Finanzielles Fiasko in Bonn: Krise auf der Baustelle Beethovenhalle spitzt sich zu

Finanzielles Fiasko in Bonn : Krise auf der Baustelle Beethovenhalle spitzt sich zu

Wie der GA von einem Projektbeteiligten erfuhr, kann die Decke über dem großen Saal die Lüftungsanlage nicht tragen. Drohende Kündigungen weiterer Firmen bringen die Sanierung noch stärker ins Wanken.

Und wieder ein neues Problem in der Beethovenhalle: Das Dach über dem großen Saal ist nicht stabil genug, um die notwendige Lüftungstechnik zu tragen, wie der GA von einem Projektbeteiligten erfuhr. Ursache ist offenbar ein Planungsfehler, der die Kosten für die Sanierung weiter in die Höhe treiben wird. Die Ratsfraktionen, die an diesem Montag ab 18 Uhr in einer Sondersitzung über die Baustellen-Krise beraten wollen, sind noch nicht informiert.

„Es hat sich herausgestellt, dass die bestellte Lüftungsanlage etwa doppelt so schwer ist wie geplant“, berichtet der Informant. „Das Tragwerk kann die Last bei weitem nicht auffangen. Zuletzt ergab sich eine Überschreitung von mehr als 30 Tonnen.“

Auf Nachfrage bestätigt das Presseamt die schwere Panne. „Eine vor kurzem erfolgte Überprüfung der Lastangaben im Dachtragwerk über dem großen Saal hat gezeigt, dass die Lastangaben gegenüber der Entwurfsplanung in erheblicher Weise abweichen“, erklärt Stadtsprecherin Monika Hörig. „Die Planungsbüros wurden wiederholt aufgefordert darzulegen, weshalb die Lastangaben von damals gegenüber heute so unterschiedlich ausfallen. Dem Anschein nach handelt es sich um planerische Defizite in der Vor- und Entwurfsplanung.“

Die Technik soll nun soweit wie möglich in den Randzonen des Daches untergebracht werden, wo die Lasten über die Stahlbetonwände darunter aufgefangen werden. Nach Angaben des Tragwerksplaners könne das Dach zudem noch ertüchtigt werden – etwa mit zusätzlichen Diagonalen und dem Ersatz von Nieten durch hochfeste Schrauben. Jetzt laufe eine Neuberechnung des Tragwerks, so Hörig. Erst wenn die Planung abgeschlossen ist, werden auch die Folgen der Panne bezifferbar sein. Teurer wird es aber auf jeden Fall. „Die weitere Versteifung des Dachtragwerkes wird Auswirkung auf Kosten und womöglich auch auf Termine haben“, sagt die Stadtsprecherin.

Auftragnehmer kündigen

Doch das ist bei Weitem nicht das größte Problem in der Beethovenhalle. Noch gravierender sind drohende Kündigungen weiterer Auftragnehmer aufgrund des Zeitverzugs der Sanierung, den die Stadt hauptsächlich dem Projektplaner Nieto Sobejano Arquitectos GmbH aus Berlin anlastet. Zwei Technikfirmen haben wie berichtet schon von ihrem Recht Gebrauch gemacht, ab einer Bauunterbrechung von drei Monaten ihre Verträge zu kündigen.

Die jetzt nötigen Neuausschreibungen fressen Zeit und kosten mehr: Allein für die Raumlufttechnik kalkuliert die Stadt rund 725 000 Euro zusätzlich ein, für Heizungs- und Kältetechnik 525 000 sowie für Elektrotechnik 600 000 Euro. Vor Kurzem musste die Stadt einräumen, dass die Sanierung der denkmalgeschützten Halle frühestens 2022 abgeschlossen und noch teurer als die bisher prognostizierten 102 Millionen Euro sein wird – ursprünglich waren 61,5 Millionen Euro bei Fertigstellung Ende 2018 geplant.

Die Kündigung der beiden Technikfirmen setzt nun eine unheilvolle Kettenreaktion in Gang. Vor allem deshalb bestehe „die Gefahr von Unterbrechungen der Bauleistungen aktuell in zahlreichen Vergabeeinheiten“, teilt die Stadtverwaltung dem Rat schriftlich mit. Weitere Kündigungen seien angekündigt und auch zu befürchten. Was das bedeutet, schreibt die Stadt in einer vertraulichen Vorlage, die dem GA vorliegt: „Insofern kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Fertigstellungstermin deutlich höhere Terminverschiebungen erfahren wird.“ Also noch später als 2022. Allein bei den drohenden Kündigungen durch Baufirmen rechnet die Stadt außerdem mit dem „sehr wahrscheinlichen“ Risiko einer Preissteigerung um 5,5 Millionen Euro. Insgesamt sind in der sogenannten Kostenverfolgung des Projekts derzeit Risiken von 11,3 Millionen aufgeführt.

Keine vollständige Ausführungsplanung

Auch mehr als zwei Jahre nach Baubeginn liegt noch keine komplette Ausführungsplanung für alle Gewerke vor. Diese könne „kurzfristig nicht erwartet werden“, so die Stadtverwaltung. Im Moment konzentriere man sich auf die Ausführungsplanung für Rohbau, Fassade und Dach.

Im nichtöffentlichen Teil der Ratssondersitzung werden die Fraktionen an diesem Montag womöglich auch diskutieren, ob die Stadt dem Architektenbüro NSA kündigen soll. Die Verwaltung lässt diese Möglichkeit wie berichtet prüfen. Einen neuen Projektplaner einzuschalten, würde das Projekt allerdings noch einmal deutlich verzögern. Am Freitag ist eine letzte Frist abgelaufen, die den Architekten von der Stadt gesetzt worden war. Sie haben laut städtischer Unterlagen bereits rund 5,2 Millionen der vereinbarten Summe von 6,6 Millionen Euro ausbezahlt bekommen.

Der Bürger Bund Bonn (BBB) stellt in der Sondersitzung am Montag den Dringlichkeitsantrag, Oberbürgermeister Ashok Sridharan möge dem Rat spätestens am Ende jedes Quartals einen aktuellen Bericht aus der Beethovenhalle erstatten, über „gravierende Veränderungen“ aber umgehend informieren. Es könne nicht sein, so der BBB, dass der Rat von „entscheidenden Entwicklungen in diesem Jahr erst durch Berichte im Bonner General-Anzeiger“ erfahren habe. Der Projektbeirat Sanierung Beethovenhalle mit Vertretern der Fraktionen tagte 2018 vier Mal, in diesem Jahr hat die Stadtverwaltung nur drei Sitzungen vorgesehen.

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