Bunker in Bonn: Kreative Offensive in Betonruinen

Bunker in Bonn : Kreative Offensive in Betonruinen

Auf 6 und 7 Uhr liegt der Venusberg mit seinem Funkmast. Im Schutz dieser grünen Hügel flogen im Zweiten Weltkrieg alliierte Bomber tödliche Angriffe auf Bonn. Der Aussichtspunkt auf dem Dach des 1941 fertig gestellten Windeckbunkers war da ein lebensrettender Alarmgeber, um die Flugbewegungen beobachten und einordnen zu können.

Nach Uhrzeiten war das Rondell nummeriert - und der darunter liegende meterdicke Beton eine Trutzburg, in der sich bis zu 843 Menschen in Sicherheit brachten. Von den dramatischen Szenen, die sich dort abgespielt haben müssen, ist heute nur noch abgeblätterte Farbe übrig.

Wenige Zeitzeugen können von den Erlebnissen erzählen, in denen sie sich vor Angst in die Bunker flüchteten. Und auch die stillen Zeugen, die aus Beton, werden weniger: Nach und nach werden die Bonner Bunker entwidmet und für die zivile Nutzung umgebaut.

Etwas Privatsphäre im Null-Sterne-Hotel

1989 fiel die Mauer. 2007 beschloss die Innenministerkonferenz "auf Grund der seit Ende des Kalten Krieges vollkommen veränderten Bedrohungslage", das flächendeckende Schutzbauprogramm aufzugeben. Ein Jahr später wurden die ehemaligen öffentlichen Zivilschutzanlagen in Deutschland aus ihrer Zweckbindung entlassen.

Das bedeutet: Rückgabe, Abriss, Veräußerung oder Umnutzung. In der Schweiz gibt es einen gegenläufigen Trend: Obwohl es heute schon mehr Bunkerplätze als Einwohner gibt, entschied der Nationalrat nach der Fukushima-Atomkatastrophe 2011, neue Schutzräume zu bauen.

Bonn, Windeckbunker, Budapester Straße, direkt neben dem alten Stadthaus: Ein Gang verbindet Bunker und Stadthaus. Angestellte gehen in die Schutzräume zur Aktenablage. Einige Ordner stehen in Umzugskartons herum, für sie wurden Aluminiumregale in den Schutzräumen aufgestellt. Vieles wurde schon im ersten Obergeschoss einsortiert, die dicken Stürze sind mit Reißverschlusstüren aus Plastik abgedichtet.

"Für die Dokumente brauchen wir ein stabiles Klima", sagt Thomas Adenauer, Bunkerexperte der Bonner Feuerwehr, die sich um die Bunkeranlagen kümmert. Die Luft ist trocken und warm, rund um die Uhr entfeuchten Trocknungsgeräte die sonst so beklemmend klammen Räume. Im Windeckbunker brennt immer ein Licht, und die nachträglich eingebaute Technik muss mit Strom versorgt werden.

Tief unter der Erde, im mit Gittern abgesperrten Kellergeschoss, liegt die ursprüngliche Lüftungstechnik, die zuletzt für die Zeit des Kalten Kriegs ausgerüstet wurde. Ob sie noch funktioniert, kann Adenauer nur vermuten. "Das ist alles schon lange nicht mehr gelaufen."

Als er versucht, die Lüftung manuell mit einer Kurbel in Gang zu bringen, stößt er auf einigen Widerstand - wie immer, wenn nicht benutzte Gegenstände nach extrem langer Zeit wieder benutzt oder angetrieben werden. Das kennt der Feuerwehrmann aus seinem Berufsalltag.

Nach mehreren Runden kommt ein leichtes Pfeifen aus den blechernen Rohren. "Na also, es geht doch", sagt Adenauer. Die Luft dort unten, wo die Trocknungsgeräte nicht hingelangen, bleibt trotzdem feucht. Kontinuierlich müsste Adenauer weiterkurbeln, 24 Stunden am Stück. Im Ernstfall, wenn der Antrieb der Anlage ausgefallen wäre, hätten das jeweils zwei Personen pro Motor getan. Immer im Wechsel. So lange, wie die Kraft reichte.

Eine bunkertypische Einrichtung gibt es nicht mehr. Feldbetten, Besteck und sogar die Zwischenwände früherer Schlafplätze wurden ausgeräumt. Die Abgrenzungen erkennt man noch vage als Unebenheiten im grau angestrichen Boden. Etwa zwei mal drei Meter war so eine Kammer groß und gab den Menschen etwas Privatsphäre im Null-Sterne-Hotel.

Der Aufbau für jede Etage ist identisch. Zwischen den Treppenhäusern, links und rechts, gibt es zwei große Räume, die einmal unterteilt waren. Übrig geblieben sind nur ein paar Gegenstände, die wie in einem Museum an längst vergangene Zeiten erinnern. Beispielsweise ein Wählscheibentelefon, das damals wie heute zu klobig ist, um es von Raum zu Raum zu tragen und deshalb Rollen hat.

Ein Detail bringt Adenauer zum Schmunzeln: Auf jeder Etage gibt es zwei Damen- und nur ein Herren-WC. "Frauen brauchten anscheinend schon vor Jahrzehnten etwas länger im Bad."

Unzählige Ein-Liter-Essnäpfe und "Messbecher mit Gummifuß"

Nur wenige Meter weiter gibt es einen zweiten Bunker: Die Tiefgarage am Friedensplatz. Nicht so prominent erbaut wie der Windeckbunker und eher unscheinbar, dafür aber mit viel Fassungsvermögen. 3750 Menschen würden hier Schutz finden. Damit ist er der zweitgrößte Bunker in Bonn, der noch funktionstüchtig ist.

Zwar wäre in der U-Bahn-Station am Hauptbahnhof Platz für rund 4200 Menschen, sie ist als Bunker aber entwidmet, so wie fünf weitere Bunkeranlagen auch. Die mit Abstand größte ist der Straßentunnel der Bundesstraße 9: 7200 Menschen kann er aufnehmen, wenn die Tore an den Tunnelröhren geschlossen sind.

Die Bunkerfunktion der Friedensplatz-Tiefgarage ist noch intakt, das erkennt man an den meterlangen blauen Türen, die aufgeklappt vor jedem Parkdeck mit ihren schweren Verriegelungen darauf warten, benutzt zu werden. Sie zu bewegen schafft ein Mann kaum alleine, obwohl sie gut geschmiert sind.

Bei Hochwasser wird das unterste Deck auch jetzt noch dicht gemacht, damit das Wasser nicht hinaufsteigt. Das eigentliche Herz dieses Bunkers liegt allerdings hinter verschlossenen Türen; Parkkunden im Alltag können es kaum bemerken.

Wenn Thomas Adenauer die Türe öffnen will, muss er erst einmal mit einer Lampe den Lichtschalter suchen. Durch ein schmales und düsteres Treppenhaus erreicht man eine Küche mit kleinem Herd und einer Durchreiche zu den Parkdecks. Der Herd hat genau zwei Drehschalter, auf denen "2/3" und "1/3" geschrieben steht. Simpel und für jeden leicht zu bedienen. Links daneben eine Spüle, ein Handwaschbecken und ein Warmwasserboiler. Alles funktioniert, alles immer wieder getestet. Aber wirklich kontrolliert wird es von niemandem.

Einen Raum weiter steht ein Schreibtisch. Irgendwann hat jemand dort eine Handlampe deponiert, die noch aus den 60er Jahren stammen muss. Genau weiß das keiner. "Die Räume werden eben nicht mehr benutzt", sagt Adenauer. Dennoch kann man noch einiges über die Funktion des Bunkers erfahren. Sofort fällt die "Bedienungsanleitung" ins Auge.

"Vor Beginn der Schleusentätigkeit muss eine Drucktür geschlossen und verriegelt sein." "Plan A" regelt die "Inbetriebnahme der Anlage" über den Hauptschalter für die Elektrik. Fällt die aus, gibt es "Plan B". Die "Nothandbetätigung".

Eine Etage tiefer fällt unweigerlich die identische Ausstattung der Küche ins Auge. Im Nebenraum sind allerdings keine Bedienungsanleitungen mehr, sondern ausschließlich Küchenutensilien. Unzählige Ein-Liter-Essnäpfe. Und original "Luchs Luran Messbecher mit Gummifuß".

Die Hausfrau aus der Wirtschaftswunderzeit wird sich daran erinnern, jeder andere nur mit den Schultern zucken. Wer möchte, kann "Roggenvollkornbrot geschnitten" probieren. Hergestellt 1988. "Das schmeckt noch, schlecht wird das nie", sagt Adenauer.

Noch eine Etage tiefer: Hier landet der Besucher im Maschinenraum. Maschinenraum deshalb, weil dort zwei alte Schiffsdiesel ruhen. Gefertigt von Deutz, mit einzelnen Zylindern, die so viel Hubraum wie heute eine ganze Oberklasse-Limousine haben. Laut angeschlagenem Typenschild liefert einer der Stromgeneratoren 400 Volt und 200 Kilovoltampere, also 200 Kilowatt. In zehn Stunden könnte er so viel Strom erzeugen, wie ein deutscher Ein-Personen-Haushalt durchschnittlich pro Jahr verbraucht.

Die beiden Generatoren hätten den Bunker mit ausreichend Strom versorgt. Und wenn etwas kaputt gegangen wäre, hätten die beiden tonnenschweren Maschinen vor Ort gewartet werden können. In den Regalen liegen auch noch Kraftstofffilter und Dichtungen. Nur die Batterien zum Zwischenspeichern der Energie dürften nicht mehr zu gebrauchen sein. Die Säure ist ausgelaufen, die Kontakte korrodiert.

Die Stadt Bonn hat für die Bunker keine Verwendung mehr. Die offenbar fehlende Kriegsbedrohung hat die Schutzräume überflüssig gemacht. Deshalb werden sie nach und nach entwidmet und über die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verkauft. Einen Bunker zu "entwidmen", also seine Zivilschutzbindung aufzuheben, ist ein langwieriger und papierintensiver Vorgang.

Dabei wird unterschieden, ob es sich um einen Schutzraum im Eigentum des Bundes, der Stadt oder eines Privatmanns handelt. Einige Anlagen, wie der Windeckbunker, gehören anteilig Bund und Stadt. Entwidmungsverfahren für bundeseigene Bunker leitet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BBK) ein.

Das Bonner Amt für Feuerwehr und Rettungsdienst bekommt dann einen Aufhebungsvertrag zunächst als Entwurf "auf dem Dienstweg zugeleitet", erklärt Stadtsprecher Marc Hoffmann. Vor Ort wird geprüft, was alles an Inventar ausgeräumt oder abgebaut werden muss. Die Kosten dafür übernimmt der Bund. Die Schlussfassung eines Entwidmungsvertrages unterzeichnen schließlich Bund, Land und Stadt gemeinsam.

Die Inhaber von privaten Schutzräumen hat die Stadtverwaltung aufgefordert, einen Entwidmungsantrag an den Bund zu stellen. Sämtliche Haus-, Betriebs- und Schulschutzräume wurden 2012 und 2013 aus der Zivilschutzbindung entlassen. Bei Anlagen, die der Stadt gehören, wurden "bereits zu allen Objekten formlose Anträge auf Entwidmung (...) über die Bezirksregierung gestellt", so Hoffmann. Das BBK schickt dann "zu gegebener Zeit" einen Entwidmungsvertragsentwurf zu.

Der Bunker als idealer Ort für ein Rechenzentrum

Der Bunker in Poppelsdorf in der Trierer Straße, der durch seine Bauweise eine Mischung aus Hoch- und Stollenbunker ist, hat sich auf diese Weise in ein Rechenzentrum verwandelt. Weil er von außen mit seiner hohen Fassade wie ein Hochbunker aussieht, wird er von Laien fälschlicherweise als solcher eingestuft. "Aber die eigentliche Anlage geht meterweit in den Fels hinein", sagt Dennis Hörner, der das Betonobjekt umgebaut hat.

Gekauft haben den Bunker Privatleute, Hörner zahlt Miete. Und hat sogar direkte Nachbarn: Oben drüber, auf der mehr als zwei Meter dicken Decke, stehen zwei Wohnhäuser. "Ein besseres Fundament als einen Bunker kann man ja gar nicht haben", sagen die Mieter.

Auch Hörner ist vom Koloss begeistert. "Der hat alles, was man für ein Rechenzentrum braucht", erzählt er. Dazu gehört die hundertprozentige Ausfallsicherheit der Stromversorgung. Dass die Rechner mal keinen Saft haben, ist unmöglich. Denn der Bunker wurde in den 80er Jahren von einem einfachen Stollenbunker mit städtischen Mitteln zu einer Befehlsleitstelle ausgebaut.

"Und die hängt am alten Stromkreislauf der Regierungsgebäude, der wiederum von mehreren unterschiedlichen Kraftwerken, auch aus dem Ausland, versorgt wird", hat Hörner in eigener Recherche herausgefunden. Er kann die bestehende Lüftungsanlage nutzen, um die Computer zu kühlen. Dafür reicht momentan noch die Frischluft, die über das Dach eingesaugt wird.

Je nachdem, wie viele Rechner dort einmal nach Luft schnappen werden und wie heiß es draußen ist, muss er Klimaaggregate aufstellen. "Aber bis das wirklich nötig sein wird, passt hier noch einiges rein."

Die beiden parallel angelegten Stollen sollen bald mit Serverracks ausgefüllt sein, den Regalen für Computer, die das Internet betreiben. Bei allen Veränderungen versucht Hörner den Flair des Bunkers zu erhalten. Nur für die vielen Kabel hat er Löcher in die Wände gestemmt.

Die Schleusentüren haben noch ihren Originallack, unter dem weißen Putz der Wände kommen alte Zeichnungen von Studenten zum Vorschein; zeitweise war der Poppelsdorfer Bunker ein Wohnheim. Die Befehlsleitstelle musste Hörner komplett entrümpeln, um Platz für Büros zu schaffen. Deshalb musste eine alte Telefon-Verbindungsstelle weichen, an der die Anrufe noch mit Steckverbindungen hergestellt wurden.

Eins wird der Bunker immer bleiben: bombensicher. Genau damit wirbt Hörner auch.

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