Folgen des Militäreinsatzes: Keine Eskalation zwischen Bonner Kurden und Türken

Folgen des Militäreinsatzes : Keine Eskalation zwischen Bonner Kurden und Türken

In Bonn leben Tausende Türken und Kurden. Während die Lage andernorts zuweilen eskaliert, bleibt hier die Stimmung ruhig – von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Ob in Köln, Duisburg oder Gelsenkirchen – allzu weit kamen sie in den vergangenen Wochen meist nicht, wenn Kurden zu einer ihrer Großdemonstrationen aufgerufen hatten, um gegen die türkische Invasion in den Kurdengebieten Syriens zu protestieren. Die Gründe waren vielfältig: Fahnen mit dem – in Deutschland verbotenen – Konterfei des PKK-Parteichefs Abdullah Öcalan, Rangeleien mit der Polizei oder Angriffe durch türkische Gegendemonstranten. In einem Fall wurden vier Beamte von ihnen mit Böllern verletzt.

Werden deutsche Städte gerade zum Schauplatz des türkisch-kurdischen Konflikts, angefacht durch die „Operation Olivenzweig“ der türkischen Armee im Norden Syriens? Zumindest für Bonn ist bislang keine Eskalation aktenkundig, die der These Nahrung geben würde. Jedenfalls verliefen die jüngsten Demonstrationen in der Stadt gewaltfrei und ohne Gesetzesbrüche, sieht man von einer Handvoll mitgeführter PKK-Fahnen ab, die von der Polizei einkassiert wurden.

Auf keinen Fall, betonten kürzlich die Vertreter des Deutsch-Kurdischen Kulturhauses in Bonn, wolle man eine Konfrontation mit der türkischstämmigen Bevölkerung in Bonn. „Wir haben nichts gegen das türkische Volk, aber die Staatsführung klagen wir an“, so formuliert es Mousa Jamal, der sich von Bonn aus in der syrischen Kurdenpartei PYD engagiert. Türken und Kurden, erzählt ein anderer, das sei in der Bundesstadt ein friedliches Nebeneinander: „Höchstens, dass es bei einer Demonstration mal einen bösen Zwischenruf gibt“, ergänzt jemand.

Die Bonner Polizei bestätigt diese Einschätzung. „Wir haben aktuell und in jüngster Zeit keine polizeirelevanten Konflikte zwischen Türken und Kurden in Bonn“, sagt Polizeisprecher Robert Scholten. Die jüngsten lägen bereits mehrere Jahre zurück. „Zwei Einzelfälle“, unterstreicht Scholten.

Aufruf zum "Heiligen Krieg"?

So weit die Lagebeurteilung der Polizei. Wie kurz die Lunte bis zur Verschärfung des Tons jedoch auch in Bonn sein kann, zeigt ein Zwist, der erst wenige Tage alt ist – und der sich ausgerechnet zwischen zwei Bonner Kommunalpolitikern entzündet hat. Der eine ist Kurde und Mitglied des Integrationsrates, der andere Ratsmitglied mit türkischen Wurzeln.

Dieser und weitere türkische Mitglieder von Ratsgremien hätten vor drei Wochen bei einer Veranstaltung der „Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD)“ auf dem Friedensplatz zur „Unterstützung des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs der Türkei und dschihadistischer Gruppierungen“ und somit zum „Heiligen Krieg“ gegen die Kurden aufgerufen, so der Vorwurf des Kurden, der in dieser Woche breit gestreut in Postfächern von Politik und Medien landete.

Der Angegriffene wehrt sich entschieden: Weil „in dem hetzerischen Schreiben viele Verleumdungen verbreitet werden“, prüfe er rechtliche Schritte, sagt er dem General-Anzeiger. Weder sei in den offiziellen Reden auf dem Friedensplatz die Rede vom Heiligen Krieg gewesen, noch habe er sich dort überhaupt geäußert. Ohnehin sei dies nicht seine Diktion. Er vermute hinter der Aktion einen gezielten Versuch PKK-naher Kreise, ihn als Stadtverordneten zu diskreditieren, sagt er und ergänzt: „Vielleicht wäre eine Begegnung von Türken und Kurden aus Afrin in Bonn ein richtiger Schritt zur Konfliktvermeidung.“

Die genannte PYD übrigens, da gibt es für ihn kein Vertun, sei „zweifellos ein Ableger der PKK“. Die Stadtverwaltung teilt zu dem außerparlamentarischen Duell auf Anfrage mit, man teile die Sorge der syrischen Kurden um ihre Familien. Zugleich erwarte die Stadt, „dass politische Konflikte aus Herkunftsländern nicht in Bonn ausgetragen werden, von wem auch immer.“

2000 radikale Türken in NRW

"Heiliger Krieg", dies war zuletzt die Formulierung des türkischen Parlamentspräsidenten, İsmail Kahraman, gewesen. Und Präsident Erdogan warnte vor einem „postmodernen Kreuzzug“ gegen Muslime und nannte die Kurden der bewaffneten YPG die „neuen Kollaborateure der postmodernen Kreuzzügler“.

Solche Worte wiederum wird man bei einer Gruppe gern hören, die im Rheinland und gerade der Region Köln/Bonn einen ihrer Schwerpunkte hat. Die Rede ist von der türkischen Ülkücü-Bewegung, gemeinhin bekannt als „Graue Wölfe“. Rund 2000 Anhänger der türkisch-nationalistischen Partei MHD verteilen sich nach Einschätzung des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen auf 70 Vereine. Der NRW-Verfassungsschutz schreibt den Grauen Wölfen eine „rassistische Feindbildorientierung gegen beispielsweise Kurden, Armenier, Griechen und Juden“ zu.

Nicht übersichtlicher wird die Gemengelage dadurch, dass zumindest einzelne Mitglieder der Grauen Wölfe, in deren Reihen sich nationalistische Ideologie mit religiösem Anspruch vermengt, gute Kontakte in die Dschihadistenszene haben sollen – was die Gruppe vehement bestreitet. In Bonn hatte jahrelang ein „Deutsch-Türkischer Kulturverein“ das Logo der nationalistischen Partei im Wappen geführt – drei im Dreieck angeordnete Halbmonde. Seit einiger Zeit sind die Räume an der Ellerstraße verwaist, seitdem trifft man sich nach GA-Informationen in Beuel.

Bei einer jährlichen Großdemonstration in Düsseldorf hatte in den vergangenen Jahren stets auch eine Abordnung aus Bonn Flagge gezeigt. Und gerade solche Auftritte nehmen wiederum gewaltbereite Kurden gern zum Anlass, gegen die türkischen Extremisten mobil zu machen. Das Ergebnis sind immer wieder Zusammenstöße, ausgeführt auf offener Straße und mit aller Brutalität. Szenen, die Bonn bislang erspart blieben.