Gedichte und Prosa in der Natur: Hölderlin und Mörike begleiten Wanderer im Kottenforst

Gedichte und Prosa in der Natur : Hölderlin und Mörike begleiten Wanderer im Kottenforst

Eine Wanderung der besonderen Art gab es am Wochenende im Kottenforst. Unter der Leitung von Sabine Brinkmann wurden Gedichte und Prosastücke vorgetragen.

Eingepackt in einen dunklen Steppmantel, vertieft sich der Blick Sabine Brinkmanns in ihre Arbeitsmappe. Zusammengeklebte Prosastücke und Gedichte finden sich dort und entfalten ihre Wirkung, wenn Brinkmann sie andächtig vorträgt. Sanft, jedem Wort genug Raum gebend. Sonnenstrahlen dringen durch das satte, grüne Laub hindurch, der Gesang von Amseln und Meisen begleitet hintergründig die Verse: „Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte / Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.“

Um die pensionierte Gymnasiallehrerin haben sich fast 40 Literaturbegeisterte versammelt. Mit oder ohne Walkingstöcke, Pfefferminztee und Wanderschuhen. Als Brinkmann Eduard Mörikes „Er ist’s“ vorträgt, stimmen alle mit ein und intervenieren, wenn die Flora zu kurz kommt: „Es kommen erst die Veilchen!“, tönt es weniger tadelnd, sondern eher erheitert aus der Teilnehmergruppe. Zusammengefunden haben sich die textsicheren Wanderer aufgrund einer Initiative der Goethe & Hafis Buchhandlung sowie der Röttgener Buchhandlung.

Germanistin Sabine Brinkmann, die am Beethoven-Gymnasium lehrte, erzählt zwischendurch die ein oder andere Anekdote aus Schulzeiten oder macht botanische Exkurse in die Welt der Eichen. Zu jeder Situation ist der passende Vers schnell gefunden: „Wir haben einen Schatz an schönen Gedichten. Hölderlin war ein passionierter Wanderer. Viele sagen, man höre, dass er mit schnellem Wanderschritt gedichtet habe“, schwärmt Brinkmann.

Wanderung war schnell ausverkauft

Hölderlin ist bisweilen 60 Kilometer am Tag gewandert, damals, von Nürtingen nach Bordeaux. Vier Kilometer Marsch von der Röttgener Buchhandlung bis zum Bahnhof Kottenforst sind heute das Ziel. Buchhändler Jalal Rostami erklärt, wie es zu der Idee gekommen ist: „Wir feiern in diesem Jahr Jubiläum unserer Buchhandlungen und haben über das Jahr hinweg einige Veranstaltungen geplant. Frau Brinkmann ist eine sehr belesene Frau, veranstaltet viele kulturelle Veranstaltungen und hilft uns hier und da bei der Buchhandlung aus.

Gerhard Kleefuß wohnt hier ganz in der Nähe und ist ehrenamtlicher Wanderführer beim Eifelverein Bonn. Irgendwann kamen wir ins Gespräch und so wurde die Idee der literarischen Wanderung geboren.“ Eine Idee, die so gut angekommen ist, dass an der Ankündigung im Schaufenster der Buchhandlung in der Reichsstraße ein kleines Schildchen mit dem Wort „Ausverkauft!“ angebracht wurde.

Nicht nur Rostami wandert mit, auch seine Mitarbeiterinnen und natürlich einige Kunden. „Ich bin Dauerkunde und passionierter Leser. Als wir von der Veranstaltung gehört haben, dachte ich mir: Das gönnen wir uns mal“, sagt Teilnehmer Gerald Möller auf dem Wanderweg, kurz nachdem die Gruppe unter einer Autobahnbrücke, vorbei an abgesägten Baumstämmen und Plastikrohren wandert.

Gespräche über Steingärten und Artensterben entwickeln sich unter den Teilnehmern und schaffen durch Brinkmanns passende Verse ein stärkeres Bewusstsein, wie massiv der Mensch in den vergangenen Jahrzehnten in die Natur eingegriffen hat: „Früher sollen sie / Wälder gebildet haben und Vögel / auch Libellen genannt kleine / Huhnähnliche Wesen die zu / Singen vermochten schauten herab.“ 35 Jahre alt sind diese nüchternen Verse aus Sarah Kirschs Gedicht „Bäume“, das Brinkmann gleich zweimal vorträgt, 300 Meter vor dem Ziel an der Waldgaststätte „Bahnhof Kottenforst“. Drum herum: Neubaugebiet. Vom Wald ist auch hier nicht viel geblieben.

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