Schuldneratlas 2017: Bonn und Region im Vergleich: Jeder 11. Bonner kann seine Schulden nicht zahlen

Schuldneratlas 2017: Bonn und Region im Vergleich : Jeder 11. Bonner kann seine Schulden nicht zahlen

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat am Donnerstag den aktuellen Schuldneratlas 2017 für die Metropolregion Köln/Bonn veröffentlicht. Der Rhein-Sieg-Kreis steht im Vergleich gut dar.

Markus F. kann bis heute nicht begreifen, wie ihm das passieren konnte: Der Bonner ist ein Paradebeispiel, wie der Weg in die Schuldenfalle verlaufen kann. „Job verloren, Scheidung und dennoch weitergemacht und den Schein gewahrt“, sagt er. Irgendwann konnte er das Haus nicht mehr abbezahlen, verkaufte sein Auto, zog um. Als er sich hilfesuchend an einen privaten Schuldenberater wandte, beliefen sich die Schulden auf einen hohen fünfstelligen Betrag. „Das ging über Jahre und ich wollte mit keinem darüber reden.“

So wie Markus F. geht es nicht wenigen Bürgern in Bonn. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat am Donnerstag den aktuellen Schuldneratlas 2017 für die Metropolregion Köln/Bonn veröffentlicht. In der Bundesstadt hat die Zahl der Schuldner im Vergleich zum Vorjahr leicht zugenommen. Sie stieg um 190 auf 23.740. Durch Zuzüge sei die Schuldnerquote allerdings leicht auf neun Prozent gefallen. Somit gelte jeder elfte Einwohner Bonns über 18 Jahre als verschuldet. Zum Vergleich: In Köln ist es laut Creditreform jeder achte. Als verschuldet gelten Menschen über 18 Jahren, die ihren Zahlungsverpflichtungen vermutlich über einen längeren Zeitraum nicht werden nachkommen können. Ein Häuslebauer, der bei der Bank einen Kredit abbezahlt, gehört also nicht dazu.

Der Schuldneratlas, den auch die in Bonn arbeitenden sozialen Schuldnerberatungen von Caritas und Diakonie beziehungsweise das Deutsche Rote Kreuz in Bad Godesberg als Instrument anerkennen, schaut allerdings auch genau auf die Situation in den Stadtteilen. Jörg Rossen von der Bonner Creditreform stellt dazu fest: „Gute Gegenden verbessern sich, schlechte verschlechtern sich. Eine halbwegs gesunde Mischung ist in immer weniger Vierteln anzutreffen.“ Dazu folgende Zahlen:

Als konkretes Beispiel nannte er den StadtbezirkBad Godesberg: Durch den Medizin-Tourismus würden die Mieten in manchen Stadtteilen so hoch, dass Menschen mit geringen Einkommen sie nicht mehr bezahlen könnten. Der Stadtteil Godesberg-Nord habe deshalb eine Schuldnerquote von 19,3 Prozent und damit einen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr um 1,8 Prozentpunkte zu verzeichnen (Zum Vergleich: Im Villenviertel sind es 4,6 Prozent). Besonders wenig Schuldner gibt es in den Ortsteilen Ückesdorf (3,4 Prozent), Venusberg (4 Prozent) und Ippendorf (4,3 Prozent). Dransdorf (23 Prozent), Neu-Tannenbusch (20,6 Prozent) und Godesberg Nord nehmen die Plätze mit der höchsten Verschuldung ein.

46 Prozent des Einkommens fließen in die Miete

Rossen sieht eineTendenz zur Gentrifizierung, also eine Verschiebung in den Stadtteilen. Der Anstieg von Mieten führe zu einer Verdrängung von Menschen mit niedrigen Einkommen aus Vierteln. Einen solchen Effekt erkennt auch Henning Dimpker, Leiter der Zentralen Schuldnerberatung von Caritas und Diakonie in der Noeggerathstraße. „Wir haben Klienten, die umziehen müssen, weil sie die hohen Mieten nicht mehr zahlen müssen“, sagt Dimpker.

Grundsätzlich gebe es aber eine leicht positive Entwicklung, die in Zusammenhang mit der guten Wirtschaftslage und der niedrigen Arbeitslosigkeit stehe. „Arbeitslosigkeit ist immer noch der häufigste Grund für eine Verschuldung“, sagt auch Susanne Eisenblätter von der Schuldnerberatung des DRK. Gefolgt von geringen Einkommen und Trennungen innerhalb der Familie. Was die Mieten betrifft, nennt Dimpker Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung. Demnach geben verschuldete Familien durchschnittlich 46 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus. Früher galt ein Pi-Mal-Daumen-Wert von einem Drittel als wirtschaftlich tragbar.

Geld für die Altersvorsorge zurücklegen

Sowohl Dimpker als auch Eisenblätter sehen Schuldentrends aus den vergangenen Jahren, die sich in der Zukunft verschärfen könnten. Einer ist die Altersarmut. Ein Viertel der Klienten der DRK-Schuldnerberatung ist im vergangenen Jahr älter als 60 Jahre gewesen. „Gerade Geringverdiener haben es schwer, Geld für die Altersvorsorge zurückzulegen“, so Dimpker. Oft würden der Eintritt in den Ruhestand und die finanziellen Einbußen nicht berücksichtigt. Dann breche plötzlich alles zusammen.

Zunehmend stellen die sozialen Schuldenberater fest, dass nicht mehr ein einzelnes Projekt wie die Finanzierung eines Hauses oder eines Auto in die Schuldenfall führt. Oft sind es vier oder fünf Probleme, die übereinander liegen. Deshalb ihr Rat, sich bei finanziellen Problemen möglichst schnell an einen Berater zu wenden. Oft vergingen, so Dimpker, sieben bis neun Jahre, bis Klienten die kostenlose Sozialberatung in Anspruch nähmen. Ein anschließendes Insolvenzverfahren, sofern notwendig, dauere im Schnitt etwa sechs Jahre.

Rhein-Sieg-Kreis steht im Vergleich gut dar

43 420 Menschen im Kreis gelten als überschuldet

Wenn die persönlichen Ausgaben höher als die Einnahmen sind, gilt man als überschuldet. Der Schuldneratlas 2017 für die Metropolregion Köln/Bonn der Unternehmen Creditreform Köln und Creditreform Bonn liegt vor und zeigt: der linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis steht im Vergleich zu anderen Gebieten des Kreises recht gut da.

43.420 Menschen im Rhein-Sieg-Kreis gelten als überschuldet. Das geht aus dem am Donnerstag vorgelegten Schuldneratlas 2017 für die Metropolregion Köln/Bonn der Unternehmen Creditreform Köln und Creditreform Bonn hervor. Diese Personenzahl entspricht einer Quote von 8,9 Prozent. Laut Creditreform ist das die zweitniedrigste Schuldnerquote in der Metropolregion Köln/Bonn. „Nur der Kreis Ahrweiler liegt mit 8,7 Prozent noch darunter“, ist den Erläuterungen zum Schuldneratlas zu entnehmen. In Bonn liegt die Schuldnerquote bei 9,0 Prozent. Im Vergleich seit 2012 ist die Schuldnerquote im Rhein-Sieg-Kreis um insgesamt 0,2 Prozentpunkte angestiegen. Im Vergleich lediglich zu 2016 (Stichtag 1. Oktober) ist die Schuldnerquote hingegen um 1,4 Prozent gestiegen, was 610 Personen entspricht.

Als überschuldet gilt eine Person ab 18 Jahren laut Creditreform dann, wenn sie „die Summe ihrer fälligen Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht begleichen kann und ihr zur Deckung ihres Lebensunterhaltes weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen“. Einfach ausgedrückt: wenn die Ausgaben höher als die Einnahmen sind.

Wer sich die Zahlen aus dem Rhein-Sieg-Kreis genauer betrachtet, erkennt, dass der linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis im Vergleich zu anderen Gebieten des Kreises recht gut dasteht. So weisen die Gemeinde Wachtberg mit 5,97 Prozent und die Gemeinde Alfter mit 6,75 Prozent die geringsten Schuldnerquoten im Kreis aus. Ebenfalls noch knapp unter sieben Prozent ist die Stadt Bad Honnef mit 6,9 Prozent.

Am anderen Ende der Skala stehen Windeck mit einer Schuldnerquote von 14,44 Prozent, Eitorf mit 13,05 Prozent und Troisdorf (Postleitzahlbezirk 53840) mit 12,71 Prozent. Den größten Rückgang haben nach Angaben von Creditreform Bad Honnef und Troisdorf. In beiden Städten sank die Schuldnerquote um 0,24 Prozentpunkte. „Das einzige deutlichere Plus verzeichnet dagegen Rheinbach. Dort stieg die Schuldnerquote um 0,19 auf immer noch moderate 7,45 Prozent“, heißt es weiter.

Im Detail stellen sich die Zahlen von Creditreform für den linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis wie folgt dar: Alfter 6,75 Prozent Schuldnerquote 2017 (6,9 Prozent im Jahr 2016, auf eine Stelle hinter dem Komma gerundet), Bornheim 7,42 Prozent (7,6 Prozent), Meckenheim 7,41 Prozent (7,5 Prozent), Rheinbach 7,45 Prozent (7,3 Prozent), Swisttal 7,05 Prozent (7,0 Prozent), Wachtberg 5,97 Prozent (6,0 Prozent). Im Sechsjahresvergleich seit 2012 ist in allen linksrheinischen Kommunen ein leichter Anstieg zwischen 0,02 Prozentpunkten (Meckenheim) und 0,57 Prozentpunkten (Swisttal) zu verzeichnen. Lediglich in Alfter sank die Quote seit 2012 um 0,20 Prozentpunkte.

Jüngere erliegen oftmals Verlockungen des Konsums

Hermann Tengler, Wirtschaftsförderer des Rhein-Sieg-Kreises, macht vor allem zwei Gründe für die vergleichsweise positiven Zahlen in den linksrheinischen Kommunen verantwortlich: Erstens handele es sich um einen starken Pendlerraum nach Bonn, wo eine hohe Akademikerdichte vorherrsche. Zweitens, so der Wirtschaftsförderer, hätten sich bereits in der Zeit nach dem Bonn-Berlin-Beschluss dort zukunftsträchtige Betriebe angesiedelt. „Wir haben im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis eine Arbeitslosigkeit von vier Prozent und somit quasi Vollbeschäftigung.“

„Die regionalen Unterschiede spiegeln die Unterschiede in der Wirtschaftskraft zwischen den Kommunen wider“, so Tengler weiter. Während die durchschnittliche Kaufkraft aller Einwohner des Kreises 24.066 Euro pro Jahr betrage, liege sie etwa in der Gemeinde Windeck bei 19.933 Euro.

„Ein Grund ist, dass Verschuldung aufgrund des tiefen Zinssatzes so günstig ist, wie nie“, so Tengler. Gerade jüngere Menschen erlägen oftmals den Verlockungen des Konsums, schlössen Verträge ab, oder wählten monatliche Ratenzahlungen mit denen sie sich übernähmen, sagt Ralf Braun, Leiter der Schuldnerberatung des katholischen Vereins für soziale Dienste im Rhein-Sieg-Kreis (SKM). Hauptgründe für Überschuldung seien aber weiterhin Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit oder, im Falle von älteren Menschen, eine zu kleine Rente.

Der regionale Schuldneratlas erscheint jährlich im Herbst – nach der Veröffentlichung des bundesweiten Schuldneratlasses, den Creditreform Anfang November vorgelegt hatte. Diesem Atlas zufolge ist die Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland seit 2014 zum vierten Mal in Folge angestiegen – allerdings weniger stark, als es befürchten gewesen sei, heißt es von Creditreform. Zum Stichtag 1. Oktober 2017 wurde für die gesamte Bundesrepublik eine Überschuldungsquote von 10,04 Prozent gemessen.

Damit sind über 6,9 Millionen Bürger über 18 Jahre überschuldet. Das Unternehmen Creditreform ist unter anderem als Wirtschaftsauskunftei sowie im Inkassobereich tätig – mit 130 Geschäftsstellen in Deutschland. Der regionale Schuldneratlas basiert auf Daten und Karten der Creditreform-Tochterfirmen Creditreform Boniversum und microm Micromarketing-Systeme und Consult, beide mit Sitz in Neuss.

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