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Alltag in der Krisenregion: Leben mit dem Grollen der Raketen

Alltag in der Krisenregion : Leben mit dem Grollen der Raketen

Der Bonner Christoph Frechen wohnt in Tel Aviv und spricht über den Alltag in der Krisenregion. Mit dem 38-Jährigen sprach Nicolas Ottersbach.

Drei bis fünf Mal am Tag heulen in Tel Aviv die Sirenen, weil Raketen auf die israelische Großstadt geschossen werden. Der gebürtige Bonner Christoph Frechen lebt dort seit drei Jahren und arbeitet für einen deutschen Sportartikelhersteller. Trotz der Angriffe möchte er nicht wegziehen.

Herr Frechen, warum bleiben Sie in Tel Aviv?
Christoph Frechen: Wenn man im Mittleren Osten lebt, hat man den Konflikt jeden Tag auf dem Radar. Die Gefahr ist immer im Bewusstsein der Menschen, aber sie lähmt sie nicht. Außerdem habe ich eine Verantwortung gegenüber meinem Team im Büro. Ich könnte auch von Dubai aus arbeiten, aber ich lasse meine Mitarbeiter nicht alleine.

Haben Sie keine Angst, wenn die Raketen über ihren Kopf fliegen?
Frechen: Nein, Angst würde ich das nicht nennen. Es ist eher Respekt. Vor allem, wenn man das minutenlange Grollen der Detonationen hört. Das ist wie ein schweres Gewitter und viel schlimmer als der eigentliche Alarm. Solange der Iron Dome die gegnerischen Angriffe abwehrt, fühle ich mich sicher. Mulmig wird es mir erst, wenn ich daran denke, dass Bodentruppen im Einsatz sind.

Geht es ihren Freunden und Kollegen in Tel Aviv genauso?
Frechen: Wenn wir zusammen im Schutzraum sitzen, und ich in manche Gesichter schaue, sehe ich die Angst. Das sind Mütter, die um ihre Kinder in der Kita bangen. Oder um ihre Familien. So sieht aber nicht der Alltag aus.

Wie sieht dann der Alltag aus?
Frechen: Wir versuchen uns zu arrangieren. Diese sonst so lebhafte Stadt leidet unter dem Konflikt. Die Menschen verbringen ihre Zeit lieber zu Hause mit Freunden und Familie. Sie gehen weniger raus, ich jogge weniger am Strand, dafür mehr im Fitnessstudio. Die Cafés sind leerer, das Nachtleben ist ruhiger. Aber diese Ruhe nimmt auch in gewisser Weise den Stress.

Haben Sie jetzt immer im Blick, wo Sie sich in Sicherheit bringen können?
Frechen: Ich kenne einige Schutzräume, aber nicht viele. Das ist bei den Einheimischen anders, sie wissen genau, wo sie im Ernstfall hinmüssen. Als ich letztens mit dem Fahrrad unterwegs war, habe ich mich mit vielen anderen im Straßengraben verschanzt. Dort saßen wir und verfolgten, wie sich die Raketen am Himmel jagten.

Das klingt schon fast harmlos.
Frechen: Harmlos ist es nicht. Zwar werden die Raketen abgewehrt, die herabstürzenden Trümmer bleiben aber gefährlich. Vergangene Woche ist durch sie eine Tankstelle in meiner Nachbarschaft zerstört worden.

Machen sich Verwandte und Freunde da keine Sorgen?
Frechen: Doch, ich habe viel mehr Kontakt mit ihnen. Auch mit Freunden, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Mit meinen Eltern in Bonn telefoniere ich fast jeden Tag. Meistens sprechen wir darüber, wie es mir geht. Über die politische Lage sind viele durch die Nachrichten ohnehin gut informiert.

Wie denken Sie über den Nahost-Konflikt?
Frechen: Es muss eine friedliche Lösung geben, doch das ist nicht einfach. Es gibt kein Schwarz und Weiß, kein Gut und Böse. Das wissen auch die Menschen hier. Ich bewundere an den Tel Avivern ihre positive Einstellung trotz aller Beeinträchtigungen und, dass sie die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht aufgeben.

Gibt es für Sie einen Punkt, ab dem Sie flüchten würden?
Frechen: Sobald chemische Waffen zum Einsatz kommen oder Truppen in Israel einmarschieren: Dann fühle ich mich nicht mehr sicher.