Präventionsprogramme für Bonner Schüler: Im Kampf gegen den Salafismus

Präventionsprogramme für Bonner Schüler : Im Kampf gegen den Salafismus

Der Missionierung durch fundamentalistische Muslime, sogenannte Salafisten, hält unvermindert an - sei es bei Grillfesten im Park in Tannenbusch, Benefizveranstaltungen in der Mühlenbachhalle, Koranverteilungen auf dem Friedensplatz, aber auch bei Fußballturnieren und auf Schulhöfen.

Und weil die Sicherheitsbehörden die Aktionen nicht nur als Rekrutierungsversuch für die Salafistenszene sehen, sondern auch als Werbung für den Kampf in Syrien, "machen sich vor allem muslimische Eltern große Sorgen um ihre Kinder", weiß die Integrationsbeauftragte der Stadt, Coletta Manemann.

Während die Sicherheitsbehörden versuchen, politisch aktive und gewaltbereite Salafisten im Blick zu halten und potenzielle Syrienkrieger an der Ausreise zu hindern, sind Manemann und ihre Stabstelle Integration bemüht, mit Präventionsprogrammen der sektiererischen Gruppe der Salafisten etwas entgegenzusetzen.

Präventionsprogramm "Wegweiser"

Seit kurzem gibt es das Präventionsprogramm gegen gewaltbereiten Salafismus. "Wegweiser" ist als Modellprojekt des Landes in Bonn, Bochum und Düsseldorf gestartet. "Das Angebot wird gut angenommen", zeigt sich Manemann zufrieden. "Es gab schon viele Anfragen und Infogespräche." Oft seien es Eltern, nicht nur muslimische, gewesen, die den beiden Ansprechpartnern ihre "großen Sorgen um ihre Kinder" geschildert hätten.

"Es gab aber auch schon Gespräche mit betroffenen Jugendlichen." Mit dem Beratungs- und Betreuungsangebot soll der Einstieg in den politisch-missionarischen Salafismus verhindert werden. Das Angebot zielt vor allem auf junge Menschen, die in der Gefahr stehen, sich zu radikalisieren. Zwei Honorarkräfte mit arabischem beziehungsweise türkischem Hintergrund und jeweils einer halben Stelle beraten in ihrer Anlaufstelle in der Dechenstraße, wobei es auch Kontakte zu einigen Moscheen gebe. Bei den Gesprächen mit den beiden Experten zeige sich auch, dass junge Muslime sich gegen Extremismus-Vorwürfe wehren müssen, obwohl sie mit politischem Salafismus nichts am Hut haben, macht Manemann deutlich.

Interreligöses Gesprächsangebot "Ich und Du"

"Wegweiser" ist nicht das einzige Salafismus-Programm in Bonn. An bislang drei Schulen - der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule, der Carl-Schurz-Realschule und der Freiherr-vom-Stein-Realschule - gibt es das interreligiöse Gesprächsangebot "Ich und Du". Im Schnitt einmal die Woche können Schüler, Lehrer und Eltern Fragen rund um Religion im Alltag mit Expertinnen besprechen. Daraus entstehen weitere Aktivitäten, es sollen Vorurteile abgebaut, Informationen vermittelt, Konflikte gelöst werden.

Referenten an Schulen und Islamkundeunterricht

Im Rahmen des Präventionstopfes, den der Bonner Stadtrat zur Verfügung gestellt hat, "können wir außerdem Schulen mit Referenten helfen, die mit Schülern und/oder Lehrern arbeiten. Das ist angelaufen und wird intensiviert", sagt Manemann. "Es gibt aber auch Lehrer, die das Thema eigenständig aufgreifen. Ich behaupte auch: Islamischer Religionsunterricht ist aktive Salafismus-Prävention und muss dringend ausgebaut werden. Wichtig sind aus meiner Sicht auch mehr Fortbildungen für Lehrer. Das muss aber auch Sache des Landes sein." Die Stadt Bonn selbst bietet immer wieder diverse Weiterbildungen für Pädagogen in Sachen Salafismus an.

"Projekt Junge Muslime"

Sehr zufrieden zeigt sich Manemann auch mit dem ebenfalls recht neuen, außerschulischen Projekt von und für junge Muslime. "Es ist ein Angebot des Kommunalen Integrationszentrums an Jugendliche, in Gruppen gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen, dazu Aktivitäten zu entwickeln, sich an öffentlichen Diskussionen zu beteiligen und Kontakte zu Institutionen in Bonn zu knüpfen", so Manemann. "Denn viele junge Muslime möchten ihre Kompetenzen deutlich machen und sind damit Vorbild für andere."

"180-Grad-Wende"

Dieses Projekt läuft in einigen Stadtteilen an und wird auch von jungen Migranten getragen. Sie zeigen Präsenz, kommunizieren Regeln des Zusammenlebens und vermitteln Angebote. "Ziel ist, in Zusammenarbeit mit professionellen Stellen jungen arbeitslosen Migranten oder solchen mit familiären Problemen zu helfen. Ihnen sollen Konfliktlösungen vermittelt und aufgezeigt werden, wie sie eine konstruktive Veränderung in ihrem Leben entwickeln können", sagt Coletta Manemann.

Finanzmittel für Salafismusprävention

Der Stadtrat hatte 2013 erstmals Mittel für Prävention zur Verfügung gestellt. Für dieses Jahr sind es 60.000 Euro. "Ich hoffe, dass auch der neue Rat diese Arbeit so einvernehmlich unterstützt wie bisher", so Manemann. Hinzukommen - je nach Projekt - Mittel des Landes.

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

"Letztlich bleibt die Aufklärung über religiösen Extremismus eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", sagt Manemann. Nachholbedarf gebe es bei Ausbildungsbetrieben, die Kontakte zu jungen Erwachsenen haben, die über Schulen und Jugendangebote nicht mehr zu erreichen sind. Manemann appelliert, junge Muslime nicht von vornherein als potenzielle Radikale abzustempeln, sondern ihnen eine Chance zu geben, sich beruflich zu integrieren.

Sportpädagoge Younis Kamil, der in Tannenbusch mit dem Projekt "Rheinflanke" Muslime bei der Berufssuche begleitet, pflichtet Manemann bei: "Wer viel im Leben erreicht hat, hat auch viel zu verlieren." Kamil kennt viele Muslime, die Diskriminierung erlebt haben, und schildert ein Beispiel: "Zwei Jugendliche, ein Deutscher, ein Marokkaner, haben sich bei einem Arbeitgeber beworben. Obwohl der Marokkaner die bessere Qualifikation hatte, wurde er nicht einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen." Kamil warnt deshalb, Diskriminierung könnte dazu führen, dass sich junge Migranten von der Gesellschaft distanzierten.

Einen guten Überblick über dieses Phänomen des religiösen Extremismus bietet das Buch "Salafismus - Auf der Suche nach dem wahren Islam" von Behnam T. Said und Hazim Fouad (Hg.), Herder-Verlag, 527 Seiten, 24,99 Euro.

Mehr von GA BONN