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Die Helden der Regale: Hochkonjunktur bei Bonner Lebensmittelhändlern

Die Helden der Regale : Hochkonjunktur bei Bonner Lebensmittelhändlern

Wegen des Coronavirus kaufen die Bonner mehr Lebensmittel als sonst. Logistik und Mitarbeiter gelangen an ihre Grenzen und tun alles, um die Versorgung sicherzustellen. Im Großen und Ganzen ist die Lage in Bonn bislang ruhig.

Doris Henseler muss schon wieder hinter ihrem Tresen herkommen. Es ist eine Geduldsprobe für die sonst so nette Dame, die die Kunden an der Information des Edeka-Marktes Mohr empfängt.

An den Kassen rücken die Menschen wieder zu eng zusammen, die schwarz-gelben Klebestreifen, die als Orientierungshilfe für den richtigen Abstand dienen sollen, werden übersehen. Oder bewusst ignoriert, Henseler ist sich da nicht so sicher. „Ich mache immer wieder Durchsagen, weise die Leute persönlich darauf hin, aber kurze Zeit später scheint alles vergessen“, erzählt sie.

Die Tage mit dem Coronavirus sind für die Mitarbeiter im Einzelhandel nervenaufreibend und anstrengend. „Was wir hier erleben, ist das Weihnachtsgeschäft mal zehn“, sagt Christopher Mohr, der die Filiale an der Bornheimer Straße leitet. Von morgens bis abends sei das Geschäft voll.

„So voll, dass die Kunden sich fast über den Haufen fahren.“ Die Umsatzzahlen hätten sich verdoppelt, die Edeka-Lager gäben alles, um der Nachfrage hinterherzukommen. „Es ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmesituation.“

Mohr sitzt mit seinen Kollegen Murat Kilic und Thomas Brauer im kleinen Büro des Lagers. Für die drei sind es ruhige Minuten, in denen sie von den vergangenen Tagen erzählen. Kilic berichtet von Mitarbeitern, die ihren Urlaub verschieben, um auszuhelfen und sich unabhängig von Abteilungen zu unterstützen.

Die aber auch viel aushalten müssen, wenn mal wieder ein Regal leer ist. „Geprügelt hat sich hier noch niemand, aber die Stimmung ist angespannt.“

Kurz darauf ist es mit der Ruhe im Büro vorbei. „Einer muss sich mal um die Einkaufswagen kümmern“, knarzt es aus den Funkgeräten. „Die haben wir schon längere Zeit, aber gerade lernen wir sie richtig zu schätzen“, erzählt Mohr. Schnell zu kommunizieren sei momentan unbedingt nötig, denn ständig ergäben sich neue Situationen.

„Jede Stunde kriegen wir irgendeine neue Info aus den Medien, von Behörden oder auch von Edeka“, sagt Brauer. Gerade sei die Idee aufgekommen, spezielle Einkaufsstunden für ältere Menschen anzubieten, die zur Coronavirus-Risikogruppe gehören. „Aber wie sollen wir darüber informieren? Das müsste deutschlandweit einheitlich passieren.“

Vieles im Geschäft ist auf die Virus-Pandemie getrimmt. Alle Mitarbeiter tragen Handschuhe. An der Kasse hängt ein Speichelschutz von der Decke. Die Mitarbeiter achten darauf, dass Kunden und sie selbst Abstand halten. Ab Samstag gibt es eine Zugangsbeschränkung: Weniger Eingänge und ein Sicherheitsdienst an der Tür. Einige andere Märkte in Bonn machen das schon, darunter die Drogerie dm. Das Prinzip ist simpel: Einer raus, einer rein. Als Richtlinie gelten 20 Quadratmeter Ladenfläche pro Kunde.

Ein Personalbeauftragter kümmert sich bei Mohr um zusätzliche Aushilfen, mehr als hundert Mitarbeiter gibt es schon jetzt. Das Lager ist als solches nicht mehr zu bezeichnen: Was angeliefert wird, landet kurz darauf im Einkaufswagen. Bei Nudeln hat Christopher Mohr sich schon zusätzliche Lieferanten besorgen müssen, weil selbst die riesige Infrastruktur von Edeka nicht mehr mit der Nachfrage mithalten kann.

Ähnlich sieht es bei Toilettenpapier, Mehl und Milch aus. Theoretisch wäre für alle genug da, wenn niemand hamstern würde. „Wir füllen die Regale mittlerweile in Wellen nach, damit auch die Kunden, die von der Arbeit kommen, noch etwas bekommen.“ Zudem gibt es pro Person Mengenbeschränkungen, beim Toilettenpapier ist nur noch je Einkauf eine Packung erlaubt.

Eine derjenigen, die für Nachschub sorgen, ist Magdalene Rudner. Eine zierliche junge Frau, der die Müdigkeit anzusehen ist. Als sie ein Mann um die 50 nach Nudeln für eine Suppe fragt, lässt sie sich nichts anmerken. „Ich kaufe für meine Schwiegermutter ein, sie ist über 70, ohnehin schwach und sollte nicht mehr rausgehen“, erzählt der Mann. Rudner kann das gut nachvollziehen. Sie hat ihrer 83 Jahre alten Nachbarin angeboten, für sie einkaufen zu gehen. „Es ist wichtig, dass wir jetzt aufeinander achten“, sagt sie.

Mohr weiß, was derzeit von seinen Leuten abverlangt wird. Deswegen will er wie viele andere Geschäftsführer in Bonn von der Möglichkeit, sonntags zu öffnen, absehen. Raoul Schaefer-Groebel vom Bio-Laden Momo hält die Kapazitätsgrenzen seiner Mitarbeiter für ausgeschöpft. „Wir können unser Personal nicht noch mehr belasten.“ Auch die Supermarkt-Ketten Denn’s, Mix-Markt und Bergfeld’s möchten ihre Mitarbeiter schonen – genauso wie hiesige Metzgereien und Getränkehändler. Bei Mohr gibt es für die Angestellten Obst und Getränke gratis, Arbeits- und Pausenzeiten sind gelockert.

Motivation sei wichtig. „Wir arbeiten jetzt nicht für die Zahlen, die sind erstmal egal. Wir arbeiten für die Gesellschaft.“ Trotzdem gebe es auch heikle Situationen. Etwa dann, wenn Kunden die Einkaufsbeschränkungen nicht akzeptieren oder nicht das bekommen, was sie kaufen wollten. „Aber gleichzeitig erfahren wir viel Wertschätzung und Verständnis, hören so oft ein Danke.“

Doris Henseler wäre trockene Einsicht manchmal lieber, sie musste gerade wieder eine Runde drehen und auf die Sicherheitsabstände hinweisen. „Mal sehen, was noch kommt. Das weiß man in diesen Tagen ja nie so richtig.“