Die Anlaufstellen der Drogenszene: Handel mit Rauschgift in Bonn blüht

Die Anlaufstellen der Drogenszene : Handel mit Rauschgift in Bonn blüht

In der Stadt blüht der Handel mit Rauschgift. Während die Szene sich nach Schließung des Bonner Lochs zerstreut, versucht die Bonner Polizei, an die Hintermänner zu gelangen.

Es ist zugig am Busbahnhof. Einfach nur zugig. Und trotzdem hat sich am mittlerweile gesperrten Zugang zur U-Bahn unter dem Dach ein gutes Dutzend Menschen versammelt. Es ist die offene Drogenszene, die hier zusammenkommt. Die einen gehen, die anderen kommen.

Als Christa Skomorowsky von der Aids-Initiative mit großen blauen Tüten vorbeikommt, weiß jeder sofort Bescheid. Es gibt saubere Spritzen, Pfännchen, Ascorbinsäure, um Heroin beim Erhitzen richtig aufzulösen. Eben alles, was notwendig ist, um den Drogenkonsum möglichst hygienisch einwandfrei über die Bühne zu bringen.

„Es ist eine Verdrängung im Gang“, sagt Skomorowsky, „eigentlich ist die Geschichte des Drogenkonsums immer eine Geschichte der Verdrängung gewesen.“ Am Kaiserplatz habe sich die Szene in den 70er Jahren getroffen, dann zog sie nach dem Fertigbau der U-Bahn ins neu entstandene „Bonner Loch“.

Mit Beginn der Bauarbeiten auf dem Nordfeld gegenüber dem Hauptbahnhof setzte in diesem Jahr eine Diaspora ein, die die Beratung auf der Straße ebenso erschwert wie die Arbeit der Polizei und des Ordnungsamts.

Der Busbahnhof ist eine von mehreren Anlaufstellen, eine weitere ist der kleine Platz an der Thomas-Mann-Straße, vor dem es hinab zur U-Bahn geht. Die City-Station der Caritas liegt am Alten Friedhof, das Johanneskreuz wiederum an der Kölnstraße. Der Hofgarten ist für kleine Deals. Keine einfache Situation. Skomorowsky berichtet, dass es vor dem Kaiserplatz als Treffpunkt mal eine Zeit gab, zu der sich die Leute aus der Szene noch in Kneipen herumtrieben.

Wer Patricia H. (Name geändert), eine Frau Mitte 30 fragt, wo es als nächstes hingehen wird, erhält die Antwort: auf den Kaiserplatz. Zurück zu den Wurzeln sozusagen. „Wir werden mit Füßen getreten. Niemand will uns sehen. Dabei versuchen viele von uns, einfach nur durchzukommen.“ Sie selbst hat vor zwei Jahrzehnten mit Partydrogen angefangen.

Dann kam Kokain dazu und schließlich Heroin. Die ganze Palette. Mittlerweile ist sie seit Jahren von einem Arzt auf die Ersatzdroge Polamidon eingestellt, ohne Beikonsum, wie sie sagt: „Ich habe einen Dealer in Weiß.“ Und trotzdem kommt sie an den Hauptbahnhof. Weil sie nur über den Handel mit Drogen ihr Leben finanzieren könne.

Verlagerung der Szene ist schwer zu steuern

„Mit Hartz IV nahm das Elend seinen Lauf. Wer nicht mehr arbeiten kann, hat heute keine Chance“, meint sie. Eine Bekannte von ihr, 57 Jahre alt, erzählt eine ähnliche Geschichte. Sie kennt auch die harte Frankfurter Szene. „Als ich nach Bonn kam, musste ich nur einmal an den Hauptbahnhof.

Ich wusste sofort, wo alles ist.“ Irgendwie, sagte sie, „hab' ich einen Magneten dafür“. Eines der Grundprobleme sei die Kriminalisierung. Es gebe Polizisten, die seien in Ordnung, „aber manche gehen mit einem um, als wäre man der letzte Dreck“.

Die Kriminalisierung hält auch Christa Skomorowsky für ein zentrales Übel. Deshalb setzt sie sich für eine Legalisierung von Drogen ein. Sie ist davon überzeugt, dass das die Situation der Drogenabhängigen verbessern und ihnen ein würdevolleres Leben ermöglichen würde, wenn das Betäubungsmittelgesetz sie nicht so stigmatisiere.

Um das Gesetz in der Innenstadt durchzusetzen, ist vor allem die City-Wache da. Für deren Leiter Frank Habeth und seine Mitarbeiter ist die Verlagerung der Szene „schwer zu steuern“. Zu dem genauen Vorgehen bei Kontrollen will er aus strategischen Gründen nichts sagen. Viele Ordnungshüter hätten über die Jahre eine vertrauensvolle Beziehung zu den Drogenabhängigen aufgebaut.

„Das ist auch wichtig, damit sie auch das Gefühl haben, dass sie sich bei Problemen an uns wenden können.“ Dass es bei Leibeskontrollen auch mal unangenehm werden kann, schließt er nicht aus. Das hänge stark von den Empfindlichkeiten ab. Aber auch davon, wie gut ein Polizist sein Gegenüber kenne.

Beschaffungskriminalität nimmt ab

Die Bonner Polizei beobachtet jedenfalls zwei Tendenzen: Die klassischen Delikte wie Einbrüche und Diebstähle, die der Beschaffungskriminalität zugeordnet werden, nehmen im Vergleich zum Vorjahr ab. Absolute Zahlen liegen zum Jahresende noch nicht vor. Aber es sieht nach einem Rückgang von zehn Prozent im Stadtgebiet aus, und von 14 Prozent in der Innenstadt.

Zugleich liegen die Preise auf dem Bonner Markt außergewöhnlich niedrig. „Das spricht dafür, dass viel Stoff im Umlauf ist.“ Viele der größeren Dealer und Zwischenhändler verortet die Polizei im Stadtteil Tannenbusch. „Um die geht es uns. Wir wollen wissen, wo die Drogen herkommen, und den Sumpf trockenlegen“, sagt Ulrich Sievers, Leiter der für Rauschgiftdelikte zuständigen Kriminalinspektion 3. Deshalb arbeitet die Ermittlungsgruppe Tannenbusch seit anderthalb Jahren verstärkt daran, die Vertriebswege aufzuklären. In den vergangenen Monaten sei es gelungen, neun größere Dealer in Untersuchungshaft zu bringen.

Auch Nelly Grundwald hat den Eindruck: „Es ist so viel Stoff in der Stadt wie noch nie.“ Ein Kriterium für sie sei dabei, dass viele, die zurzeit mit Methadon oder anderen Heroin-Ersatzstoffen substituiert würden, einen sogenannten Beikonsum benötigten. „Da ist alles auf dem Markt, unter anderem Kokain, Opiate, Amphetamine, Benzodiazepine und natürlich reichlich Alkohol“, sagt die Geschäftsführerin des Vereins für Gefährdetenhilfe (VfG), die seit vielen Jahren in dem 1977 gegründeten Verein tätig ist und sich in der Szene bestens auskennt.

Und der Stoff sei so billig wie noch nie. War die Rate der Drogentoten bis vor wenigen Jahren in Bonn so niedrig wie nie zuvor, so steigt sie Grunwald zufolge wieder an. Diese Entwicklung sieht sie mit großer Sorge.

Nur Bonner dürfen in den Druckraum

Ein Problem: Personen von auswärts, die in Bonn Drogen kaufen, können sie nicht im Druckraum des VfG an der Quantiusstraße konsumieren. Das dürfen nur Bonner. „Dort wären sie aber unter ärztlicher Aufsicht. Wir haben ständig Mediziner hier, die im Falle eines Falles einspringen könnten“, erklärt sie. Doch die Stadt Bonn und die Polizei wollten die Nutzung durch Auswärtige nicht. Sie fürchteten einen Sogeffekt, meint Grunwald.

„Das halte ich für unwahrscheinlich. Die kommen so oder so nach Bonn, weil es hier den Stoff gibt. Und dann konsumieren sie ihn natürlich auch an Ort und Stelle. Im Gebüsch oder anderen einschlägigen Stellen, wie am Stadthaus. Die fahren damit doch nicht brav in ihre Heimatgemeinde zurück.“ Und wenn dann jemand Hilfe benötige, komme sie in der Regel zu spät.

Für Grunwald ist es wichtig zu vermitteln, dass die Drogensüchtigen eine Krankheit haben und nicht per se kriminell sind. „Jeder von uns sollte froh und dankbar sein, wenn er von dieser Krankheit nicht betroffen ist“, sagt die 58-Jährige. Jeder Einsatz, jede Hilfe lohne sich für diese Menschen. „Früher galt der Spruch, entweder bist du mit 30 clean oder tot“, erinnert sich die Geschäftsführerin. Inzwischen wachse die Zahl der Drogenkranken, die 60 und älter seien. Eine gute soziale und medizinische Betreuung ermögliche ihnen, Lebensjahre zu gewinnen.

Nicht nur das zunehmende Angebot an Stoff in der Stadt bereitet Grunwald Sorge. Weil die Stadt sparen muss, sind auch wichtige Angebote für die Suchtkranken weggefallen wie die stationäre Krisenintervention in der Anlaufstelle an der Quantiusstraße. Dort konnten immer sechs Personen in besonders schwierigen Phasen gleichzeitig aufgenommen und für eine Weile betreut werden.

„Die Stadt war aber fair, sie hat rechtzeitig das Gespräch mit uns gesucht und es dann uns überlassen, wo wir die geforderte Einsparung vornehmen.“ Damals mussten Caritas, Diakonie und VfG gemeinsam rund eine Million Euro in der Suchthilfe einsparen.