Kleiner Waffenschein: Polizei Bonn warnt vor Risiken der Pistolen

Polizei warnt vor Risiken : Immer mehr Bonner beantragen den Kleinen Waffenschein

Die Zahl der Kleinen Waffenscheine in Bonn ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Die Polizei warnt in diesem Zusammenhang vor den Risiken von Schreckschusspistolen.

Messerattacke am Bertha-von-Suttner-Platz. Überfall im Hofgarten. Raub an der Rheinpromenade. Wiederkehrende Nachrichten wie diese dürften neben überregionalen Ereignissen mit dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Kleinen Waffenscheine in Bonn und Umgebung in den vergangenen Jahren kontinuierlich steigt - seit 2014 um weit mehr als das Doppelte. Anfang November waren im Zuständigkeitsbereich der Bonner Polizei 5585 Menschen im Besitz des Scheins. Während die Ansichten über die Wirkung des Dokuments, das zum Führen von Schreckschuss-, Gas- und Signalwaffen (SRS) berechtigt, auseinandergehen, besteht über die Ursache der gestiegenen Nachfrage weitgehend Einigkeit.

Darauf, dass der Anstieg bei den Zulassungszahlen des Kleinen Waffenscheins kein regionales Phänomen sei, verweist die Bonner Polizei. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) begründet dies mit einem „latenten Unsicherheitsgefühl“ in der Bevölkerung. „Spätestens seit den Ereignissen auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht 2015 fühlen sich offenbar immer mehr Menschen verunsichert“, konstatiert GdP-Chef Oliver Malchow.

Nutzer: „Im Sommer bin ich sonntags am Michaelsberg überfallen worden. Am Tag danach war meine erste Amtshandlung die Beantragung des Kleinen Waffenscheins“, berichtet Aljoscha Manin Schäfer dem General-Anzeiger. „Seitdem ich den Schein habe, mache ich keinen Schritt mehr, ohne die Waffe verdeckt bei mir zu tragen. Ich möchte mich und meine Begleitungen im Ernstfall schützen können, denn ich fühle mich in Deutschland nicht mehr sicher, egal wo und wie ich mich bewege, ein unsicheres Gefühl ist mein ständiger Begleiter“, sagt der 20-jährige Siegburger. Dass der Kleine Waffenschein auch dem regionalen Brauchtum Grenzen aufzeigt, weiß GA-Leser Markus Pieger zu berichten. Er ist in einer Junggesellenbruderschaft aktiv, in der bei offiziellen Veranstaltungen mit Pyrotechnik geböllert wird. Inzwischen verfügen Pieger und seine Mitstreiter über einen separaten Böllerschein.

Risiken: Bereits in den 90er Jahren zog der damalige Polizeipräsident Dierk Henning Schnitzler mit dem Kommissariat Vorbeugung durch  Schulen, um Jugendliche über die Tücken von Gaspistolen aufzuklären. Und auch heute gilt der scheinbar banale Hinweis, dass es sich etwa beim Einsatz von Gaspatronen als misslich erweisen kann, wenn Gegenwind herrscht. Auch heute warnt die Polizei vor Eigenverletzungen, zumal für den Kleinen Waffenschein kein Sachkundenachweis zu erbringen ist. Das ist nicht das einzige Problem, das die Behörde im Zusammenhang mit Schreckschusswaffen sieht: „Ein durch das Tragen von Waffen gesteigertes Sicherheitsgefühl kann ein Trugschluss sein. So kann sich die eigene Risikobereitschaft erhöhen. Auch beim Gegenüber kann durch das Zeigen von Waffen eine Gewalteskalation ausgelöst werden“, sagt Polizeisprecher Simon Rott. Zudem erschwerten SRS-Waffen Helfern und der Polizei zu erkennen, wer Täter und wer Opfer ist. Rott: „Sie sind von echten Schusswaffen häufig nicht zu unterscheiden.“

Händler: Auch Thomas Brüssel, Shopmanager beim Jagdausrüster „Wald und Flur“ in Bad Godesberg kann die gestiegene Nachfrage anhand der Absatzmenge in seinem Geschäft bestätigen. Bei zwei bis drei SRS-Waffen wöchentlich liege die Menge der verkauften Exemplare, für die es allerdings auch einen expliziten Sammlermarkt gebe. Eine „typische“ Käuferklientel gebe es nicht – weder mit Blick auf Alter, Beruf und Geschlecht, noch hinsichtlich der Nationalität: „Der Waldbauer aus der Eifel ist ebenfalls darunter wie junge Männer und auffallend viele Frauen, die ihr Sicherheitsgefühl verbessern wollen“, berichtet er. Die gesetzlichen Vorschriften seien elementarer Bestandteil von Beratung und Verkaufsgespräch, sagt Brüssel und greift zu einem entsprechenden Formular: „Wir machen unsere Kunden auf die Rechtslage aufmerksam und lassen uns das auch quittieren“, sagt er. Mit dem Kauf hat der Kunde auf dem ausgefüllten Bogen auch seine Personalien hinterlegt. Im Zweifelsfalle haben die Behörden somit die Möglichkeit darauf zurückzugreifen.

Strafen: Verbreitet sind Missverständnisse hinsichtlich des Führens einer SRS-Waffe: Gemeint ist damit ihr Mitführen in der Öffentlichkeit, das der Kleine Waffenschein (außer bei Großveranstaltungen) erlaubt. Besitzen und zu Hause aufbewahren dürfen diese Waffen Erwachsene auch ohne das Dokument. Wer hingegen ohne Berechtigung draußen mit ihnen erwischt wird, dem wird nicht nur die Waffe entzogen; auch gibt es ein Strafverfahren wegen illegalen Führens einer Waffe. Strafmaß: Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Wie viele Personen in Bonn zuletzt unerlaubt mit Schreckschusswaffen erwischt wurden, vermag die Polizei nicht aufzuschlüsseln. „Im Jahr 2018 wurden in unserem Zuständigkeitsbereich 140 Straftaten gegen das Waffengesetz begangen“, sagt Polizeisprecher Rott. Darunter seien aber alle Straftaten gegen das Waffenrecht, etwa auch das Führen eines verbotenen Messers. Gegen illegale Waffen, dies zeigt das Beispiel, entfaltet auch der Kleine Waffenschein nur begrenzte Wirkung.

Waffen: Es geht um so genannte SRS-Waffen, womit Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen gemeint sind. Sie müssen von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) zugelassen sein, was auf den Waffen anhand eines Emblems erkennbar ist. Ihr Einsatz ist nur in Notwehr erlaubt. Keinen Kleinen Waffenschein braucht man hingegen für Elektroschocker und Pfeffersprays, die oft als „Tierabwehrsprays“ gekennzeichnet werden. Der Kleine Waffenschein ist 2003 eingeführt worden. Bis dahin waren die SRS-Waffen ab 18 Jahren frei nutzbar.

Mehr von GA BONN