1. Bonn
  2. Stadt Bonn

Premiere im Jungen Theater Bonn: Höllische Hitze im Erziehungscamp

Premiere im Jungen Theater Bonn : Höllische Hitze im Erziehungscamp

Moritz Seibert inszeniert ein packendes Jugendstück nach dem Roman „Löcher - Das Geheimnis von Green Lake“ von Louis Sachar

Der vierzehnjährige Stanley Yelnats (der Fanilienname ist die Umkehrung seines Vornamens, was man sich merken sollte für die nicht ganz unkomplizierte Geschichte) ist ein echter Pechvogel. Papa ein leicht durchgeknallter Erfinder, Mama hüpft auf einem Gymnastikball durch die Wohnung. Von seiner Schulklasse wird Stanley bös gemobbt, und dann fällt ihm auch noch ein eklig stinkendes Paar Turnschuhe auf den Kopf.

Die gehörten aber einem berühmten Baseballstar und waren für eine Wohltätigkeitsauktion vorgesehen. Stanley steht also plötzlich als Dieb vor Gericht und hat die Wahl zwischen Jugendknast und Camp Green Lake. Letzteres klingt besser und irgendwie nach den Ferien, die seine Eltern ihm nie ermöglichen konnten.

Leider gibt es keinen grünen See in dem texanischen Jugendstraflager. Nur höllische Hitze, Durst und harten Sand, in den die Jungs täglich tiefe Löcher graben müssen, was ihrer moralischen Charakterbildung dienen soll. Unter der Aufsicht des eigentlich ganz netten Mr. Pendandski, genannt Mum, und des ziemlich brutalen Mr. Sir. Die jungen Mitgefangenen gehen nicht gerade zimperlich mit dem Neuling um. Schnell heißt er Caveman und soll buddeln bis zum Umfallen.

Empathie ist nicht angesagt bei coolen Typen wie X-Ray, Magnet, Torpedo und Deo, die hier zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft gedrillt werden sollen. Es sind in die Asozialität gefallene Kinder, die menschenunwürdig behandelt werden und folglich den Druck ans schwächste Glied der Kette weitergeben.

Soweit ist das für Stanley schon okay, aber irgendwie hat es was zu tun mit einen uralten Fluch, der einst seinen lettischen Ururgroßvater ereilte, diesen „Taugenichts und Schweinedieb“.

Moritz Seiberts Inszenierung (Regie und Bühnenbild) von „Löcher – Das Geheimnis von Green Lake“ nach dem 1998 erschienenen Erfolgsroman des US-Amerikanischen Autors Louis Sachar überlässt viele Verzweigungen der weit in die Vergangenheit reichenden Geschichte der Vorstellungskraft der Zuschauer. Ein paar Holzpodeste genügen für die karge Wüste und die anstrengende Schaufelei im tiefen Untergrund. Ein schlichter Turnschuh kann auch das Schweinchen sein oder als Handwerkszeug fungieren im Kampf mit den feindlichen Elementen.

Die zehn jungen Darsteller (alle Jugendrollen sind doppelt besetzt, insgesamt sind also zwanzig beteiligt) bilden ein ungemein bewegliches und emotional bewegendes Team. Oscar Kafsack (alternierend mit Gustavo Maia-Jochim) als Stanley springt vom szenischen Spiel flott in die Erzählung. Ilkay Pfaff (alternierend mit Jari Suppert) gibt den kleinen Zero, der mehr Zahlen als Buchstaben beherrscht und abhaut, weil der Tod immer noch besser ist als ein Lochleben.

Die dramatische Flucht der beiden Freunde endet jedoch gut, weil eine tüchtige Anwältin (Giselheid Hönsch) vor keinem Klapperschlangennest zurückschreckt. Eine Dea ex machina ist auch dringend nötig, wenn der fiese Boss (Andrea Brunetti) mit hochgiftigem Nagellack hantiert. Aus dem erwachsenen Profi-Ensemble glänzen außerdem noch Jan Herrmann und Thomas Kahle in verschiedenen Rollen. Eine wichtige Rolle spielen neben den fantasievollen Kostümen von Brigitte Winter noch ein Lippenstift der legendären Banditin Kissing Kate, saftige Zwiebeln, gelbgefleckte Eidechsen, ein Boot, ein Schatzkoffer und der Kochtopf von Stanleys Vater (Jan Herrmann), der inzwischen das endgültige Mittel gegen übelriechenden Fußschweiß gefunden hat. Dass es deshalb wieder regnet über Green Lake, würden wir nicht direkt beschwören. Nur die Theatermagie, die auch das Unwahrscheinlichste ermöglicht. Begeisterter Premierenbeifall nach gut zweieinviertel Stunden.

Nächste Familien-Aufführungen (empfohlen für Publikum ab zwölf Jahren) am 24.5. und 13./14.6. jeweils um 19.30 Uhr. Karten u.a. bei allen Ticketshops des GA.