Stress bei Schülern: Immer mehr Kinder depressiv

Stress bei Schülern : Immer mehr Kinder depressiv

Montags Ballett, mittwochs Klavierstunde, donnerstags Fußballtraining, freitags Nachhilfe in Mathe, und zwischendurch müssen Vokabeln wiederholt werden: Der Tagesablauf von Kindern und Jugendlichen ist oft straffer organisiert als der eines Erwachsenen. Die Zahl der jungen Menschen, die dringend Hilfe brauchen, steigt drastisch an.

Hohe gesellschaftliche Anforderungen, ein enormes Lernpensum durch verkürzte Schulzeiten und der Wunsch nach gesellschaftlicher und sozialer Anerkennung verlangen bereits den Kleinsten eine Menge ab. Diesem Druck können nicht alle standhalten.

"Wir beobachten in letzter Zeit einen massiven Anstieg bei der Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund von depressiven Störungen und Angstzuständen dringend Hilfe benötigen", berichtet Dr. Judith Sinzig, Chefärztin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in der LVR-Klinik in Bonn. Mit zum Teil erschreckenden Symptomen: "Selbst Suizidgedanken sind in solch einer Phase keine Seltenheit."

Ihrer Ansicht nach hat der verstärkte Leistungsdruck in den Schulen Anteil an dieser Entwicklung. "Schon mit Beginn der Grundschulzeit werden manche Kinder darauf getrimmt, dass sie unbedingt den Weg zum Gymnasium schaffen müssen", beobachtet die Chefärztin. Einmal dort angekommen, dreht sich die Spirale weiter. Denn wegen der verkürzten Schulzeit durch G8 müssen schon Fünftklässler Höchstleistungen bringen. Vor 16 Uhr endet der Unterricht in der Regel nicht. Viele Schüler haben ihr Tagespensum um diese Zeit noch nicht erledigt. Oftmals schließt sich ein Programm aus Musik, Sport und Nachhilfe an, und Hausaufgaben müssen auch erledigt werden.

"Manche Kinder können diesen Druck aushalten, andere aber nicht", sagt Sinzig. Schließlich gehe jeder Mensch anders mit Stress um, egal in welchem Alter. Wichtig sei, dass sich Eltern schon bei den ersten Anzeichen (siehe Infokasten) professionelle Hilfe holen. Je nach Schwere der Erkrankung kann dies über eine ambulante Therapie erfolgen, manchmal ist jedoch eine stationäre Behandlung notwendig. "Es gibt immer verschiedene Bausteine, auf die wir zurückgreifen."

Neben fachtherapeutischen und psychologischen Maßnahmen können das laut Sinzig auch schon mal ganz simpel Entspannungsübungen oder einfach nur Bewegung und Sport sein. "Unser Ziel ist immer, die Kinder und Jugendlichen am Ende wieder in ihren Alltag zurückzuführen." Manchmal liegen die Ursachen für die depressiven Störungen in einer Überforderung. "Durch spezielle Tests können wir schnell herausfinden, ob die Probleme damit zusammenhängen, dass die Kinder eine Schule besuchen, für die sie eigentlich nicht geeignet sind. Dann reicht meist schon ein einfacher Schulwechsel", so die Fachärztin.

Udo Stein, Leiter des Bonner Jugendamtes, stellt ebenfalls fest, dass Kinder heute immer größeren Belastungen ausgesetzt sind. "Wir führen diese Entwicklung aber nicht unbedingt auf Reformen im Schulsystem zurück." Für ihn liegen die Ursachen vielmehr in gesellschaftlichen Veränderungen. "Sicher beschäftigen wir uns in unseren Beratungsstellen auch immer wieder mit Problemen, die mit steigenden Leistungsanforderungen in Schulen einher gehen. Deutlich mehr Kinder als in vergangenen Jahren benötigen heutzutage jedoch professionelle Erziehungshilfen", so seine Beobachtungen in Bonn.

Seiner Meinung nach spielen dabei auch veränderte gesellschaftliche Strukturen eine Rolle. "Immer mehr Kinder wachsen in Patchwork-Partnerschaften auf anstatt in klassischen Familienverbänden." Anstelle von Vater und Mutter hätten die Jugendlichen dann mehrere Bezugspersonen, die unterschiedliche Regeln aufstellen und verschiedene Werte vermitteln. "Das bedeutet für diese Kinder, dass sie sich stets neu orientieren und anpassen müssen. Und das ist nicht immer ganz einfach", sagt Stein.

"Aber", so stellt Jutta Bennecke, Abteilungsleiterin der psychologische Erziehungs- und Familienberatungsstelle im Jugendamt, fest, "in letzter Zeit melden sich verstärkt Kinder bei uns, die ohne Eltern mit uns sprechen wollen und selbstständig Hilfe suchen." Dabei gehe es meist um Mobbing, in der Schule und auch im sozialen Netzwerk. "In dem Bereich verzeichnen wir eine gesteigerte Nachfrage", so die Psychologin.

Alarmzeichen bei Kindern

"Kinder, die auf eine depressive Störung zusteuern, geben deutliche Alarmzeichen", erklärt Dr. Judith Sinzig von der LVR-Klinik. Eltern sollten aufmerksam werden, wenn die Konzentration der Kinder nachlässt, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit sowie körperliche Erschöpfungserscheinungen und verstärkt Müdigkeit auftreten. Auch ein Rückzug aus bestehenden Freundeskreisen und Isolationen könne ein Hinweis sein. Körperliche Symptome wie vermehrt Bauch- oder Kopfschmerzen sollten ebenfalls nicht unbeachtet bleiben.

Mehr von GA BONN