Zwischen Burbacher Straße und Karthäuserplatz: Kessenicher Traditionsgeschäfte kämpfen ums Überleben

Zwischen Burbacher Straße und Karthäuserplatz : Kessenicher Traditionsgeschäfte kämpfen ums Überleben

Viele Inhaber alteingesessener Geschäfte in Bonn-Kessenich sind pessimistisch, was die Zukunft angeht. Nur einer sieht nicht ganz so schwarz.

„Viele junge Kollegen haben keinen Bock mehr“, sagt Bernd Wysotzki. Zum Ende des Jahres schließt er seine Schusterei in Kessenich und erzählt, warum das so kommen wird. Schuhmachermeister Wysotzki gehört mit seinem Laden wie die Bäckerei Pesch, Haushaltswaren Dietrich oder das Ristorante „Sassella“ zu den Geschäften zwischen Burbacher Straße und Karthäuserplatz, von denen viele Kessenicher annehmen, sie seien schon immer da gewesen.

Dieses Gefühl trifft ohne jeden Zweifel für die Bäckerei Pesch zu. Man müsste schon weit mehr als 125 Jahre alt sein, um ein Kessenich ohne die Peschs kennengelernt zu haben. Dann wäre man vielleicht dabei gewesen, als Heinrich-Josef Pesch 1893 seine Bäckerei im Haus der Homanns eröffnete, die damals die Burbacher Straße verließen, um ihr Glück in Amerika zu suchen. Heute wird die Bäckerei von Rolf Pesch in vierter Generation geführt.

Ob das immer so weitergeht, ist jedoch fraglich. Zum einen sei es nicht einfach, sich gegen um sich greifenden Filialbetriebe der Großbäckereien und gegen die Billig-Backwaren der Discounter zu behaupten. Und zum anderen auch schwer, heute noch Nachwuchs zu finden, der bereit sei, morgens um zwei Uhr aufzustehen. „Und das an sechs Tagen der Woche“, sagt Rolf Pesch. Sein Vater Hans-Peter (78), der ihm immer noch in der Backstube zur Seite steht, ergänzt: „Wir würden auch keinem mehr dazu raten. Für nix in der Welt!“ Für die Kunden bleibt zu hoffen, dass sein zwölfjähriger Enkel Daniel eines Tages trotzdem entscheidet, die Traditionsbäckerei zu übernehmen und dafür sorgt, dass in der Backstube weiterhin Brötchen mit der Hand geformt werden. Noch hat er nicht Nein gesagt.

Es dürften bis zu 25.000 Artikel sein, die Katja und Ingo Dietrich ihrem bis zur Decke vollgestopften Haushaltwarenladen verkaufen. 1880 eröffnete Familie Greuel im Haus an der Pützstraße 35 ihre Schmiede. Als es keine Kutschenräder mehr zu bereifen und keine Pferde mehr zu beschlagen gab, wurde daraus eine Schlosserei und im Ladenlokal füllte immer mehr Hausrat die Regale. 1995 übernahmen Dietrichs das Geschäft und machten daraus eine Adresse, die weit über Bonn als „Geheimtipp“ gehandelt wird.

Hier finden Kunden nahezu alles: von der kompletten Schließanlage über Werkzeug, Nähseide, Hausrat aller Art bis hin zu feinsten Schneidwaren, die nicht nur Profiköche begeistern. Ein Laden, von dem man sich wünscht, dass er niemals aufhört, mit so viel Nützlichem und sorgfältig Ausgesuchtem zu überraschen. Doch die Dietrichs sehen das Damoklesschwert schon über sich schweben: „Wenn die Pützstraße zur Fußgängerzone wird, ist das tödlich für uns“, sagen sie. Schon die ständigen Baustellen und Verkehrsumleitungen der vergangenen Jahre hätten sich erheblich in den Umsätzen bemerkbar gemacht.

"So was findet man nicht mehr so oft"

Schuhmachermeister Wysotzki ist begeistert von seiner Kundschaft. „So was findet man nicht mehr so oft“, sagt er. In Kessenich gebe es noch Menschen, die Wert auf Qualität legten. „Vor allem die Pensionäre.“ Auch wenn er seit Langem sein Hauptgeschäft mit Lederreparaturen an Sätteln, Taschen und Accessoires macht, gerät er beim Beschreiben eines handwerklich hergestellten Schuhs ins Schwärmen. Als Innungsmeister weiß er, wovon er spricht. Und er weiß auch, dass es im Gebiet der Köln-Bonner Innung nur noch zwei Auszubildende seines Handwerks gibt. „Heute will doch keiner mehr richtig arbeiten“, sagt er und ärgert sich, dass es ihm bis heute nicht gelungen ist, einen Nachfolger für seinen Laden an der Burbacher Straße zu finden. Zuletzt sei eine Übernahme an den Banken gescheitert, die kein Interesse hätten, in eine Schusterei zu investieren.

„Wo soll’s denn herkommen?“, ereifert er sich. Dazu komme, dass die Leute immer mehr Billigschuhe kauften, die eine Reparatur kaum lohnten. „Gerade jetzt im Sommer“, sagt Wysotzki, „da kaufen die Leute ihre Schläppchen in Marokko und wundern sich, dass die hier auseinanderfallen.“ Sein Ladenlokal hat er zum Jahresende gekündigt. Wer noch Interesse an einer Übernahme hat, muss sich also sputen.

Trotz widersprüchlicher Gerüchte müsse man sich in Kessenich keine Sorgen um das Restaurant „Sassella“ machen, versichert Giorgio Tartero. Der heute 64-Jährige hatte vor 35 Jahren mit dem Restaurant „Amigo“ seinen Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Angefangen hatte er 1978 als Koch im Geißbockheim des 1.FC Köln. „Deswegen wurde der FC in dem Jahr auch Deutscher Meister“, lacht der bekennende Geißbock-Fan.

Mit seinem damals 19-jährigen Bruder Francesco machte Tartero sich 1983 in Kessenich selbstständig. Über die Grenzen Bonns hinaus bekannt wurde ihr nach der Weinbauregion Sassella im heimatlichen Veltlin benanntes Restaurant jedoch nicht nur wegen seiner viel gelobten „Cucina Italiana“, sondern auch durch die „Pizza-Connection“. Junge Bundestagsabgeordnete von CDU und Grünen steckten bei konspirativen Treffen in den versteckten Kellerräumen des Lokals die Köpfe zusammen.

Dort trafen sich 1995 zum ersten Mal die Christdemokraten Armin Laschet, Hermann Gröhe, Ronald Pofalla, Norbert Röttgen und Peter Altmeier zu informellen Gesprächen mit den Grünen Cem Özdemir, Volker Beck und Katrin Göring-Eckardt (um nur einige zu nennen). Auch wenn im „Sassella“ niemals Pizza auf der Speisekarte stand, ist nicht ausgeschlossen, dass dort in Zukunft noch andere Verbindungen geknüpft werden. Francescos Sohn Valentino (22) lernt im Drei-Sterne-Restaurant des Schlosses Bensberg das Kochhandwerk. Vielleicht verschafft er Kessenich eines Tages auch noch einen Stern.