"Teil des Cityrings den Radlern überlassen": Interview zur Verkehrspolitik in Bonn

"Teil des Cityrings den Radlern überlassen" : Interview zur Verkehrspolitik in Bonn

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub und der Verkehrsclub Deutschland setzen sich seit Jahrzehnten für eine Verbesserung der Situation für Radfahrer auf den Straßen in und um Bonn herum ein. Doch viel geschehen ist aus ihrer Sicht bis heute nicht.

Herr Böttcher, Herr Rochlitz, Sie sind beide mit dem Rad in die Citygekommen. Ist Ihre Route einigermaßen erträglich aus Radlersicht?

Böttcher: Wenn man die Strecke gewohnt ist, geht es. Ich bin mit dem Rad gekommen und kann das nur jedem empfehlen. Vom Brüser Berg bin ich schneller in der City als mit dem Auto. Als geübter Alltagsradler kennt man die kritischen Stellen.

Wenn Sie zum Landgericht müssen, haben Sie es in der Innenstadt nicht gerade einfach, oder?

Rochlitz: Das ist richtig. Leider diskutiert in dieser Stadt ja kein Mensch über einen Cityring für Radfahrer. Am Belderberg nehme ich mittlerweile den Linksabbieger zum Bertha-von-Suttner-Platz. Aber würden Sie den einem 14-Jährigen guten Gewissens empfehlen? Ich nicht. Für 20 Prozent der Bürger ist das fahrbar, der Rest nimmt Umwege in Kauf.

Wie könnte solch ein Cityring aussehen?

Böttcher: Dafür müsste ein Teil des bestehenden Cityrings den Radfahrern überlassen werden. Nehmen wir den Bertha-von-Suttner-Platz, der eigentlich nur etwas für mutige Radler ist. Ich wundere mich, dass dort nicht mehr Unfälle passieren. Vermute aber, das liegt einfach daran, dass ihn viele Menschen gar nicht erst mit dem Rad befahren. Das Problem ist doch: Oft werden Regeln geschaffen und weil nichts passiert, scheint es in Ordnung so zu sein. Zurzeit fahren viele statt über den Bertha-von-Suttner-Platz einfach über die Friedrichstraße und werden dort von den Ladenbesitzern oder Fußgängern angemeckert oder – schlimmer – sie fahren gar nicht. Wenn wir aber den Radverkehr wirklich attraktiver gestalten wollen, müssen wir den Radlern mehr Platz einräumen. Warum nicht die rechte Spur des Cityrings nur den Radlern und dem Nahverkehr überlassen? Andere Städte machen uns solche Lösungen vor.

Das wird den Autofahrern und Wirtschaftsverbänden wohl kaum schmecken...

Böttcher: Es geht uns beim ADFC nicht ausschließlich darum, dem Radfahrer etwas Gutes zu tun. Unser Ansinnen ist es in erster Linie, Verkehrsprobleme zu lösen. Wenn viele Autofahrer aufs Rad umsteigen, lösen sich auch Probleme für die verbleibenden Autofahrer, weil weniger Staus entstehen. Der Radler braucht für sich viel weniger Raum, die Infrastruktur fürs Parken braucht ebenfalls weniger Raum. Eine Attraktivitätssteigerung, ohne dem Autoverkehr etwas wegzunehmen, wird allerdings nicht funktionieren.

Die Stadtverwaltung hatte kürzlich einen Vorstoß gewagt, der eine Radspur in der Rathausgasse vor der Uni Richtung Rheinufer vorgesehen hat. Dafür sollte die Busspur wegfallen. Wirtschaftsverbände und Händler protestierten, die Pläne sind zunächst vom Tisch, fühlen Sie sich als Radlobby da eigentlich noch ernstgenommen?

Böttcher: Der Kommentar eines Stadtverordneten zum Radweg in der Rathausgasse lautete: Firlefanz. So eine Äußerung ist ein Schlag ins Gesicht. Als Radfahrlobby fühlen wir uns wirklich nicht ernstgenommen. Stadtbaurat Wiesner hat einen sinnvollen Vorschlag unterbreitet und wird dafür öffentlich geschlachtet. Wir hoffen weiterhin, dass dieser Radweg kommt, weil er eine Verbesserung bedeuten würde. Übrigens auch für die Innenstadt-Besucher, die weniger Autoverkehr in der Rathausgasse erleben würden. Die Steigerung der Attraktivität der City kommt mir bei dieser ganzen Debatte zu kurz. Es geht doch auch darum, einen lebenswerteren Raum zu schaffen.

Der Oberbürgermeister hat vorgeschlagen, die Kaiserstraße zur Einbahnstraße Richtung Bahnhof auszuweisen und den Radweg zu verbreitern. Eine gute Idee?

Rochlitz: Man muss in der Kaiserstraße eine Lösung finden. Sie ist so eine Art Radschnellweg aus dem Süden der Stadt. Auch weil der B9-Radweg eine halbherzige Angelegenheit ist mit den parkenden Autos und anderen Hindernissen. Die Situation in der Kaiserstraße ist unbefriedigend. Und zwar nicht nur wegen des zu schmalen Radwegs, sondern wegen des Busverkehrs in beide Richtungen. Die parkenden Autos müssen dort auch raus. Dann könnten nur Busse, keine Autos in beide Richtungen fahren. Möglicherweise kann der Radweg dann sogar ganz wegfallen und die Straße wird mit farblichen Markierungen gemeinsam genutzt. Für Anlieger müsste noch eine Lösung her.

Böttcher: Wir sind für jede Lösung für die Kaiserstraße offen, aber diskutieren seit Jahren im Kreis, weil immer noch nicht klar ist, was mit dem Autoverkehr passieren soll. Eine Lösung scheitert daran, dass die Ratsmehrheit nicht bereit ist, dem Autofahrer etwas wegzunehmen.

Fehlt Ihnen in der Politik der Sinn für die Bedürfnisse der Radler?

Rochlitz: Wir haben leider praktisch keine Radfahrlobby in der Kommunalpolitik. Der Rad-Dialog, den die Stadt 2017 durchgeführt hat, ist für mich wirklich ein Skandal. Da hat man Hoffnungen geweckt, rund 2300 Vorschläge eingesammelt und viele haben sich damit unheimliche Mühe gegeben. Was ist seitdem passiert? Es gibt ein dickes Papier, die Brennpunkte, die der ADFC zuvor schon benannt hatte, haben sich bestätigt, aber umgesetzt wurde so gut wie nichts. Damit macht man Bürgerbeteiligung kaputt.

Böttcher: Das ist bedenklich, weil der Rad-Dialog schon im Kern ein großes Problem hat. Die Verwaltung hat nicht genügend Leute, um die Vorschläge umzusetzen. Kein Wunder, dass die Beteiligung immer geringer wird. In Köln will die Verwaltung nun zusätzliche Spezialisten für den Radverkehr beschäftigen. So einen Vorstoß vermisse ich in Bonn, auch wenn die Einführung eines Mobilitätsmanagers immerhin ein Anfang ist. Der ADFC schlägt seit Jahren vor, die Unterführung an der Poppelsdorfer Allee zur Rad-/Fußgängerstraße auszubauen, damit sie von Radfahrern ohne Konflikte mit Fußgängern befahren werden kann.

Woran hapert es?

Böttcher: Ohne Ausbau der Unterführung werden Verbesserungen für Fuß- und Radverkehr nicht möglich sein. Ich verstehe tatsächlich nicht, warum ausgerechnet in dieser Unterführung Geschäfte liegen müssen. Eine Öffnung der Poppelsdorfer Allee für Radfahrer auf der einen Hälfte des Weges und Fußgänger auf der anderen Seite würde das Durchkommen enorm erleichtern. Momentan ist dies mit den Läden in dieser Unterführung nicht möglich. Dass der Ausbau kommen soll, steht übrigens in den Masterplänen drin, aber auch hier passiert leider nichts.

Eine Radpendlerroute von Bornheim über Alfter nach Bonn soll kommen...

Böttcher: Die Pendlerroute ist auf gutem Weg. Sie ist das eine gute Sache. Man sollte auch bei der Planung bleiben, am Propsthof eine Brücke zu bauen. Von Fahrradstraßen, wie in der Ennemoserstraße etwas weiter Richtung Innenstadt jetzt eingeführt, bin ich eigentlich ein großer Fan. Bloß hakt es da in Bonn grundsätzlich. Ein niederländischer Planer hat mir mal gesagt: „In Holland kennen wir eigentlich offiziell keine Fahrradstraßen, wir bauen einfach welche.” Das würde ich mir auch in Bonn wünschen.

Wie sollten Fahrradstraßen denn Ihrer Meinung aussehen?

Böttcher: Ein Schild und ein paar Markierungen reichen nicht. Man muss mit Farbe klar kenntlich machen, dass Radler auf diesen Straßen Vorrang haben. Die Niederländer schreiben auf die Fahrradstraße drauf: ,Autos sind hier nur Gäste.' Die meisten merken in Bonn gar nicht, wenn sie sich auf einer Fahrradstraße befinden. Wie überhaupt der Streckenverlauf vieler Radwege ein einziges Hickhack ist. Manchmal verzweifeln sie als Radfahrer, weil sie keine Ahnung haben, wie sie sich verhalten sollen, weil der Radweg plötzlich auf die andere Seite wechselt und kein Schild oder sonst etwas darauf hinweist.

Rochlitz: Ich sage ja, die Radfahrer haben kaum Anwälte in der Politik für ihre Interessen.

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