht“ habe. Für Familien und Angehörige hätten die Betreuungsangebote zu einer planbaren und regelmäßigen Entlastung beigetragen. Doch dann kommt er „nach einer intensiven Prüfung aller vorhandenen Möglichkeiten“ dazu, die als so wichtig beschriebenen Angebote zum 1. Juni zu schließen und schreibt, dass dies eine „äußerst schwere und schmerzliche Entscheidung“ gewesen sei.

Finanzieller Aufwand sei zu groß

Auf Anfrage des GA teilt Heß nun mit, man habe großes Verständnis für den Unmut der Kunden und bedauere die aktuellen Umstände. Auch wisse man um die Schwierigkeiten, die aufgrund der Schließung für die Kunden damit verbunden seien. Der Grund dafür sei ein sehr großer personeller und hoher finanzieller Aufwand gewesen. „Insbesondere in den letzten Jahren hat unser Unternehmen Verluste in Kauf genommen, um die niedrigschwelligen Angebote für unsere Kunden verbindlich aufrechtzuerhalten.“

Die Leistungen der nun weggefallenen Bereiche seien ausschließlich über den Stundensatz finanziert gewesen. Dabei seien die Qualitätsanforderungen der Kostenträger sehr hoch gewesen, was in keinem ausgeglichenen Kosten-Nutzen-Verhältnis gestanden habe. „Beispielsweise deckt der uns vorgeschriebene Höchstsatz des Entlastungsbetrags in keinster Weise den sehr hohen vorgeschriebenen bürokratischen und personellen Aufwand. Die bislang von den Kommunen zugestandene Refinanzierung im Rahmen der Eingliederungshilfe war schon bezüglich der reinen Personalkosten unzureichend“, argumentiert der Lebenshilfe-Geschäftsführer.

Wegfall trifft besonders Familien mit Förderschul-Kindern

Die Einstellung der Angebote geschehe im vollen Bewusstsein dessen, was Heß im Weiteren konstatiert: „Insbesondere Familien mit Kindern an einer Förderschule trifft der Wegfall vieler unserer Angebote besonders hart, da es vor allem für Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf kaum Ferienangebote gibt. Eine OGS-Betreuung in den Ferien steht diesen Personen nicht zur Verfügung, und die Eltern müssen die Betreuung privat organisieren.“ Man bemühe sich sehr, ein Minimum an Ferienangeboten aufrechtzuerhalten. „Allerdings“, so Heß, müsse dies für die Lebenshilfe als Leistungsanbieter refinanzierbar sein.

 Das Amt für Soziales und Wohnen der Stadt Bonn teilt auf Anfrage des GA mit, dass derzeit ein alternatives Betreuungsangebot erarbeitet werde. Man sei dazu bereits im April 2020 auf die Leistungsanbieter Lebenshilfe und Diakonisches Werk zugegangen, um eine umfassende Betreuungsmöglichkeit von Kindern und Jugendlichen in ihren Familien, die auch den geänderten Vorschriften der Eingliederungshilfe nach dem Bundesteilhabegesetz entspricht, konzeptionell abzusprechen und anschließend Finanzierungsverhandlungen aufzunehmen. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor.

„Es macht mich betroffen“, sagt Hildegard Theißen, „wie die Lebenshilfe Familien mit behinderten Kindern alleine lässt.“ Wenn alles so drastisch schlechter würde, wer könnte dann noch ein Sprachrohr für die behinderten Kinder und Jugendlichen sein, wenn nicht die Lebenshilfe. Sie wisse, dass es viele Eltern gebe, die nicht in der Lage sind, sich privat um die Betreuung oder um Alternativangebote für ihre behinderten Kinder zu kümmern, wie das bei ihr der Fall ist.

Politik soll finanzierbare Angebote schaffen

Für Heß liegt die Lösung des Problems in einem politischen Weg. Für ihn bedarf es des Zusammenspiels verschiedener Kostenträger (Kommunen, Land, Bund und Pflegeversicherung), die es den Leistungserbringern ermöglichen, finanzierbare Angebote anbieten zu können. „Die Kunden müssen Leistungen im Rahmen ihrer zur Verfügung stehenden Mittel bezahlen können, was uns wiederum auch ermöglichen muss, kostendeckend zu arbeiten und qualifizierte Mitarbeiter gewinnen zu können.“

 Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) und der Landesrahmenvertrag ließen neue Möglichkeiten zu, für die es einer angemessenen Leistungsvergütung bedürfe. Sonst sei dies nicht stemmbar. „Wir sind und bleiben gesprächsbereit und werden weiter nach Lösungen suchen. Aktuell ist der Minimalerhalt einzelner Leistungen alles, was uns möglich ist - und coronabedingt leider auch nur begrenzt.“