Kinderarmut in Bonn: Jeder fünfte Minderjährige lebt unterhalb der Armutsgrenze

Kinderarmut in Bonn : Jeder fünfte Minderjährige lebt unterhalb der Armutsgrenze

In Bonn lebt jeder fünfte Minderjährige unterhalb der Armutsgrenze. Ein Gespräch mit einer betroffenen Familie offenbart den täglichen Kampf um das Nötigste.

Wahrscheinlich ist die Scham, in Armut aufzuwachsen, das Schlimmste für Kinder aus benachteiligten Familien. Mit einem entsetzten "Nein" beantwortet jedenfalls der 16-jährige Sohn die Bitte seiner Mutter, darüber zu sprechen, was die schlechte wirtschaftliche Lage der Familie für ihn selbst heißt.

Der Jugendliche ist sauer, dass die Mutter dem General-Anzeiger überhaupt Auskunft zum Thema gibt. „Willst du, dass jemand erfährt, dass wir kein Geld haben?“ Verschreckt zieht jetzt auch der siebenjährige Bruder seine Zusage zurück, mit dem GA zu reden. Die Mutter schluckt und schweigt.

Hat sie ihre Kinder verraten? Dabei wollte sie doch nur erklären, wie schnell es kommen kann, dass vier Geschwister in einem Haushalt, der einen Großteil des Jahres nicht Hartz IV bezieht, trotzdem als arm gelten können. Ihr Mann arbeitet zwar fest als Handwerker. Er werde aber in seinem Berufszweig nur saisonal eingesetzt. Was die Familie immer wieder in finanzielle Probleme stürzt. Die Mutter wollte zeigen, dass ihr Alltag laufend ein Kampf darum ist, dass die Sechs- bis 17-Jährigen trotzdem nicht zu kurz kommen.

Sehr beengte Wohnverhältnisse

Kurzes Nachdenken. Als die Kinder aus dem Raum sind, gibt die Mutter weiter Auskunft. Was schmerze, seien die sehr beengten Wohnverhältnisse, 70 Quadratmeter für sechs Personen, erläutert die Frau. Die beiden Großen, Schwester und Bruder, könnten jetzt doch nicht mehr in einem Zimmer schlafen. „Aber niemand will uns eine größere Wohnung vermieten. Vier Kinder, Hilfe, heißt es, noch dazu, wenn ich sage, dass wir Wohngeld bekommen“, klagt die Frau.

Und dann seien da die ständig steigenden Kosten für die Heranwachsenden: Den Kleinen könne sie noch Secondhand-Kleidung anziehen. „Doch die Großen wollen sich nicht in der Klasse blamieren“, weiß die Frau. Die Kinder würden ohnehin ganz schnell stigmatisiert, weil sie all das nicht besäßen, was andere vorzeigten: Handy, Playstation, Fahrrad.

Kinder bringen nur ungern Freunde mit nach Hause

So brächten die Geschwister auch nur ungern Freunde nach Hause. „Die würden dann sehen, dass wir uralte Möbel haben und nur billigste Lebensmittel kaufen.“ Und das Geld für Geburtstagsfeiern fehle eben auch, „das tut mir im Herzen weh“, sagt die Frau.

Der Alltag dieser und vieler anderer armer Bonner Familien sei immer wieder schwer, bestätigt Gabriele Steffen-Zündorf, in deren Sozialberatungsstelle der Caritas die vierfache Mutter seit Jahren Hilfe sucht: wenn es eine Förderung für Schulmaterialien geben könnte und die Klassenfahrten dann doch aus dem Bildungs- und Teilhabepaket bezahlt werden. Oder wenn Vorleistungen für den Kieferorthopäden fällig werden. Wenn Energie- und Mietkosten gesichert, Formulare ausgefüllt und auch psychosozial im Umgang mit Behörden geholfen werden muss.

Die besorgte Mutter sei „eine ganz Liebe“, betont Steffen-Zündorf. „Ich bin schon froh, dass wir in einem Sozialstaat leben und unseren Klienten fast immer helfen können." Auch den Schulranzen für die jüngste Tochter der Betroffenen habe die Caritas organisiert. Doch kürzlich habe ihre Kollegin Brigitte Rösner, deren Teilzeitstelle der Ehe- und Familienfonds des Erzbistums finanziert, beim Hausbesuch festgestellt, dass die Familie neben der größeren Wohnung auch unbedingt bessere Betten benötigt. „Um beides wollen wir uns jetzt kümmern“, sagt Steffen-Zündorf.

Die vierfache Mutter ist jedenfalls dankbar für jede Hilfe. "Frau Steffen-Zündorf ist sehr sehr nett", sagt sie. Sie wolle auf jeden Fall alles dafür tun, dass es ihrem Nachwuchs besser gehe. Wenigstens die Enkel sollen nicht in Armut leben müssen.

In Gesprächen mit der Beratungsstelle hat die Mutter verstanden, dass es dabei besonders auf gute Schulnoten ankommen wird. Jetzt weint die Frau. „Den beiden Kleinen kann ich noch mit den Schulaufgaben helfen“, sagt sie. Aber die beiden Großen könnten ihr Mann und sie nur motivieren. „Sie sollen doch einmal Ingenieure werden.“