Lesefest Käpt'n Book in Bonn: Kindheit zwischen Puppen und Patronenhülsen

Lesefest Käpt'n Book in Bonn : Kindheit zwischen Puppen und Patronenhülsen

Autorin Kirsten Boie liest bei der Welthungerhilfe aus ihremBuch über eine syrische Flüchtlingsfamilie. "Alles wird gut" basiert auf einer wahren Geschichte.

Ungewöhnlich ruhig haben 100 Schüler der vierten bis sechsten Klasse am Montagvormittag eine Lesung in der Bad Godesberger Zentrale der Welthungerhilfe verfolgt. Die Jugend- und Kinderbuchautorin Kirsten Boie stellte im Rahmen des „Käpt'n Book“ Lesefestes ihr neues Werk „Alles wird gut“ vor, das die wahre Geschichte einer syrischen Flüchtlingsfamilie in Wort und Bild nacherzählt. „Als 2013 die ersten Flüchtlinge in unser Dorf bei Hamburg kamen, begann ich, unvorstellbar traurige Berichte zu hören“, sagte Boie, die den Kindern zunächst Syrien auf einer Weltkarte zeigte und die verschiedenen Routen nach Europa erläuterte.

Die Geschichte der achtjährigen Rahaf, ihres zehnjährigen Bruders Hassan und deren Eltern beginnt in Homs, noch vor dem Bürgerkrieg. Der Familie geht es vergleichsweise gut, der Vater arbeitet als Mediziner und die Kinder haben viel Zeit, um zu Hause mit Puppen oder im Freien Verstecken zu spielen. Aber dann kommen die Bombenflugzeuge: „Hinterher lagen die Straßen in Trümmern, und manche Menschen sind nicht wieder aufgestanden“, las Boie in die betroffene Stille hinein.

Hunger, Durst und Todesangst

Nach den Straßenkämpfen sammelt Hassan Patronenhülsen, bis seine Eltern es ihm verbieten. Als die Familie zur Flucht aufbricht, möchten die Kinder nicht gehen, denn Freunde und Verwandtschaft bleiben zurück. Nur ihre Puppe Lulla kann Rahaf mitnehmen, die vor der Mittelmeer-Überfahrt jedoch von den Schleusern mit dem gesamten Gepäck unterschlagen wird.

Nach Hunger, Durst und Todesangst auf dem viel zu kleinen Boot landet die Familie in Italien, ohne Ausweisdokumente und nur mit dem Geld, das der Vater noch am Leib trägt. Das reicht zunächst noch für Zugtickets, auf dem letzten Teil der Strecke ist es aber aufgebraucht. In Deutschland machen die Syrer unterschiedliche Erfahrungen: „Eine ältere Dame im Abteil beschimpfte Rahaf, die vor Durst schrie. Da fing ihre Mutter an zu weinen.“

Als jedoch der Schaffner zur Fahrscheinkontrolle kommt und die Situation der Familie erkennt, legt er dem Vater nur die Hand auf die Schulter und wünscht ihm viel Glück – „Bestimmt wird jetzt alles gut“, formuliert dieser daraufhin den späteren Buchtitel.

Die Texte wurden von der 21-jährigen Shirin Jamil ausschnittsweise auf Arabisch vorgelesen. „Damit ihr selbst erleben könnt, wie es ist, einer völlig fremden Sprache ausgesetzt zu sein“, erklärte Boie. Das Vorhaben ging auf, die Kinder reagierten sichtlich frustriert auf die Passagen, die sie nicht verstehen konnten. Die jungen Zuhörer erfuhren, wie schwierig es für die Familie auch in Deutschland noch lange war.

Auf die Frage, was sie selbst einpacken würden, nannten die Kinder Nahrung, Kleidung, Kuscheltiere, Familienfotos und das Handy – vor allem Letzteres wäre als einzige Kommunikationsmöglichkeit mit Zurückgebliebenen sinnvoll, bestätigte Jamil aus eigener Erfahrung.

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