Wahl 2013 - Das Streitgespräch: Katja Dörner: "Politik ist keine Spaßveranstaltung"

Wahl 2013 - Das Streitgespräch : Katja Dörner: "Politik ist keine Spaßveranstaltung"

Die Grünen schwingen mit der Moralkeule wie eine Religionsgemeinschaft. Das meint die Kabarettistin Anka Zink und stritt darüber mit der Grünen-Bundestagsdirektkandidatin Katja Dörner. Das Gespräch moderierte GA-Redakteur Martin Ochmann.

Frau Zink, Sie haben im Bundestagswahlkampf 2005 Frau Merkel unterstützt. Würden Sie das auch für Frau Dörner und die Grünen machen?
Anka Zink: 2009 habe ich Frau Merkel unterstützt und 2013 auch. Das liegt einfach daran, dass ich CDU-nah und Alt-Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung bin.

Die Frage war, ob Sie das auch für Frau Dörner und die Grünen tun würden.
Zink: Nein.

Warum nicht?
Zink: Ich hatte für die Grünen in ihrer Gründungszeit ein großes Faible, ich war bei einzelnen Veranstaltungen dabei. Ich fand die Idee damals richtig, und mich hat der Gedanke total begeistert, dass man nicht mehr ohne Respekt mit der Umwelt umgehen kann.

Das Faible haben Sie offensichtlich verloren. Warum würden Sie die Grünen nicht unterstützen?
Zink: Als die Grünen angefangen haben, waren das junge, frische, interessante Menschen. Das waren Stars. Die Attraktivität war hoch. Außerdem: die Verkörperung von Freiheit, die sich an dieser Stelle zeigte, Freiheit und Kraft, etwas verändern zu können. Diese Energie ist weg. Gucken Sie sich das an, Jürgen Trittin im Anzug auf einem nachdenklichen Foto, wo drauf steht "An die Zukunft denken", drunter Trittin mit einem deprimierten Gesichtsausdruck und drunter "Und Du?". Und dann sage ich, nee Jürgen, nicht mehr, jetzt ist gut, jetzt ist vorbei, weil der Spaß weg ist. Das ist mein Hauptproblem mit den Grünen: Es ist eine Partei, die sich gewandelt hat zu einem sehr, sehr unflexiblen, weltanschaulichen Konglomerat.

Frau Dörner, machen Sie doch bitte die Grünen sexy für Frau Zink.
Katja Dörner: Also ich bin gegen ein Anzugverbot für Jürgen Trittin. Im Ernst: Selbstverständlich haben sich die Grünen in den vergangenen 30 Jahren weiterentwickelt. Politik ist keine Spaßveranstaltung, mit Lockerheit alleine können sie eine Industrienation wie Deutschland nicht regieren. Die für mich relevante Frage ist die nach politischen Inhalten. Die Grünen sind nach wie vor die Partei, die für Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Klimaschutz steht, die über den Tag hinaus denkt und nicht will, dass wir auf Kosten kommender Generationen leben.

Stichwort "weltanschaulich": Neigen die Grünen zu Dogmatismus und Besserwisserei ?
Zink: Die Grünen nehmen zunehmend moralische und ethische Positionen in Anspruch, die vorher von anderen Bereichen gesellschaftlichen Lebens abgedeckt wurden, von Glaubensgemeinschaften beispielsweise. Ich bin ein guter Mensch, wenn ich den Müll trenne. Wenn ich ein neues Handy will, darf ich nicht nur auf die technischen Features achten, sondern eigentlich muss ich gucken, wie es verpackt ist, was der Transportweg ist, wo es hergestellt wurde. Das ist dann der neue, mündige Bürger.
Dörner: Ich halte das für eine Zuschreibung, die den Praxistest nicht besteht. Und was ist dagegen zu sagen, sich über sein eigenes Verhalten Gedanken zu machen, auch in einem größeren Kontext?
Zink: Ich finde daran problematisch, dass Sie mir sagen, über welche meiner Verhaltensweisen ich mir im größeren Kontext Gedanken machen soll...
Dörner:...Tue ich nicht.

Vegetariertag?
Zink: Richtig. Eine Vertreterin Ihrer Partei sagte tatsächlich im Fernsehen "Manchmal muss man den Menschen sagen, was gut für sie ist". Okay. Aber ich muss nicht für alles, was gut für mich ist, ein Gesetz machen. Ich bin total dafür, in einer Welt zu leben, in der ich mich um andere kümmere, in der ich meine Interessen zu einem Teil zurückstelle. Heute macht man für jeden Deppen, der sich falsch verhält, ein neues Gesetz.
Dörner: Ich würde das sofort unterschreiben, was Sie sagen, wenn Sie Recht hätten. Aber wir haben keineswegs vor, ein Gesetz für einen Veggieday zu machen. Im Wahlprogramm steht drin, dass es ein größeres Angebot an vegetarischen Speisen geben soll. Das ist es auch schon.
Zink: Veggieday hieß über Jahrhunderte im Rheinland Freitag...
Dörner: Und niemand wurde gezwungen, Fisch zu essen. Wir haben den Vorschlag in die Debatte gebracht, um auf die Problematik der Massentierhaltung aufmerksam zu machen. Darum geht es uns mit dem Veggieday, und nicht um eine Verbotsdiskussion. Das wird dann gerne verdreht und uns das "Verbotspartei"-Label an die Backe geklebt. An keiner Stelle wollen wir Bürger zwingen...
Zink: Doch.
Dörner: Nein.
Zink: Aber Sie zwingen mich, Dosen aufzugeben, Sie zwingen mich...
Dörner: Niemand zwingt Sie, Dosen aufzugeben, es ist nur besser für die Umwelt und Ihr Portemonnaie.

Reden wir mal über Inhalte, die Energiewende zum Beispiel.
Dörner: Die Energiewende haben sich alle Parteien auf die Fahne geschrieben. Aber man muss genau gucken, was dahintersteckt. Einer unserer größten Kritikpunkte an der Bundesregierung ist, dass sie zwar immer wieder betont, die Energiewende zu wollen, aber faktisch wenig dafür tut, dass sie gelingt. Man muss jetzt die Erneuerbaren weiter ausbauen. Aber der Markt ist darauf ausgerichtet, mit fossilen Kraftwerken und Atomkraftwerken zu arbeiten. Der Strom aus Erneuerbaren macht jetzt ungefähr 25 Prozent aus und macht den fossilen Kraftwerken Konkurrenz. Wir Grünen wollen diesen Anteil ausbauen.

Interessanter für den Bürger dürfte sein, was er dafür bezahlt.
Dörner: Zwischen 2000 und 2012 haben sich die Preise für eine Kilowattstunde durchschnittlich um 13 Cent erhöht, doch nur fünf Cent davon entfallen auf die erneuerbaren Energien. Der Rest sind Kostensteigerungen aufgrund der fossilen Brennstoffe. Die Erneuerbaren können schon heute dazu beitragen, den Strompreis zu senken, aber der Effekt an der Strombörse führt dazu, dass mehr erneuerbare Energien über die EEG-Umlage zu einem Anstieg der Stromkosten führen.
Zur Umlage: Es gab schon immer Ausnahmen vom EEG, unter anderem für Industriebetriebe, die im internationalen Wettbewerb stehen. Schwarz-Gelb hat diese Regelung so aufgeweicht, dass Hähnchenmastbetriebe, Fast-Food-Ketten oder der Braunkohletagebau von den Ausnahmen im EEG profitieren. Wenn man die Befreiungen auf den Stand von 2008 zurückführen würde, könnte man die Bürger um vier Milliarden Euro entlasten.
Zink: Tolle Zahl. Wenn ich höre, dass sich in einem Zeitraum der Preis um 13 Cent erhöht und man vier Milliarden spart, rechne ich die vier Milliarden um auf die Kilowattstunde und den Einzelnen.
Dörner: Das wären 1,8 Cent.
Zink: (rechnet) 1,8 Cent, richtig. Im Vergleich zu 13 (lacht).
Dörner: Es geht ja um das EEG, und da sind es 1,8 von 5 Cent. Und das ist ja auch nur ein Aspekt.

Frau Zink, würden Sie jetzt Frau Dörner im Wahlkampf unterstützen?
Zink: Ich kann für Frau Dörner keinen Wahlkampf machen, weil ich ja schon Frau Merkel und Frau Lücking-Michel unterstütze.
Dörner: Damit kann ich leben. Mit dem Schlusssatz, nicht mit der Tatsache.

Politische Forderungen

Die politischen Kernforderungen von Katja Dörner:

  • Mehr Investitionen des Bundes in gute Kitas für alle Kinder statt Betreuungsgeld.
  • 100 Prozent Erneuerbare Energien und eine Energiewende in Bürgerhand.
  • Beendigung der Massentierhaltung.
  • Einhaltung des Berlin/Bonn-Gesetzes, Stärkung Bonns als internationale und UN-Stadt.

Zur Person

Katja Dörner (37) wurde in Siegen geboren. Sie studierte Politikwissenschaften, Öffentliches Recht und Literaturwissenschaften in Bonn, York und Edinburgh. Seit 2009 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie ist verheiratet.

Anka Zink (56) wuchs in Bonn auf und lebt auch hier. Die Diplom-Soziologin entschied sich gegen eine Universitätskarriere und für die Bühne. Die Kabarettistin ist unter anderem Gründungsmitglied der Springmaus.