Statistik des Geomarkting-Unternehmens Nexiga: Hier leben in Bonn die kinderreichsten Familien

Statistik des Geomarkting-Unternehmens Nexiga : Hier leben in Bonn die kinderreichsten Familien

Bonn gehört nach einer Statistik des Geomarkting-Unternehmens Nexiga zu den kinderreichsten Städten Deutschlands. Hier leben besonders viele Familien mit drei oder mehr Kindern. Zwischen den einzelnen Stadtteilen gibt es große Unterschiede.

Anke Henges hat lange überlegt, ob sie nach zwei Söhnen noch ein weiteres Kind haben möchte. Ihr Mann Holger wollte, leistete Überzeugungsarbeit – und es wurden sogar Zwillinge. Heute sind sie Eltern von drei Söhnen und einer Tochter im Alter von 17, 15 und zwölf Jahren. In Bonn sind Familien mit drei oder mehr Kindern keine Seltenheit. Ihr Anteil beträgt, gemessen an allen Haushalten, nach einer Studie des Geomarketing-Unternehmens Nexiga rund 5,15 Prozent. Damit liegt Bonn unter den Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern bundesweit an der Spitze. Hier leben die kinderreichsten Familien. Der Schnitt liegt bei 3,3 Prozent.

Familie Henges wohnt in Dransdorf – einem Stadtteil mit vielen Großfamilien. Laut Studie liegt der Anteil der Haushalte mit drei oder mehr Kindern dort bei 6,24 Prozent. Damit rangiert Dransdorf im Bonner Vergleich auf Platz sechs. Davor liegen nur Hoholz (7,52 Prozent), Medinghoven (7,25), Neu-Tannenbusch (6,99), Ückesdorf (6,83) und Röttgen (6,31). Ein Blick auf die Postleitzahl verrät: Die meisten Großfamilien leben in den Randgebieten der Stadt – vor allem in Beuel, aber auch auf dem Hardtberg und im Bonner Norden.

Das Jugendamt der Stadt geht davon aus, dass es Familien mit drei oder mehr Kindern vor allem in Gebiete mit größeren Wohnungen wie zum Beispiel Medinghoven zieht. Darüber hinaus seien vermutlich Stadtteile interessant, die von Familien wegen ihrer Umgebung als besonders attraktiv wahrgenommen werden. Darunter fielen Neubaugebiete, in denen es viele Spielplätze und Kindergärten gibt.

Ein weiterer Indikator sei der soziale Status, erklärt Doris Mathilde Lucke, Professorin für Soziologie an der Universität Bonn. Sie habe den Eindruck, dass vor allem in der Bonner Südstadt viele kinderreiche Familien leben. Gerade finanziell gut gestellte Ehepaare hätten statistisch gesehen oft überdurchschnittlich viel Nachwuchs. „Kinder sind auch ein Statusfaktor“, sagt Lucke.

Doch auch in unteren sozialen Milieus gebe es viele kinderreiche Familien, wenngleich die Motivation häufig eine andere ist. In diesen Fällen seien Kinder vor allem Lebenssinn stiftend. „Deshalb lassen sich manche Väter die Namen ihrer Kinder auf die Haut tätowieren. Nachwuchs ist hier teilweise ein Ersatz für die fehlende berufliche Perspektive.“ Laut Lucke gebe auch eine soziale Schicht, in der Kinder mehr und mehr zur Seltenheit werden. „Viele Paare in der Mitte der Gesellschaft haben Zukunftsängste. Sie setzen keine Kinder in die Welt, weil sie nicht wissen, was noch kommt.“ Hier bestehe eine große Unsicherheit, gerade was das Finanzielle betreffe.

Dieses Phänomen kann das Ehepaar Henges bestätigen. „Wir haben uns deshalb ganz bewusst Geld zurückgelegt, damit wir unseren Kindern etwas ermöglichen können“, sagt Holger Henges. „Wir wollen, dass sie anderen Kindern in nichts nachstehen“, ergänzt Anke Henges. Zeitweise werde es finanziell schon mal eng, vor allem wenn in der Schule Klassenfahrten anstehen. In solchen Phasen sei es nicht leicht, allen Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden.

Betreuungsplätze in BonnFür Familien, die mit ihrer Situation überfordert sind, gibt es drei Beratungsstellen in Bonn: die städtische, die der Caritas und die Evangelische Beratungsstelle. Christiane Wellnitz hat als Familientherapeutin und stellvertretende Leiterin der Evangelischen Beratungsstelle einige Konfliktsituationen erlebt. Die Probleme von Familien mit mehreren Kindern seien jedoch häufig dieselben wie bei allen anderen. Anfangs seien Eltern, die viele Kinder haben, zwar häufiger überfordert als andere. „Wenn die Kinder jedoch älter sind, kehrt sich dieses Phänomen häufig um, weil sich die Geschwister gegenseitig helfen und den Eltern Arbeit abnehmen“, weiß Wellnitz.

Viele Kinder zu haben, bedeutet nicht zuletzt, zu verzichten, resümiert Holger Henges. Während andere Karneval feiern, bleibe man Zuhause, um auf den Nachwuchs aufzupassen: „Viele wenden sich dann von einem ab.“ Urlaube fielen zudem spärlicher aus als bei anderen Familien. „Am Ende überwiege aber die Freude und der Stolz“ , sagt Anke Henges. Der Stolz auf die Kinder – und auf sich selbst, „dass man es geschafft hat, sie alle großzuziehen“.

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