„Wir sind unsere eigenen Bauherren“: Interview mit dem Chef der Bonner Uniklinik Wolfgang Holzgreve

„Wir sind unsere eigenen Bauherren“ : Interview mit dem Chef der Bonner Uniklinik Wolfgang Holzgreve

Rund 8000 Menschen arbeiten am Uniklinikum auf dem Venusberg. Hier werden Patienten betreut, Fachkräfte ausgebildet und Forschung betrieben. Bis 2021 sollen 350 Millionen Euro investiert werden. Über die Zukunft der Einrichtung spricht Vorstandvorsitzender Wolfgang Holzgreve.

Die Kölner Oberbürgermeisterin hat gerade bekannt gegeben, dass die Städtischen Kliniken und das Universitätsklinikum dort in Zukunft zusammenkommen wollen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Wolfgang Holzgreve: Die Städtischen Kliniken in Köln sind qualitativ gut, aber wirtschaftlich defizitär, und es wird eine interessante Frage sein, ob die Stadt oder das Land diese Unterdeckung dann bei einer Fusion tragen würde. In Bonn hat die Stadt keine städtischen Kliniken zu tragen, also praktisch eine Sorge weniger. Vielleicht ist dies auch eine gute Begründung für die konstruktive Unterstützung der Stadt bei der Bewältigung der Verkehrs- und Bauprobleme des UKB auf dem Venusberg.

Wo Sie die Verkehrsprobleme ansprechen. Haben Sie vergangene Woche auf dem Weg zum Venusberg im Stau gestanden?

Holzgreve: Ja mehrfach, obwohl ich nach meinen drei Jahrzehnten als Geburtshelfer zu den Frühaufstehern gehöre und in der Regel schon vor der größten Stauzeit unterwegs bin. Aber gerade jetzt in der beginnenden Winterzeit sind Staus auf dem Venusberg der Regelfall, und die offizielle Verkehrszählung durch Gutachter hat das eindrucksvoll dokumentiert.

Es gibt also ein Stauproblem auf dem Weg zum UKB?

Holzgreve: Das ist nach wie vor die häufigste Klage, die wir hören. Mitarbeiter und Patienten sagen, dass der Weg beschwerlich ist und sie Mühe hatten, Termine einzuhalten. Das ist sehr unangenehm, weil in einem Klinikum sehr präzise gearbeitet werden muss. In den Operationssälen sind große Teams im Einsatz, die alles vor 7 Uhr morgens vorbereiten müssen. Wenn dort jemand wenige Minuten zu spät kommt, ist das schon ein großes Problem. Verzögerungen werden durch den ganzen Tag geschleppt, schlimmstenfalls müssten Operationen abgesetzt werden. Bei einer jährlichen Wachstumsrate von fünf Prozent der derzeit 350 000 ambulanten Patienten und dem prognostizierten Bevölkerungswachstum muss man kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass die Situation sich weiter verschlechtern wird, wenn sich nichts rechtzeitig ändert.

Bei den ambulanten Patienten muss das Klinikum draufzahlen. Wie kommt das?

Holzgreve: In Deutschland wurde nach dem Krieg die relativ strikte Aufteilung vorgenommen, dass für die ambulante Versorgung die gut ausgebildeten niedergelassenen Ärzte in den Praxen zuständig sind und die Krankenhäuser nur für die stationäre Versorgung. Die Uniklinika erhielten aber den Auftrag, auch ambulante Patienten zu betreuen, weil sie für die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses und für die Forschung wichtig sind. Die Vergütung erfolgte aber bewusst in einer sogenannten Hochschulpauschale recht niedrig, weil für ein Krankenhaus der Maximalversorgung ambulante Versorgung nur eine Ausnahme bleiben sollte. Das durch die vielen ambulanten Patienten und auch durch die über 30 000 Fälle in unserer interdisziplinären Notfallambulanz entstehende Defizit müssen wir also durch die Krankenkassenzahlungen für unsere stationären Behandlungen ausgleichen.

Zurück zum Verkehr. Sie glauben, dass eine Seilbahn helfen könnte?

Holzgreve: Ja sehr, denn die Alternativen sind nicht realistisch. Eine Verbreiterung der Straße ist schon wegen der Bebauung nicht möglich. Eine neue Straße durch den Kottenforst ist grundsätzlich denkbar, aber ausgeschlossen, da Prüfungen ergeben haben, dass ein solcher Eingriff in Flora, Fauna, Habitat keine Chance auf Genehmigung hätte. Die Südtangente, die ich befürworte, müsste zunächst im Bundesverkehrswegeplan an prominenter Stelle stehen, und es bräuchte zusätzlich einen Tunnel.

Eine Seilbahn als Ersatz für eine Straße?

Holzgreve: Eine Seilbahn ist dann besonders attraktiv, wenn diejenigen Menschen, die sich zwischen Orten bewegen wollen, gehfähig sind wie unsere ambulanten Patienten und Mitarbeiter, und es eine Hanglage gibt. Dann kommt in Bonn die Konstellation dazu, dass die zusätzliche Haltestelle UN-Campus im Bundesbahn-Nahverkehrsnetz gerade in Betrieb gegangen ist. Die Idee, dass die Menschen fünf Minuten nach ihrem Umstieg auf dem Venusberg oder in zehn Minuten auf der anderen Rheinseite sind, ist eine hervorragende ÖPNV-Lösung. Ich kenne persönlich viele Mitarbeiter, die gerne dann auf den ÖPNV umsteigen würden, wenn er bequemer und schneller wird.

Auf dem Klinikgelände wird kräftig gebaut. Warum zentralisieren Sie weiter, wenn die Verkehrsprobleme schon so groß sind?

Holzgreve: Wir verbauen tatsächlich bis 2021 etwa 350 Millionen Euro für Gebäude, die aber nahezu alle Ersatzbauten sind. Wir eröffnen im März beispielsweise das NPP-Gebäude, das Zentrum für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik. Diese drei Fächer ziehen aus sehr in die Jahre gekommenen Kliniken in einen modernen Baukomplex, der ganz andere Abläufe und fächerübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht.

Die Kinderklinik wird aber auf den Venusberg ziehen.

Holzgreve: Dieser Umzug ist bitter nötig, weil wir die alte Klinik an der Adenauerallee nur noch mit großem finanziellen Aufwand instand halten können. Im neuen Eltern-Kind-Zentrum, kurz Elki, ist dann die ganze Kinderklinik sinnvollerweise mit der Geburtshilfe unter einem Dach.

Was wird mit dem alten Gelände geschehen?

Holzgreve: Die Universität Bonn, zu der unsere Medizinische Fakultät und das UKB mit ihrer Forschung und knapp 3000 Medizinstudierenden beitragen, wird dort in die Lage versetzt werden, Abteilungen von einigen ihrer jetzigen in der Stadt verstreuten Standorten zusammenzuziehen und zu expandieren.

Ein Problem, das Anwohner auf die Palme bringt, ist die Parksituation.

Holzgreve: Das Problem ist zweifellos da. Es gibt Schätzungen, dass hier rund 500 Autos täglich in der Nachbarschaft „wild“ parken. Die Hälfte sind wahrscheinlich eigene Mitarbeiter, die andere Hälfte Besucher. Wir können nur so viele Parkplätze schaffen, wie wir genehmigt bekommen. Wir schöpfen unsere Möglichkeiten aber maximal aus. Am Nordeingang und an verschiedenen Stellen auf unserem über ein Kilometer langen Gelände haben wir neue Parkplätze geschaffen. Dann haben wir das Parkhaus Süd vor fünf Jahren ans Netz genommen. Das Parkhaus Mitte mit 500 Parkplätzen wird Anfang nächsten Jahres fertig sein.

Übernimmt die Planung der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes?

Holzgreve: Nein, wir sind grundsätzlich nicht nur unsere eigenen Bauherren, sondern müssen Parkhäuser auch komplett aus eigener Tasche bezahlen. Ich denke, dass unsere vielen Baumaßnahmen aber gut und koordiniert klappen. Wir bleiben in der Regel genau im Kosten- und Finanzrahmen.

Gilt das für alle Bauprojekte?

Holzgreve: Ja allgemein, aber dafür müssen wir sozusagen jeden Tag aufpassen und steuern. Es ist interessant, dass in der Diskussion über die Seilbahn derzeit immer wieder argumentiert wird: Das Projekt wird eh wieder teurer. Ich kann verstehen, wo eine solche fatalistische Einstellung in der Bevölkerung herkommt, aber sie darf nicht zum Killer für nötige große Bauprojekte werden. So wurde beim Sozialpädiatrischen Zentrum, das wir vor wenigen Wochen in der Kinderklinik eröffnet haben, von einigen vermutet, dass wir es nicht planmäßig schaffen würden. Aber es hat geklappt, und so können wir nun chronisch kranke Kinder besser behandeln.

Arbeiten Sie mit Generalunternehmern?

Holzgreve: Das ist sehr unterschiedlich. Ein Bildungszentrum mit eher standardisierten Räumen kann man gut mit einem Generalunternehmer bauen. Das Eltern-Kind-Zentrum ist dagegen ein hochkomplexer Bau mit Operationssälen einschließlich Herz-Hybrid-OP, geburtshilflichen Bereichen, Stammzellen-Transplantation etc. Alleine die Belüftung der unterschiedlichen Räume ist sehr komplex. Dort arbeiten wir mit Einzelvergaben in enger Zusammenarbeit mit den Architekten, weil wir besonders hohe Ansprüche haben und die Übersicht über die Details behalten wollen.

Im Vergleich zu anderen Klinika in NRW bekommen Sie im Bereich Forschung und Lehre weniger Zuwendungen. Woran liegt das?

Holzgreve: Wir erhalten wie die anderen 32 öffentlich-rechtlichen Universitätsklinika in Deutschland einen Zuführungsbetrag für Forschung und Lehre vom Land, in Bonn knapp über 100 Millionen Euro, im Durchschnitt in Nordrhein-Westfalen sind es 116 Millionen. Obwohl Bonn im landesweiten Forschungs-Ranking klar auf Platz eins unter den sechs Uniklinika des Landes liegt, bekommen andere Standorte bis zu 20 Millionen mehr. Die Erklärung für diese zu korrigierende Benachteiligung liegt darin, dass das UKB als größte Institution zur Behandlung von Bluterkranken in Europa früher Mengenrabatte für Gerinnungsfaktoren selbst verwenden durfte, die heute weitergegeben werden müssen.

Der Bund macht Ihnen das Leben mit dem Krankenhausstrukturgesetz sicher nicht leichter...

Holzgreve: Wir müssen immer wieder mit den Gesetzesänderungen leben, auch wenn z.B. der neu definierte Fixkosten-Degressionsabschlag uns vor große Herausforderungen stellt. Im Prinzip ist es dabei so, dass Mehrleistungen, die über das hinausgehen, was mit der Krankenkasse zum neuen Jahr vereinbart worden ist, nur noch zur Hälfte vergütet werden oder sogar weniger. Die Idee dahinter ist, dass man verhindern will, dass es zu unkontrollierten Mengenausweitungen kommt. Wir können aber im UKB quasi als letzte Instanz mit dem in Deutschland vierthöchsten Fallschwereindex keine Patienten ablehnen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten, die sich dem General-Anzeiger gegenüber schon einmal beschweren?

Holzgreve: Am UKB haben wir eine Abteilung Lob und Beschwerden, die sich mit Rückmeldungen von Patienten, Überweisern und Mitarbeitern intensiv beschäftigt. Das halte ich, gerade auch wegen meiner Erfahrung mit dem guten Konsens in der Schweiz, für wichtig, und alle Beschwerdeführer bekommen einen von mir persönlich unterschriebenen Brief. Es mag sein, dass die Uniklinika in der Vergangenheit manchmal ein überhöhtes Selbstverständnis hatten. Das ist aus meiner Sicht nicht angebracht. Ich würde aber sagen, dass die Zusammenarbeit in Bonn mit den niedergelassenen Ärzten normalerweise gut funktioniert.

Vor einem Jahr hat das UKB die Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung für Augenärzte bei sich untergebracht. Läuft das?

Holzgreve: Soweit ich sehen kann, mögen die Fachärzte aus den Praxen auch den Austausch mit unseren Ärzten. Übrigens gibt es solche Zusammenarbeit auch mit den sehr guten Bonner Krankenhäusern. Beispiel: Nachdem der Leiter der Kinderchirurgie am Marien-Hospital in den Ruhestand gegangen ist, arbeitet der Nachfolger nun hälftig bei uns und hälftig im Marien-Hospital. Das nutzt beiden Seiten. Weiteres Beispiel: Da es zwei gute geriatrische Kliniken im Johanniter- und Malteser-Krankenhaus gibt, verzichten wir auf eine weitere allgemein-geriatrische Klinik am UKB und haben stattdessen spezialisierte Bereiche für Geronto- Neurologie/Psychiatrie und Orthopädie/Unfallchirurgie neu konzipiert. Wir stehen für Innovationen in der Medizin.